Hike your Bike - Rothaarsteig!

"Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!" Der Deutsche Bahn Angestellte wusste nicht welche Tragweite und Tiefgründigkeit seine Worte für die folgenden drei Tage erhalten sollte, als er becks auf die Frage nach dem recht kurzen Umstiegszeitfenster in Warburg beruhigte und sie dabei halb tröstend in den Arm nahm. Doch wie waren wir überhaupt nach Kassel Wilhelmshöhe um 21:02 Uhr geraten, wo wir uns doch schon längst in Brilon-Stadt, sattelfest Richtung Unterkunft befinden sollten?

Unser Vorhaben, den Fernwanderweg "Rothaarsteig" innerhalb von 3 Tagen mit dem Mountainbike abzufahren, begann genau genommen in Herborn-City, als wir uns um 16:20 Uhr in den Regionalexpress "Deutsche Bahn" mit je 7-Kilo Handgepäck und unserem Mountainbike begaben. 7-Kilo Handgepäck - das galt eigentlich nur für Rebecca Dittmar, die sich weder von ihrem 8-teiligen Hygienset noch von einer dezenten Kleidungsauswahl trennen konnte. "Leute, Hauptsache gut aussehen - auch auf dem Rothaarsteig!" Den ersten Streckenabschnitt bis zur Universitätsstadt Gießen meisterte unser aller Freund, die Deutsche Bahn, noch mit Bravour. Doch schon bei nachfolgendem Umstieg, sollte unser Transportmittel ihrem Ruf mehr als gerecht werden und bis Oberkante-Unterlippe völlig überfüllt sein. Auf dem Gleis nach Cölbe, unserer nächsten Destination, tummelten sich traubenförmige Menschenmassen, die sich mit Pilgerausrüstung, Umzugskartons und 5-Monatsgepäckstücken in den Zug zwängen wollten, der bereits aus allen Nähten zu platzen drohte. Willkommen Wochenende. Oh, Überraschung: Pfingstferien. Ach, wer hätte denn nur gedacht, dass Menschen verreisen wollen?! Das unflexible Management der DB ließ uns unseren Traum vom Rothaarsteig beinahe schon in Gießen platzen, als der Zug nach Cölbe ohne uns, in komplett entgegen gesetzter Richtung Brilons, kaltblütig auf Gleis 1 stehen ließ. Missmutig stellte sich Löön auf ein langweiliges Wochenende in Fleisbach ein, während sich Daniel und Kristin auf die Suche nach einem Großraumtaxi begaben und ich schon mal nach einer Alternativ-Mountainbikeroute in der Gießener Berglandschaft recherchierte. Lediglich becks, die sich bis dato dezent aus der Vorbereitung und Planung des Trips zurückgehalten hatte, machte sich bereit für ihren großen Gala-Auftritt am Gießener Gleis 1. Geschwind zückte sie ihren wichtigsten Wegbegleiter und untrennbaren Gefährten, das liebe kleine iPhone, und klickte sich galant durch das Bahnnetzwerk Mitteldeutschlands, um innerhalb von Sekundenbruchteilen eine 3-stufige Routenverbindung nach Brilon-Wald zu finden. Unsere geplante Ankunft um 19:58 Uhr in Brilon-Stadt war zwar damit Geschichte und musste um 3 Stunden nach oben korrigiert und um eine Schleife durch halb Deutschland verändert werden, doch sofern sich alle weiteren Anschlussverbindungen ebenfalls verspäten sollten, und in jedem der 3 Anschlusszüge Platz für 5 Mountainbikes war, konnte der neugeborene Plan aufgehen.

Nun gab es einen kleinen Haken bei der Geschichte. Neben dem Unsicherheitsfaktor "Deutsche Bahn", hatte sich nun auch die Ankunftszeit auf späte 22:20 Uhr und somit auf fehlendes Tageslicht abgeändert. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz erwähnen, dass ich meine 600-Watt Fahrradlampe zu Hause liegen lassen musste und meine, zur Sicherheit mitgeführte Kopfstirnlampe, noch am Herborner Hauptbahnhof dezent belächelt wurde. Jedoch hatte mittlerweile die Hauptreiseorganisatorin Löön wieder Feuer und Flamme gefasst und bereits die Nummer des Bauernhofes in Altenbüren gewählt, in der wir übernachten wollten. Nach einem kurzen Dialog war unser nächtlicher Transport ab Brilon-Wald gesichert: Ein Viehzuchtwagen sollte bereit stehen! Ein Hoch auf den Bauernhof!

Wir nahmen also den nächst möglichen Zug nach Cölbe, einem Ort so unattraktiv wie Edingen, der uns jedoch einen Aufenthalt von 1,5 Stunden bescherte. Schon während der Fahrt hatte mich mein knurrender Magen dazu gezwungen, die beste und einzige Pizzeria in diesem überschaubaren Ort ausfindig zu machen, in der wir an der idyllischen Hauptstraße sitzend, einkehrten und unser vorzeitiges Abendessen vollzogen. "Na dann schmeiß schon mal den Ofen an, Kollegah!" rief becks, noch in Hörweite, während der Kellner der Pizzeria "Da Carlo" flucks in die Küche eilte. "Hat jemand die Uhr im Blick?" "Und die Fahrräder auch?", zwischen Rucola, Pizza Hawai und Vorderschinken nahmen wir den nächsten Streckenabschnitt nach Kassel Wilhelmshöhe in Augenschein. "Das Zeitfenster ist knapp, wir müssen von Gleis 3 noch auf die 9 spurten." "Da ist kein weiterer Verzug mehr drin!" Wir warfen dem Kellner der Pizzeria "Da Carlo" noch ein großzügiges Trinkgeld auf den Tisch und radelten wieder Richtung Cölbe Hauptbahnhof, wo uns bereits die gute alte Bahndurchsage auf eine 5-minütige Verspätung unseres Zuges aufmerksam machte. "Na super, dann haben wir in Kassel nur noch 6 Minuten Umstiegszeit!" Eine gute Stunde irrten wir durch den Schwalm-Eder-Kreis bis wir Kassel-Wilhelmshöhe erreichten, uns auf die Räder schwangen und bis Gleis 9 rollten. Gerade rechtzeitig bremsten wir vor unserem korrekten Steig ab, als eine weitere Bahndurchsage verkündete "Ihr Zug nach Hamm hat 7 Minuten Verspätung!" 5 Minuten Umstiegszeit minus 7 Minuten Verspätung - man muss kein Mathe-Ass sein um sich auszurechnen, dass wir den letzten Anschlusszug verpassen würden. In diesem Moment fing die neu promovierte Bahnmasterin Rebecca Dittmar den Schaffner ab und erfragte, halb verzweifelt, halb aufgeregt und außer Atem, ob wir den Zug nach Brillon-Wald noch ergattern würden. Mit beruhigendem Gesichtsausdruck und einer besänftigten Stimme, schaute der Schaffner sie lange an und sprach "Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das." Die herzzerreißende und zu tränenrührende Szene, wurde durch das laut, ratternde Einfahren der Lokomotive unterbrochen und ehe wir uns versehen konnten, saßen wir auch schon im Zug nach Hamm. Um 21:38 Uhr rissen wir die Türen auf und sprangen in das gegenüberliegende Gefährt auf Gleis 3, um um 21:38:24 Uhr die letzte Etappe nach Brilon-Wald zu nehmen. Am stockfinsteren, völlig verlassenen und verkommenen Bahngelände, stiegen wir als einzig Reisende aus dem Zug aus und manövrierten unsere Räder bis zu einem unbeleuchteten Straßenabschnitt. Ein Pferdetransporter leuchtete uns auf und wir sahen unseren Herbergsvater aus dem Wagen steigen. Als hätte er nie etwas anderes getan, führte er die Mountainbikes sorgfältig über die Rampe in den Wagen hinein und kettete jedes Modell behutsam an. Wir hatten es tatsächlich geschafft! Die erste Etappe, vermutlich schweißtreibender und abenteuerlicher als alles was da noch kommen würde, war überwunden. Gegen 24 Uhr fielen wir in unsere Betten. Der Wecker war bereits auf 7 Uhr gestellt.

"Juli, ich brauch deine Wimpertusche! Meine habe ich zu Hause vergessen." ich entsann mich kurz an den Nachrichtentext am Tage zuvor "Nein, wir können uns keine Wimperntusche teilen, davon gibt es Augenentzündung.", verwarf den Gedanken aber dann wieder und reichte den Pinsel an becks weiter, den ich eigentlich zu Hause liegen lassen wollte. "Was ist denn das hier für ein weißes Pulver in dem 3-Liter IKEA-Plastik-Zip-Beutel?" wollte Kristin wissen, die schon seit einer halben Stunden geputzt, gestriegelt und abfahrbereit auf dem Bett saß und endlich los wollte. "Moment, das ist mein Kraftpulver, das muss ich noch trinken bevor wir losfahren." sprach becks, während sie noch ihren halben Rucksack am Einsortieren war. Auch ich hatte mich mit 6-Kilo Handgepäck etwas übernommen und versuchte vergeblich das Wasserschlauchtrinksystem in den viel zu vollgestopften Rucksack zu manövrieren. Derweil scharrten auch Löön und Daniel mit Füßen, die Abfahrt um 9:30 Uhr stand in Gefahr. Um 9:45 Uhr hatten wir endlich alle aufgesattelt und verließen den Bauernhof in Altenbüren, um unsere lang ersehnte Route zu starten. 170 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter lagen für die nächsten 3 Tage vor uns. In Brilon Marktplatzmitte war der offizielle Startpunkt des Rothaarsteigs, den wir noch mit einem Selfie beglückten. Danach ging es bergauf und nach 750 Metern Waldstich, liefen bereits die ersten Schweißperlen. Die nächsten 12 Kilometer wurden etwas entspannter und becks ließ sich zu der Aussage hinreißen "Na wenn das so weiter geht, ist der Rothaarsteig kein Hindernis." 350 Meter später fingen wir an das Rad zu schieben.

Der Rothaarsteig wurde auf der ersten Etappe zur reinsten Qual. 50 Meter gerades Stück vorwärts, bedeuteten als nächstes einen Kilometer strack bergauf. Verschärft wurden solche sogenannten Rothaarwände durch Wurzelwege, umgefallene Bäume und verstreutes Zweigwerk. Teilweise schoben und trugen wir unser Bike mehr, als dass wir darauf saßen. "Hier sind wenig Genusspassagen dabei." bemerkte ich, während becks gedanklich schon 5 Mal die Abholnummer gewählt hatte. "Das stand so nicht im Programmheft. Storno!" Währenddessen fuhr die Elite, bestehend aus Löön und Daniel und mit hängender Spitze (Kristin) in einem sportlichen Tempo voran. Ich konnte zwar krafttechnisch mithalten, jedoch versagten meine Atemzufuhrorgane auf ganzer Linie. Wie eine alte Dampflock keuchte ich den Berg hoch und rang nach Luft. "Als ob ich das erste Mal in meinem Leben Sport gemacht hätte!". Unterdessen gestand sich becks ein, dass die ein oder andere vorherige Trainingseinheit nicht verkehrt gewesen wäre und dass es ein 30-Liter anstatt 45-Liter Rucksack auch getan hätte. Kurz vor der Etappenhälfte drohte das Stimmungsbarometer von dunkelrot zu rostbraun-schwarz überzuschwenken und wir konnten allesamt dankbar sein, dass becks zwar ein Handy dabei, jedoch in dem dicht benadeltem Wald, kein Netz hatte. Auch versagte Dank Schwächeanfälle die Konzentration bei Rebecca Dittmar, wodurch sie vergeblich die Notrufnummer von Mama Jutta zu keiner Zeit korrekt aufgesagt bekam. Erst kurz vor Ansteuerung der ersten Hütte zur Mittagszeit, legten sich die Gesichtszüge bei becks etwas, wofür man dem geradlinig verlaufendem Hochheidtrail des Sauerlandes sehr dankbar sein kann. Frisch gestärkt durch ein alkoholfreies Russ und einem Blaubeerkuchen führte die Route weiter Richtung Ruhrquelle, bei der wir einige spritzige Trailabfahrten durchquerten, die besonders bei unseren Mountainbike-Gurus Löön und Daniel für viel Freude sorgten. Nach ca. 48 Kilometern erreichten wir Winterberg, welches uns noch mal komplett ins Tal und wieder hinauf zu unserem Hostel "Big Mountain" schickte. Alle waren irgendwie am Ende, jedoch auch glücklich und zufrieden über das erreichte Ziel. Nur becks murmelte diverse Schimpfausrufe vor sich her. Mein aufmunterndes "Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!" trug schon während der Fahrt nicht zur Erheiterung bei und wirkte auch im Zimmer für wenig Erfolg. Erst die wunderbar, heiße Dusche - ein absolut unbezahlbares und hochwertiges Gut - sorgte für allgemeine positive Stimmung. Getoppt wurde der Tag durch einen unfassbar schmackhaften Burger und dem 3:1 Pokalfinal-Sieg der glorreichen Eintracht, den wir jedoch nur noch mit halb-offenen Augen im Live-Ticker verfolgen konnten. Die letzte Amtshandlung an diesem Abend war die Einnahme einer aufgelösten Magnesiumtablette, die unser aller Leben rettete. Um 21:30 Uhr gingen die Lichter aus - Boarding Time.

Kristin wachte am nächsten Morgen mit Magenbeschwerden auf, becks beklagte ihren Gesamtzustand und auch ich warf mir eine Schmerztablette ein. Nur Daniel und Löön schien es mal wieder bestens zu gehen. Das Frühstück, welches wir jeden Tag um 8 Uhr einnahmen, war diesmal sehr umfangreich und offerierte zu gewohnten Materialien auch Pancakes und Lachsstückchen. Becks hatte sich derweil gefangen und reagierte, so etwas ähnlich wie motiviert, bei Ansprache des kommenden 50-Kilometer Abschnitts. Nach 3,5 Kilometern hatte sich diese Phantommotivation wieder versandet, hatten wir eine unnötige, jedoch tatsächlich gut ausgeschilderte Schleife genommen, die man auch mit 500 Meter Asphalt-Geradeausfahrt verkürzen hätte können. Beim folgenden Bergaufabschnitt schlug sich Kristin die Pedale ins rechte Knie und verursachte ein Blutrinnsal noch bevor wir die ersten 30 Minuten auf dem Rad saßen. Dies forderte Daniel das Erste-Hilfe-Set in Betrieb zu nehmen, welches keine Pflaster, dafür aber einen völlig überdimensionierten Mullverband zu offerieren hatte. "Weniger ist oft mehr." Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, überquerten wir den "Kahlen Asten" und legten weites gehend angenehme Strecken bis zur Hoheleyer Hütte zurück. Wir hatten bis dato 14,5 Kilometer hingelegt, was Daniel und becks jedoch nicht davon abhielt um 11:30 Uhr je eine Portion Pommes mit Currywurst zu ordern. Nach ein paar Russ sattelten wir wieder auf und navigierten bis Rhein-Weser-Turm, wo sich 4 Personen mit einem Kraftriegel stärkten und sich eine Person über nicht vorhandenes Mobilfunknetz beschwerte. Bei Kilometer 43,6 erlangte das Stimmungsbarometer bei becks einen erneuten Tiefpunkt. "Ich lass mich jetzt gleich abholen!", "Ich hab keine Lust mehr!" "Was für eine bescheuerte Route!" und dabei verwies sie nochmals auf die abermals unnötige Schleife, die wir bei der Ortschaft "Jagdhaus" gedreht hatten, welche bereits 15 Kilometer hinter uns lag. Ich hatte Mühe und Not das Barometer wieder in gleichmäßige Bahnen zu führen. Tatsächlich gelang es erst, als auch Kristin in ein Motivationsdefizit abrutschte und wir zu dritt, weit abgeschlagen von der Elite, die letzten Kilometer in die Pedale traten.

Gegen 18 Uhr erreichten wir an einem unscheinbaren Waldrand, fernab von Zivilisation, das "Landhaus zum Rothaarsteig", bewirtet von Christel und Friedhelm Weiß. Friedhelm begrüßte uns mit einem "Da habt ihr aber Glück gehabt, wir sind gerade erst von einem Geburtstag gekommen." Und das war der Beginn seines zweistündigen, wortgewandten Vortrages, den er uns bei Empfang, Schlüsselübergabe, Zimmerbesichtigung und während der Brotzeit hielt. "Kennse Mensch ärger dich? Da gib ich Ihnen mal nen Rat. Spielen se das mal rückwärts." und als wir noch mal Brot und Wurst nachorderten, "Ich geh jetzt noch mal kurz raus und dann überlegen se sich das noch mal, bis ich zurück bin. Das mit dem Mensch ärger dich nicht rückwärts." Wir spielten gar nichts mehr, sondern lösten uns nur noch eine Magnesiumtablette auf, rieben den Rücken und die Knie mit Voltaren ein und fielen um 21 Uhr todmüde in unsere Betten.

Um 8 Uhr nahmen wir das letzte Frühstück ein und bereiteten uns auf die letzte und längste Etappe bis Dillenburg vor. "70 Kilometer, das geht fast nur noch bergab." motivierte Daniel "Ja, ja, so wie die letzten Tage." bemerkte becks zynisch, die noch vor dem ersten Pedaltritt ihre Knie nicht mehr spürte. Kristin wägte unterdessen ab, ob sie nicht doch schon kurz vor Ewersbach nach Hause abbiegen sollte, während Löön sehr bedauerte, dass die Tour nun schon bald vorbei und nicht noch länger sei. "Zum Glück fahren wir ja noch durch bis nach Fleisbach!" freute sie sich und ich rechnete kurz aus, ob mein Geld für eine Bahnfahrkarte Dillenburg - Herborn reichen würde. Bis Lahnhof, in dem wir noch einmal ein fulminantes Mahl zu Mittag einnahmen, blieb die Strecke höhentechnisch recht ausgegelichen. In den Haubergen ging es abermals steil bergauf bis steil hinab. Und als wir schon Fellerdilln unter uns sahen, strahlten bereits unsere Siegeraugen. Frisch und munter jagten wir den Weg Richtugn Rodenbach runter und sahen das golg-gelbe Weizen im Dillenburger Hofgarten schon vor uns stehen. Nur noch ganz wenige Meter und Orte zwischen uns und dem Ziel. Ein Katzensprung quasi. Und dann kam sie. Völlig aus dem Nichts. Heimtückisch und unberechenbar.
Die Wand. Die Rodenbacher Wand. Mit dem Namen: Manderbacher Straße. Ernüchterung machte sich breit. Ein radikaler Weg strackaus nach oben. Kein Ende in Sicht. Mindestens 2 Kilometer schoben und fluchten wir den Pfad hinauf. Was für eine unsägliche Ohrfeige, die uns der Rothaarsteig kurz vor Schluss hier noch einmal verpasst hatte. Auch der Wald- und Wiesenweg durch Manderbach sorgte für Unruhe und Missmutigkeit. Manch einer war kurz davor bei Läderach abzubiegen und alles hinzuschmeißen. Am Ende nahmen wir uns noch einmal zusammen, motivierten uns und sprachen sie noch einmal aus, die Worte, die uns bis hierher geführt hatten:

"Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!"

Um 18 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, fuhren wir in die hellerleuchtete Dillenburger Hofgartenstraße ein. 5 Russ lächelten uns an und wir konnten es nicht fassen. Wir hatten es tatsächlich geschafft. 170 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter lagen hinter uns. War das ein Traum? Ich stieß mir ein letztes Mal die Pedale in meine Waden und wusste dass es keiner war. Kettenöl, blaue Flecken und rote Schrammen bildeteten bei jedem von uns ein individuelles Rothaarsteigtattoo an Knien und Waden. Eine Erfahrung und Kernerinnerung, die sich sicherlich tief abspeichern wird. Genauso wie Mama Juttas Nummer, die becks nun endlich ohne Fehler aufsagen konnte.

5 Gefährten - ein Ziel - keine Verletzen - kein platter Reifen - himmelblauer Sonnenschein - und keine Abholung.

Rothaarsteig 2018 - we did it! :)

Die 3 unnützesten Mitnahmen:
- zweites Paar Schuhe
- mehr als ein Top
- Jeans

Die 3 wertvollsten Mitnahmen:

- Selfiestab und GoPro
- Magnesiumtabletten und Voltaren
- Diverse Schmerztabletten

Die 3 großen Lügen des Rothaarsteigs:
1. Gleich geht's nur noch bergab.
2. Ich lass mich jetzt abholen!
3. Die letzten werden die ersten sein.






Oh du schönes Mittenwald (good old Germany)

„Sun of Jamaica, the dreams of Malaika
Your love is my sweet memory. “


Die Wettervorhersage für das bevorstehende Himmelfahrtwochenende klang vernichtend, um nicht zu sagen ganz nach Weltuntergangsstimmung. Doch auch die Dauerregen- und Gewitterwarnmeldungen hielten uns am frühen Morgen nicht davon ab, unser Automobil randvoll bis unters Dach zu beladen und unseren 3 1/2-tägigen Trip ins urdeutsche Mittenwald zu starten. „Hab ich Knitter im Gesicht?“ wollte becks um 6 Uhr morgens von mir erfahren, während ich ihr, noch im Halbschlaf befindlich, mit „Nee, nur die üblichen Falten.“ antwortete und schnell die für 10€ neu erworbene Tchibo Musikbox aktivierte um meine unüberlegte Aussage mit einer unangreifbareren Playlist zu übertünchen. „Was isn‘ das für nen Blechsound?!“ verschmähte Fahrerin Resi mein Soundausgabe-Produkt und forderte die sofortige Abschaltung des Gerätes. Die folgenden 7 Stunden durften wir uns somit mit dem Einheitsbrei von Antenne Bayern vergnügen, da zusätzlich die Hörbuchreihe Harry Potter 1-8 in CD-Form vergessen wurde. Unterdessen hatte sich Eileen Bornhütter bereits Pfefferbeißer Nummer 3 zurechtgelegt und den Blick in Richtung Obst- und Gemüsekorb gerichtet, welcher diverse Früchte, Rohkost und den bunten Mix Paprika Tri-Color beinhaltete. „Die hat die Mettwurst noch im Zahn, da schreit die schon nach der Melone“, bemerkte becks, während sie ihr Pflegeproduktesortiment für den Morgen akribisch auftrug.
Wir wählten die Alternativroute über Österreich, mit der wir den Feiertagsstau rund um München umfahren konnten und ohne größere Zwangspausen unser Ziel, das Gästehaus Döring, bei schönstem Sonnenstrahl  bereits um 14 Uhr erreichten. „Ihr wollt den Klettersteig machen? Na da seids ihr aber 2 Monate zu früh dran, da oben liegt noch meterweise Schnee!“ eröffnete uns unsere Herbergsmutter, in Richtung Karwendel zeigend. Na toll, somit war Programmpunkt Nummer 1 schon mal gestrichen, wodurch die Erdinger Therme weiter in den Fokus rückte. „Es soll ja eh das ganze Wochenende schlechtes Wetter geben...!“

Für den Anreisetag wählten wir eine kleine Wandereinstiegsroute zum Ferchensee, die getrieben durch Hunger und der Vorstellung eines warmen, mit Sahne überdeckten und in Vanillesoße getränkten Apfelstrudels, zugleich im City-Walk von becks angesteuert wurde. 2 Sekunden vor Platzregen- und Gewittereinbruch erreichten wir um 16:13 Uhr die Gastronomiestätte . Das zweite Mal als die Kellnerin mit grünem Strickjackengewand auf die Uhr blickte, rückte der Zeiger auf 16:25 Uhr vor und die soeben servierten Backwaren an Tisch 4 waren Geschichte. becks hatte sich das Gedeck „Zweierlei“ (Apfelstrudel und ein Kampfstück Streusel-Kirsch) geordert und in einer Mordsgeschwindigkeit vertilgt. Ein Strohballen huschte noch an der Kellnerin vorbei, deren verdutzte Augen hinter uns herschauten, als wir bereits wieder um 16:30 Uhr das Etablissement verließen.  Hintergrund war die letzte Abfahrgelegenheit mit dem Bus, um trockenen Fußes nach Mittenwald zu gelangen. Just in diesem Moment hörte es auf zu regnen und die anderen Wanderer gaben uns zu verstehen, dass uns so ein bisschen Gewitter nicht vom Zurückwandern abhalten sollte. Das ließ sich becks nicht zweimal sagen und streifte, mit leuchtenden Augen, ihr neu erworbenes und farblich abgestimmtes  Outdoorequipment über und marschierte stilsicher durch den Regen. „Hauptsache gut aussehen.“ - auch in den Bergen, immer präsent.

Zum Abendmahl kehrten wir im Lokal „Alpenrose“ ein, welches uns mit seiner kulinarischen Auswahl förmlich umhaute. Umrandet wurde das traditionsbewusste und elegant rustikal eingerichtete Lokal, mit einer live gespielten Zittereinlage und einem, in Lederhosen gekleideten Kellner, der sein Handwerk verstand und sich optisch in den echt bayrischen Flair nahtlos einfügte. Auf ein grandioses Mahl und einen langen Anreisetag, folgte eine aufgewühlte Nacht, in der Wespentallien und Massen verarbeitet wurden, bis der Wecker um 7:15 Uhr klingelte.

Gut gestärkt reisten wir am Freitag nach Kochel, um uns dort Mountainbikes für eine mittelschwere Tour mit Singletrails zu leihen. Die ansprechende Tour hatte ich zuvor auf der App "Komot" gesichtet und ausgiebig studiert. 700 Höhenmeter, 25 Kilometer, Fahrzeit 2,5 Stunden, das klang alles sehr bewältigbar. Zudem sollte die Route Kochelsee und Walchensee beinhalten, was wiederum dazu führte, dass sich Resi und becks schon am Strand, im Bikini liegend, sahen. Für preisgünstige 3,49€ lud ich die Offlinekartenversion herunter und startete die Navigation. Die stimmlichen Richtungsanweisungen führten uns zunächst kreuz und quer durch Kochel und beinhalte Routen, die es offensichtlich seit Jahren nicht mehr gab, versperrten ganze Wohngebiete die Anweisung „bitte demnächst links abbiegen und der Nebenstraße folgen.“ Bereits in den ersten 15 Minuten verfluchten wir die viel zu gut bewertete Wander-App und navigierten manuell aus dem Ort und in Richtung Walchensee. Als das Endgerät sich wieder gefangen hatte, befanden wir uns bereits auf einer Schotterpiste, die mit 10%iger Steigung durch dicht bewaldetes Gefilde bergauf führte. Man hatte längst abgezippt und Armlinge, Beinlinge und Jacken in den Rucksack verfrachtet, als die nächste große Steigung kam. Im Hintergrund vernahm ich Fluche und Rügen, während ich selbst mit der „Wand“ zu kämpfen hatte. Selbst Löön, unser Hardcore Bikinggirl, kämpfte auf ungewohnter Hardtail-Maschine und rang mit Schweißperlen. Darf ich noch mal erwähnen, dass wir keinen E-Motor einsetzten? In Kurve 8 und bei Höhenmeter 987 kapitulierten wir dann schlussendlich. Im Schiebemodus beförderten wir das Rad weiter nach oben und fanden nur noch wenig befahrbare Passagen, die nicht gleich strack bergauf führten. An einem Wartungsarbeitensegment breiteten wir unsere imaginäre Picknickdecke aus und brachten Paprika Tri-Color, die restliche Kortingwurst und Bauernbrot zum Vorschein. Während Resi und Becks an Löön und mich weitere spitze Bemerkungen zum Routenverlauf richteten und sich das Stimmungsbarometer bei dunkelrot einpendelte, passierte uns ein einheimischer Mountainbiker, der den kurz bevorstehenden Kriegszustand gerade so verhindern konnte. „Gleich seids ihr oben. Da kommt noch emal ein fieser Stich und dann habt ihrs geschafft. Die Kochelalm ist quasi um die Ecke.“ Das Wort „Alm“ löste bei allen Beteiligten unverzüglich Elan zur Weiterreise aus, sah man das helle Endgetränk, sowie einen Germknödel bereits vor sich stehen.

Als wir nach 2,5 Stunden endlich den Peak des Berges erreichten (man bemerke  noch mal, dass die Gesamtstrecke 2,5 Stunden dauern sollte), hielten wir vergebens Ausschau nach unserer Alm, bis uns passierende Mountainbikefahrer jeglicher Illusion beraubten. „Die Alm? Ja da seids ihr aber noch zu früh, jetzt ist doch noch Nebensaison. Im Juni machen die wieder auf.“ Strafende Blicke ereilten mich und ich regte zur Weiterfahrt an. „Kommt, jetzt geht es doch nur noch bergab.“ Nach einer weiteren guten Stunde, die nicht bergab sondern auch bergauf Segmente enthielt, sichteten wir endlich türkisblaues Wasser. Im schönsten Sonnenschein und unter blauem Himmel eröffnete sich der Walchensee vor uns und schenkte uns einen Panoramablick auf kristallklares Wasser. „Da hätten wir im Bikini liegen können, schon seit Stunden!“ „Immer diese Gewalttouren!“ bemängelnde Stimmen rissen mich aus meiner Faszination. Wenigstens war Löön auf ihre Kosten gekommen und nach einem weiteren Essensstopp, inklusive Pfirsich-Sahnekuchen, einem alkoholfreien Russ und einem klaren Eiscafegetränk, besänftigten sich auch endlich die restlichen Gemüter. Wir radelten weiter entlang des kilometerlangen Sees, bis wir wieder die Heimkehr über den serpentinenförmigen Pass antraten, auf dem uns unzählige motorisierte Objekte begleiteten und begegneten. „Gar nicht so ungefährlich hier.“ Und als wir gerade unsere Bikes im Fahrradverleih zurückgeben und ein kühles Getränk in Augenschein genommen hatten, hörten wir auch schon die Sirenen. Feuerwehrautos, Krankenwagen und Notarzt schnellten an uns lautstark vorbei und ein Helikopter war von weitem zu sehen. Wie wir später durch die Zeitung erfuhren, waren zwei Motorräder, je von oben und unten kommend, miteinander kollidiert. Dieses Geschehnis trübte ein wenig den Abschluss des Tages, unsere Herbergsmutter bestätigte jedoch später, dass es auf dieser Route Alltag sei und sich fast täglich ein Unfall dieser Art ereignen würde. Noch einmal dankbar dafür, dass wir unbeschadet heruntergekommen waren und ignorierend, dass wir für eine 2,5-stündige angesetzte Route 5,5 Stunden benötigt, dafür aber den roten Kreis auf becks Fitness-App geschlossen und tatsächlich 1068 anstatt 700 Höhenmeter zurückgelegt hatten, kehrten wir abends völlig erschöpft in der Pizzeria „Mamma Lucia“ ein und belohnten uns mit einem umfangreichen Mahl in Form von Steinofen Pizza und selbstgemachter Taligatelle. „Hauptsache die Mini Maus ist zufrieden!“ und wir betrachteten noch einmal die Zeichenfigur auf becks Apple Watch, die lobend und Pluspunkte verteilend zurückschaute und uns mitteilte „Es ist 21:30 Uhr. Boarding Time.“

"So kann ich net auf den Berg!" stellte becks am Frühstückstisch zwischen Semmeln und Schwarzwälder Schinken fest, als sie sich in der Fensterspiegelung betrachtete. "Die Zopfrisur muss unbedingt noch mal mit der Bürste bearbeitet werden!" Auch an diesem Morgen hatten die Wetterprognosedienste vollends versagt und offerierten anstatt Platzregen und dunkler Gewitterwolken, Sonnenschein und Plusgrade im 20er Bereich. "Für was habe ich mir denn jetzt eine lange Travellerhose zugelegt, wenn wir nun doch nur reinstes Sommerwetter haben?", beklagte becks, während sie ihre modischen Highlights aus finnischer Herstellung präsentierte. "Wo ist denn da die Zip-Funktion?" fragte Löön, die zugleich die restlichen Paprika Tri-Colors und Überreste von Pizza in Tupper verpackte, währenddessen mir Resi noch vor Wanderbeginn zu verstehen gab, dass ein Aufstieg bis hoch zum Gipfelkreuz keine Option ist. "Spätestens heute Mittag setzt das Gewitter ein und dann sind wir verloren auf dem Berg! Es geht nur bis zur Brunnsteinhütte!" Enttäuscht gab ich nach, nahm mir aber vor den Gipfel noch das ein oder andere Mal während des Aufstiegs willkürlich einzuwerfen und zu bewerben. Die idyllische Route am Fuße Mittenwalds führte die Südseite des Karwendels hinauf und zur derzeit einzig bewirteten Hütte. Dass wir uns in der absoluten Nebensaison befanden, bemerkten wir insbesondere durch Fotostopps ohne jegliche Wanderzivilisation im Vor- oder Hintergrund. Ein vereinzeltes asiatisches Pärchen, das wir bereits am Einstiegspunkt passierten, waren die einzigen Mitläufer auf dem Weg nach oben. Die großzügigen Zeitangaben auf den Wegschildern zur Brunnsteinhütte ließen mich weiter auf eine Gipfelerklimmung hoffen. Auch durch den nicht steil, sondern serpentinenverlaufenden Aufstieg, mit viel Wurzelwerk und einer Hängebrücke, versetzte meine Gefährten in einen Gemütszustand, der deutlich positiver als noch am Tage zuvor erschien. Außerdem hatte ich becks Fitness-App auf meiner Seite, die nach einer Schließung des roten Kreises verlangte. Doch so sehr ich auch den Gipfel vermarktete, grau aufziehende Wolken in nordwestlicher Richtung ließen meine Hoffnungen stets weniger werden. Nach 2,5 Stunden erreichten wir die Hütte, die uns mit Kaiserschmarren, Russ und Almdudler versorgte und uns einen grandiosen Ausblick auf die Alpenwelt offerierte. Noch einmal versuchte ich den Gipfel schmackhaft zu machen und in Szene zu setzen, doch einzelne Regentropfen und eine böse schwarze Wolke machten all meine Bemühungen zunichte. "Wir gehen wieder runter Julia Hecker! Gleich gewitterst und dann sind wir verratzt!" Im Moment des Abstiegs, als alle ihre Regenkleidung aus den Rucksäcken gearbeitet und die Rucksäcke mit entsprechender Schutzvorrichtung versehen hatten, klarte der Himmel wieder auf. Nur fürs Protokoll: es gewitterte an diesem Tag nie.

Für den Abstieg hatten wir außerdem ein paar nützliche Tools auf den Berg geschleppt, die größtenteils aus dem Outdoor-Repertoire von Mama Gabi und Mama Gisela stammten: Wanderstöcke. In die Funktion wies uns Resi fachmännisch ein und verdeutlichte noch mal detailliert das Konfigurieren der Länge des Korkgriffstabes, nachdem ich bemängelt hatte, dass mein Stöcke viel zu kurz seien. Argwöhnisch musterten wir das neue Werkzeug, was unterstützend und Knie-entlastend den Abstieg erleichtern sollte. Löön, becks und ich benötigten eine ganz Weile bis wir die korrekte Justierung gefunden hatten und uns mittlerweile Tränenflüsse vor Lachen im Gesicht standen. Im Nordic-Walking Modus von Gerlinde. S.* (*Name von der Redaktion geändert) bewegten wir uns galant und trittsicher den Berglauf hinunter und stimmten gemeinsam in unseren neuen Ohrwurm "Sun of Jamaica" ein. Um dem 2-stündlich einsetzenden Hungergefühl gerecht zu werden, legten wir auf halber Strecke einen weiteren Essenstopp ein, bei dem Pizza vom Vortag, Paprika Tri-Color vom Vor-vor-Tag und frisch gebackener Erdbeer-Rhabarberkuchen aus vergangenen Zeiten serviert wurde. "Leute, die vergänglichen Produkte müssen als erstes verwertet werden. Und das Plastik kommt in den recyclebaren Beutel!" ermahnte Ozeankind Löön, die unerfreut Resis frisch geöffnete Haribotüte und becks unzählbaren Taschentuchverbrauch beäugte. Unterdessen blickte ich noch einmal sehnsüchtig Richtung Gipfel, der mittlerweile in unerreichbare Ferne gerückt war. Zu Schade aber auch. Am frühen Nachmittag erreichten wir wieder das Tal und machten eine überraschende Entdeckung, als wir einem kleinen türkisblauen Gewässer folgten, der uns zu einem Kieselsandstrand und erfrischendem Flussbett, mit dem Namen Isar, führte. Die Begeisterung war riesig, hatten wir den kompletten Fluss-und Strandabschnitt für uns, keine Menschenseele weit und breit. Der erholsame und fast wellnessfähige Spontanausflug wurde zur Entspannungseinheit, inklusive ausgiebiger Bildersession. Hierbei konnte sich Lööns Tchibo Universaltop als echter Eycatcher etablieren, welches sich nahtlos in Flora und Fauna einfügte und für diverse Modelierungsfotos diente.

Schon bald zog jedoch das nächste Hungergefühl auf und der knurrende Magen dirigierte Richtung Ferienresidenz. Nach einer kurzen Dusche wurde just der Tisch von 20 auf 18 Uhr umgeordert und der zweite Besuch in der köstlichen Alpenrose mit Pfannkuchensuppe, Jägerschnitzel, Spätzle, Spargel und Rumpsteak vollendet. Mit den Worten "Für Dessert gibt es immer einen ganz besonderen Platz im Magen.", machten wir anschließend an dem unfreundlich, bewirtschafteten Eiscafe "Costa" halt, welches uns für Eis-to-go nur das Sünderbänkchen, trotz 25 freier Tischplätze, anzubieten hatte. Auch wurden wir von Löön nochmals für unsere nicht wieder verwertbaren Plastikbecher gerügt, die wir als neue Recycle-Helden gegen essbare Eiswaffeln hätten eintauschen müssen. Zum Abschluss eines sportlich, aktiven und viel zu kalorienhaltigem Wochenende, kehrten wir ins altersgerechte Bar-Etablissement "Alt-Mittenwald" ein, wo mit hochprofessioneller Live-Musik dem Publikum voll eingeheizt wurde und wir Sascha und Rebecca antrafen, die uns Tage und Wochen zuvor mit allen Informationen rund um Mittenwald versorgt hatten und zugleich die frohe Botschaft überbrachten, dass wir mit unserer Gästehauskarte natürlich nicht, wie gedacht, kostenfrei die Karwendelbahn rauf und runter fahren konnten. "Womit sollen die denn hier Geld verdienen, wenn die allen Touristen die Gondelfahrt hinter her schmeißen", lachte mein Bruder. "Na, vielleicht indem die die Souvenirläden auch samstags bis 20 Uhr und sonntags wenigstens vormittags geöffnet ließen!" An den Erwerb eines Muttertagsgeschenkes in der beschaulichen Fußgängerzone war somit nicht mehr zu denken. Wir beschlossen also den Abend nur noch mit der Randveranstaltung "Germany - 0 Points" zu beenden, auf die - genau wie auf das Wetter - wieder mal kein Verlass war und Deutschland so gut wie seit "Wadde hadde dudde da" nicht mehr abschnitt.

"Denkt dran, man muss schnell essen bevor das Sättigungsgefühl einsetzt." läutete becks noch mal die letzte Runde Frühstück im Gästehaus Döring ein, bevor wir ein himmelblaues Mittenwald (es war Regen gemeldet) verließen und mit kaum Stau Richtung Heimat chauffierten. Nur wenige Essenspause (5-6 an der Zahl) wurden während der 8-stündigen Rückreise eingelegt, bei der auch endlich die lang gehorteten Currywurst-Chips und Mini-Muffins ihren herbeigesehnten Auftritt bekamen. Ob die Mini Maus, trotz vieler aktiver und schweißtreibender Aktivitäten, am Ende wirklich mit unserer Leistung zufrieden war, lässt sich bezweifeln. Mit ihren olivengroßen Augen, hatte sie uns trotz häufig verdeckter Sicht stets im Auge behalten und bemerkte spätestens nach Chipsanwendung, den fettigen und nicht übertünschbaren Abdruck am Uhrdisplay. Der künstlichen Intelligenz können wir schon jetzt nichts mehr vormachen. Es sei denn Ortungsdienste und mobile Daten führen mal wieder zum Totalabsturz der Technik. In diesem Sinne ein Hoch auf die Natur und Charlotte Roches netten Dreizeiler, der uns durch Mittenwald begleitete:

"Im Wald triffst du keine anderen Menschen, die dir voll auf den Sack gehen, und du bist nicht gezwungen, Plakate zu lesen, Werbung in deinen Kopf zu lassen und anschließend bei Amazon einzukaufen. Die Natur will dir nichts verkaufen. Du sollst nur sein, im Hier und Jetzt. Glücklich."


Top 3 – Unnütze Mitnahmen
* Bikini
* Kletterausrüstung
* Tchibo Musikbox

Top 3 – sinnvollste Mitnahmen
* Magnesiumtabletten
* Taschentuchsortiment
* Traveller Outfits

Top 3 – Verbrauchsmaterialien
* Taschentücher (davon mind. 12 Packungen von becks verbraucht)
* Kortingwurst
* Paprika Tri-Color









Morocco Surf

Das Beste zum Schluss. In Australien und Nicaragua hatte ich bereits das Brett unter den Füßen und konnte es in Summe auf 2 Sekunden Standzeit bringen, doch Taghazout übertraf dieses wellengenormte Highlight um ein Vielfaches. Für läppische 30€ pro Person erhielten wir ein Wetsuit, ein Board und einen Privatcoach, der uns zunächst die Trockenübung und anschließend den Livemodus näher brachte. Jeder investierte Cent zahlte sich hier aus, denn das wichtigste beim Lernen sind wie immer die guten alten Erfolgserlebnisse. Im Kampf gegen die Wellengewalt stürzten wir zu Beginn mehrfach in die Fluten, doch wurde „Paddle, Stand-Up and Surf!“ nach jedem Versuch sehenswerter. Am Ende gelangen uns einige vielversprechende Moves, mit denen wir das Board fast bis zum Strand lenken konnten. Wahnsinn! Atemraubend! Salzwasserlastig! Wie bei anderen Sportarten muss man an Willen und Kraft viel investieren, doch für einmal sicher auf dem Board stehen ist jeder Aufwand und jeder Sturz die Sache wert. Und im Gegensatz zum Mountainbiken fällt man wenigstens weich ;-)) Nach 2 Stunden Wellenbrechen dröhnte der Kopf und die Kraft ließ nach. Erschöpft, aber glücklich und zufrieden marschierten wir mit dem Board zurück ins Fischerdorf und gönnten uns einen frisch gegrillten und marrokanisch gewürzten Burger. Fabelhaft!

Noch einmal steuerten wir unser Gefährt bis nach Agadir wo sich unsere Reise dem Ende zuneigt. 7 Tage Marokko - ein Trip voller Gegensätze! Ich muss am Ende feststellen, dass mir das Format Roadtrip und Individualreisen sehr zusagt. Man nimmt das Land noch viel intensiver auf und lernt die Menschen und wie sie ticken besser einzuschätzen. Auch ist man wesentlich flexibler und kann die ein oder andere Verschnaufpause einlegen, was bei einer Gruppenreise kaum denkbar ist. Auch ist nicht jeder Morgen ein Montag und jeder Abend ein Freitag, man hat es selbst in der Hand. Und so lange man sich mit der Fahrweise und den Gangstern der Welt arrangieren kann, ist das Weiterkommen eine gut zu bewältigende Aufgabe. Zum Schluss können wir festhalten, dass Atlasgebirge und Küste die absoluten Highlights des Trips waren und definitiv nochmal intensiver unter die Lupe genommen werden müssen. Marokko ist zu meiner großen Verwunderung doch noch sehr mittelalterlich unterwegs. Damit hätte ich tatsächlich nicht gerechnet. Tut aber in Summe keinerlei Abriss, denn das ist ja genau das was man sehen will. Authentische Länder.

Wir ziehen Bilanz und führen auf unserer Highscore Getränkeliste:
  • Minztee 
  • Orange-Karottensaft 
  • Café Noir
Häufigste Delikatessen:
  • Oliven 
  • Olivenpaste 
  • Oliv.. nein, gekochtes aus dem Tajin
Der März und April haben sich als äußerst angenehme Reisezeit erwiesen. Es war immer gerade warm genug und eine dankenswerte Brise Wind lag zu jeder Zeit in der Luft. Ein- bis zwei Monate später und wir wären vermutlich am Strand und vor allem im Auto gekocht gewesen. Marokko, wer hätte gedacht dass so ein vielfältiges Land doch so nahe liegt.

Ich denke es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir diese aufregende Gegend gesehen haben. Das Atlasgebirge ruft und der Surfmodus ist gerade erst richtig aktiviert worden.

Yaallah, yallah - Adventure awaits!

 Endstand Marokko - Solarium .. sprechen wir lieber nicht drüber🙈















Die Karawane zieht weiter...

„Hier fährt auch einfach jeder wie er will!“ Es herrscht geradezu Anarchie auf Marokkos Straßen, zumindest was die Städte betrifft. Aus Marrakesch wieder zu entkommen gestaltete sich weitaus schwieriger, abenteuerlicher und gefährlicher als der gesamte Gebirgspass. Zunächst verliefen wir uns noch einmal gnadenlos auf der Suche nach unserem Parkplatz und irrten mit Sack und Pack durch die Lehmboden behafteten Ghettos Medinas. Die nächste böse Überraschung erlebten wir beim Erblicken des Autos. Der vor zwei Tagen inhaftierte, dubiose Parkwächter war wieder auf freiem Fuß. Er ließ uns zwar zunächst noch einsteigen, versperrte uns dann jedoch den Weg und verlangte 200 Dirhams. Was für ein Spinner! Michi verhandelte und ich warf ihm im strengsten Ton, den ich aufbringen konnte, „Police, we call the Police!“ entgegen, ohne zu wissen wie deren Telefonnummer lautete. Die Situation wurde angespannter, der Ton rauer und der Gangster immer wütender. Gedanklich sah ich ihn schon eine Muskete oder ein Säbel zücken. „50 Dirham and not more!“ verhandelte Michi. „J‘appelle la police!“ warnte ich noch mal auf ganz schlecht ausgesprochenem Französisch. Mit zornigem Blick gab der Gauner endlich nach und räumte widerwillig den Platz frei. „Nix wie raus hier!“ stimmten wir beide ein, während Michi das Gefährt slalomartig an Eseln, Pferden, Mopeds, Menschen und Kamikaze gefährdeten Katzen vorbei manövrierte. „Spuren, Zebrastrafen, Ampeln, - für was haben die das eigentlich?!?!“

Eine völlig unattraktive Strecke, entlang purer Einöde führte uns Richtung Essaouira, einem Ort an der Küste. Nicht viel mehr als ein paar augetrocknete Flussbetten, verfallene Lehmruinen und dürre Sträucher zierten die Weiterfahrt. Erst kurz vor dem Meer wurde es grüner, eine Allee aus Arganbäumen und die Attraktion des Tages: Mehrere Ziegen auf einem dieser Mandelbäume. Welch ein kurioser Anblick! Man mochte meinen jemand hätte mit Photoshop getrickst, hätte man die Tiere nicht leibhaftig an dem Baum hochklettern sehen. In Essaouira spielten sich gerade die Windsurfer Weltmeisterschaften ab. Ein wahrhaftig windiger Strand mit fantastischem Wellengut. Leider etwas zu frisch um darin zu baden, doch tückisch genug um den unbedarften Mitteleuropäer rot zu rösten. Ich denke das wird nichts mehr mit dem Braun ;-) Die Altstadt Essaouiras ist definitiv ein Eycatcher und bietet so manche, verwinkelte und liebevoll eingerichtete Cafés und Restaurants. Wir aßen an diesem Tag je zwei Fisch. Ein Glück, es war ja auch Karfreitag!

„Also der Beruf Schafhirte ist hier doch noch sehr weit verbreitet.“ Nach einem erholsamen Tag in Essaouira starteten wir die letzte große Etappe unseres Trips. Zurück nach Agadir mit Zwischenstopp in Tagazhout. Die malerische Strecke führte zunächst durchs Landesinnere. Grüne Bäume und Sträucher, bergige Landschaft und jede Menge Dromedare, Schafe und Ziegen. An jeder Ecke war ein Ziegen- oder Schafhirte zu finden. Im absoluten Nichts, weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Auch Arganöl wollte so mancher Ein-Mann-Betrieb am Straßenrand, mit lediglich einem Tisch und einem Stuhl als Verkaufsfläche, an die Kundschaft bringen. Die Umsatzstatistik vermute ich eher als deprimierend.

Der zweite Teil der Strecke führte entlang der Küste und meterhohen Wellen. Immer wieder mussten Fotostopps eingelegt werden, weil die Gewalt von auf Gestein treffendes Wasser, einen immer wieder in den Bann zieht. Die marokkanische Great Ocean Road endete in einem sehr gechillten Fischerort namens Taghazout. Ein Surf-Mekka wie aus dem Buche. Surferboys, Reggaemusik, legere Kleidung, keine Moschee und auch kein Allah Akbar. Dafür sehr viel internationales Publikum und jede Menge Surfbretter und meterlanger Strand. Michi und ich aßen zu Mittag (Burger, Pommes, Curry-Kokosnuss) und machten dann Nägel mit Köpfen. „1x Surfschule für morgen Vormittag 10 Uhr, bitte!“ 300 Dirham per Person - was kostet die Welt?! Kurz vor Ende unserer Reise hauen wir einfach noch mal alles raus.












It‘s Tea Time

„Allāhu akbar“ schallt es jeden Morgen um 5:19 Uhr durch die blechernen Lautsprecher über die Stadt hinweg und weckt jeden noch so guten Schläfer aus seinen tiefsten Träumen. Die fast einstündige, monotone Versansammlung hat recht wenig mit dem sanften Weckton eines Smartphones zu tun und auch die Schlummerfunktion wird sehnlichst vermisst. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit am Ende, des fast Nerv raubenden Gebetsrufes, glockenhellwach zu sein sehr viel höher und gerade zu von Erfolg gekrönt.

Aufstehen, Dachterrasse, Frühstück, Minz-Tee, Pfannkuchen und Marmelade. Raus aus dem fast totenstillen Riad und rein in das Gassengewirr Medinas, der pulsierende Altstadt Marokkos. Hupen, Enge, Staub, Gewürzgerüche, Feilschen, Handeln, bunte Farben, wenig Ruhe, immer auf der Hut, Stoffe, Kleider, Kannen, Allerlei. Ein Basar aus hunderttausend und abermillionen Sachen. Ganz viel Zeug. Wenig Brauchbares. Weiterstreifen durch die Souks. Frische Oliven, Makronenplätzchen, Blätterteig, Orangen, Minze, Koriander, Safran, Kümmelgewürz. Hühner in Käfigen, Gemüse, Obst und Fisch, völlig plastikfrei und uneingeschweißt auf Decken und Planen am staubigen Boden liegend. Mopeds, Fahrräder, Esel und Pferde streifen. Ist das jetzt echt Bio? Zu Mittag Dachterasse, Minz-Tee, Oliven, Brot und Käse. Aussicht auf Türme, Moscheen und Paläste. Touristen, Busse, Fotografen, Stimmengewirr. Hitze, stechende Sonne, erneute Gebetsrufe. Weiter auf einen Kaffee am Markplatz Jemma el Fna. Schlangenbeschwörer, Affen an Ketten gelegt, Kutschen, Touristenabzocke, frisch gepresster Orangensaft. Laufen, ausweichen, weitergehen. Vorbei an bettelnden Frauen und Kindern. Duft von Arganöl und Fäkalien. Eierhändler, Schuhmacher und Hinterhöfe. Siesta. Dachterasse, Minz-Tee, Wasser, Schach. Gebetsrufe im Hintergrund. Durchatmen. Noch einmal losziehen für Abendessen mit Ausblick. Weißwein, Käse in Blätterteig, Olivenpaste, Brot und frische, eingelegte Oliven. Hühnchen, Couscous, Zitronensauce, Aubergine, Fisch im Tajine zubereitet. Sanfte Gitarrenklänge, schwarz-blauer Himmel, seichter Feuerschein.

„La ilaha illa llah“ 19:56 Gebetsrufe. Ein Tag in Marrakesch neigt sich dem Ende zu.













Das verrückte Labyrinth

Links, rechts, rechts, links, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Der Weg vom Hotel nach draußen glich einem Jump & Run Spiel aus den 90ern. In Level I galt es sich einen Weg durch die lehmhaltige, schlecht beleuchtete, menschenleere und verwinkelte Unterführung bis hin zum Ausgang zu bahnen. Vorbei an streunenden Katzen und zwielichtigen Abzweigungen, die in Sackgassen endeten. Erreichte man die Pforte zur markttreibenden Gasse, forderte Level II die Auffindung des gestern geparkten Autos, mussten wir den Parkplatz noch um zwei weitere Nächte verlängern. Entlang belebter, bunter und Händler besetzter Gassen, immer den Mopeds, Kutschen und Viehwagen ausweichend, irrten wir durch die schmalen Wege, in denen jede Abzweigung der anderen glich. Navigation zwecklos. Vorbei an Blechschildern, Stoff- und Lederwaren, Teekannen und Gewürzläden, fünfmal vorwärts und viermal wieder zurück, erreichten wir nach einer gefühlten Ewigkeit den zwielichtigen, schotterbehafteten Hinterhof, auf dem unser Auto stand. Michi hatte den 100 Dirham Schein bereits gezückt und der marokkanische Pächter eilte uns aus seinem Zweitgewerbe, einem Buntgemischwarenhandel, entgegen. Die Dollarzeichen leuchteten schon in seinen Augen und seine volle Aufmerksamkeit galt dem grünen Scheinchen, welches Michi in den Händen hielt. Im Moment der Bargeldübergabe schossen plötzlich aus dem Hinterhalt 3-4 schwarze Mopeds und packten den Parkwächter. Wie in einem schlechten Mafia-Film durchsuchten die vier unscheinbaren Männer den Typen und setzten ihn in Handschellen auf eines der Mopeds. Irritiert verfolgten wir den vor uns ablaufenden Gangsterfilm und starrten abwechselnd auf die Männer der Mopedgang und dann wieder auf den Parkwächter, der gestikulierend auf die Männer einsprach und seine Felle davon schwimmen sah. „Police“ sprach der Frontman der Mopedgang und zeigte auf seine Pistole. Das Imperium hatte also zurückgeschlagen. Nach der gestrigen Abzocke ein Sieg auf ganzer Linie! Team Deutschland war wieder zurück im Spiel. „Den Guide von gestern schnappen wir uns auch noch!“ sagten wir uns, nach dem wir dem zivilen Polizisten eine genau Personen- und Mopedbeschreibung abgegeben hatte. Wir ließen das Auto stehen und zogen zufrieden und mit einem breiten Erfolgsgrinsen von dannen.

Level III - Gangsterfestnahme wäre somit auch abgehakt. Mir graute schon vor Level IV. Wir marschierten weiter durch die Souks von Marrakesch und entfernten uns von Touristenpfaden. Die Souvenirhändler wurden weniger, dafür fand man nun Gemüse,- Obst,- und Fleischwarenanbieter an jeder Ecke. Wir probierten uns durch die lokale Küche und wagten das Erlebnis ‚Street Food am Straßenrand‘. „Die Oliven bekommst du ja hier hinterhergeworfen!“ stellten wir nach Erwerb eines 100g Beutels für 18 Cents fest, als wir uns die grünen Kugeln einwarfen. Es folgte ein Dessert, in Blätterteig gerollter Kakao und nusshaltige Masse. Sozusagen eine komprimierte Nussecke. Sensationell! Als Hauptgericht wählten wir frittierte Auberginen und frittierten Fisch, welchen wir in eine Teigtasche mit roter, pikanter Soße manövrierten und am Stand genüsslich verspeisten. Andere Touristen beäugten unseren Mut respektvoll. Szenenapplaus. Level IV ging leichter als gedacht.

Am Ende unserer Erkundungstour hatten wir den Ausgang und somit die Stadtmauern von Marrakesch erreicht. In der prallen Mittagssonne zogen wir zurück zu einem großen Platz, auf dem abermals Händler um Händler zu sehen waren. Und eine schwarze Kobra. Ich hatte nur kurz zu ihr rüber geblickt und mich schnell wieder von dem angsteinflößenden Tier abgewandt, da hatte der Schlangenmeister auch schon Michi eines dieser windigen Viecher um den Hals gelegt und wollte ein Bild schießen. „Wieviel kostet das?“ Handeln - können wir. Nochmal lassen wir uns nicht abzocken. Gegen meinen Willen wurde auch mir eine grüne Schlange um den Hals gelegt und ein obligatorisches Bild mit der schwarzen Kobra im Vordergrund erstellt. Kleines Bonusmaterial gab es für Michi auch noch mit oben drauf. „Ihh.. das ist ja Stuhl.“ bemerkte er, als er resigniert an seiner Hose herunterschaute und den senfkornfarbigen Streifen entdeckte. Da hat sich die Schlange vor Angst aber mal ganz schön auf die Hose geschissen. Level V - wir hätten es nicht gebraucht.

Ein Hoch auf Rei in der Tube und Siesta zur Nachmittagszeit. Wir haben uns den lokalen Gegebenheiten angepasst und spazieren nicht mehr dilettantisch durch die starke Nachmittagshitze. Zum Abschluss eines läuferisch anstrengenden Tages Dachterasse, Sternenhimmel, Shisha und zwei Bier. Level VI - ich mag es.

 


 















The Long and Winding Road

„The road is not for Sissies and requires strong nerves. Only for adrenalin junkies and people with no fear of heights.“ Wer auch immer den Beitrag auf dangerousroads.org verfasst hat, muss entweder ein sehr schwaches Nervenkostüm gehabt haben oder ist Amerikaner und kennt nur meilenbreite US-Highways. Wer die Waldstrecke Ballersbach - Sinn fahren kann, der kann auch einen marokkanischen Gebirgspass überqueren! Einfach ein paar steile Abhänge, möglichen Steinschlag und die Höhe von 2.000 Metern dazu denken und schon passen die Randbedingung. Wir dachten Wunder was uns erwarten würde und gedanklich hatte ich mich bereits von allem verabschiedet. Die beschriebene, einspurige, kurvenreiche und Angst einflößende Strecke im Hohen Atlasgebirge erwies sich jedoch als völlig harmlos und absolut bewältigbar. Nicht zu unterschätzen ist jedoch die Gesamtlänge der Strecke. Benötigt man für die Autobahnroute nach Marrakesch knapp 3 Stunden, sitzt man für die landschaftlich attraktivere und dramatisch, ansprechendere Fahrt unglaubliche 7 Stunden im Auto. Außerdem müssen immer wieder Fotostopps eingelegt werden, denn das marokkanische Outback entspricht tatsächlich der naiven Vorstellung eines altertümlichen Bergvolkes. Mopeds, Esel, Kutschen, Menschen auf verrosteten Klapprädern, verschleierte Frauen, Ziegen, Schafe, und Toiletten wie in Myanmar. Die wenigen Dörfer, die man nach viel Nichts in absoluter Einöde erreicht, sind Durchgangsorte. Menschen sitzen und stehen am Straßenrand und schauen den Autos hinterher. Halb angefangene Häuser oder Bauwerke stehen in der Gegend rum und alles sieht irgendwie ein wenig halbfertig aus. Und doch trifft man immer auf nette Menschen, die einem natürlich das ein oder andere Souvenir unterjubeln möchten und man irgendwann bei „I have kids at home, they need food and medicene.“ nachgibt und bei, wie Michi es ausdrückt, „gebogenem Metall“ aka Silberreif echt made from Morocco, zuschlägt. Es ist aber auch immer die selbe Masche! Zu Mittag dinierten wir bei Berbersalat und Omlett am höchsten Punkt des Passes und kehrten auf dem Weg hinunter noch in diversen Cafés ein um den lokalen Erfrischungsgetränken, frischem Minztee und marokkanischem Kaffee, gerecht zu werden. Auch eine Moscheebesichtigung hakten wir auf unserem Weg nach Marrakesch ab, die in einem muslimischen Land nicht fehlen darf.

Was uns in Marrakesch erwartete entsprach allem, nur nicht dem was ich mir vorgestellt hatte. Ich hatte mich offensichtlich rein gar nicht auf diesen labyrinthartigen Irrgarten vorbereitet. Bei Buchung des Hotels interessierte mich lediglich Sauberkeit und Entfernung bis zum Stadtzentrum. Dass man das Hotel mit dem Auto überhaupt nicht erreichen, geschweige denn zu Fuß auffinden konnte, hätte man sicherlich im Vorfeld recherchieren können. Doch das Lehrgeld bezahlt man immer hinterher. Während Michi und ich noch mit dem Auto durch verwinkelte Gassen navigierten und vergeblich einen Weg zu dem Hotel suchten, hielt uns ein Mopedfahrer an um uns mitzuteilen, dass der Googlekartendienst in Marrakesch so gar nicht funktioniert. Er könne uns jedoch den Weg zeigen, indem wir ihm einfach folgten. Gesagt,- gefahren, arbeiteten wir uns mit dem Auto durch verwinkelte Gassen, in denen wir nur um Haaresbreite von anderen Automobilen, Mopeds und Viehwgem gestreift wurden, bis uns der Typ zu einem Hinterhofparkplatz brachte und uns mit einer Parkgebühr von 10€ am Tag erleichterte. Wer nun glaubte das Ziel sei erreicht, hatte weit gefehlt. Mit Koffer, Rucksack und Handgepäck folgten wir dem Typ zu Fuß weiter durch die marrokanische Altstadt. Vorbei an Souvenirläden, Wechselbüros, Schuhpflegern, Essensbuden und Bettlern. Nach einer gefühlten Ewigkeit bogen wir in eine Nebengasse und anschließend und zu meinem Entsetzen in einen winzigen, verdunkelten und menschenleeren Winkel ab. „Jetzt sind wir verratzt!“ schoss es mir durch Kopf. „Der Typ führt uns irgendwo hin und raubt uns aus. Hier findet es uns doch kein Mensch!“ Ich kam mir vor wie in einem nicht enden wollendem Labyrinth, auf einen Winkel folgte der nächste und von Menschenstimmen kein Laut mehr zu vernehmen. „Unser letztes Stündlein hat geschlagen.“ Es konnte nicht anders sein. „Hier finden wir doch nie wieder raus!“ Und dann erreichten wir eine nichts aussagende braune Kellertür mit der Nummer 30. „Bitteschön, das ist euer Hotel. 40€ bitte für die Führung.“ Michi ließ sich nicht darauf ein und versuchte zu handeln, während der Typ ungeduldig und ausfallend wurde. Mir wurde alles zuviel und ich drückte dem Kerl das Geld in die Hand, Hauptsache er würde verschwinden. Er nahm das Geld lachend in die Hand, verschwand und in dem Moment öffnete sich die Kellertür. In Gedanken sah ich schon das Ende vor mir, denn das konnte ja unmöglich das Hotel sein, entsprach es in keiner Weise dem Imagefoto von urlaubspiraten.de
Zu unser aller Erstaunen eröffnete sich jedoch ein Hauch von Ali Baba und 1001 Nacht. Es war das richtige Hotel, jedoch in den tiefsten Tiefen Marrakeschs versteckt, das selbst GoogleMaps Dienste und wohl auch die NSA niemals orten werden können. „Haben wir dem Typ jetzt ernsthaft 40€ für ne 20-minütige Hotelauskunftsführung gegeben?!?“ fragte Michi. „Ja.“ bestätige ich erleichtert und entsetzt zur selben Zeit. Froh dass wir noch am leben waren, aber dumm sich so über den Tisch ziehen zu lassen!

Stand Marokko - Solarium 1:1 (dank Dopingmittel Karottensaft ;-))
@Resi: das gibt es bestimmt auch in Neuseeland ;)

Fakt ist, der Tizi n’ Pass ist ein absolutes Hightlight und sollte unbedingt gefahren werden. Endlose Weite und unberührte Landschaft. Keine dicht auffahrenden Drängler hinter einem, kein Stau in Front und meilenweite leere Straßen! Auch für Motorrad und E-Mountainbikebesitzer sicherlich ein echtes Erlebnis!