Gut, dass wir verglichen haben.

Es ist nun fast 13 Jahre her, dass ich die wundervolle Erfahrung eines Quarantäne-Aufenthaltes machen durfte. In diesen Tage denke ich gerne zurück und schwelge in Erinnerungen. Ich befand mich damals in der  kanadischen Metropole Vancouver und hatte von einer Pandemie keine Ahnung. Hätte man mich morgens nicht täglich mit der kostenfreien Bahnhofszeitschrift versorgt, hätte ich von öffentlichen Impfungen und dem ständigen Aufruf „Get your vaccination!“ nie etwas gehört. Natürlich war die Schweinegrippe auch DER Sommerlochfüller in Deutschlands Presse. Aber war davon überhaupt jemand wirklich betroffen? Das war eine Krankheit aus Übersee, weit weg. Und warum sollten wir Ausländer in Kanada damit in Berührung kommen? Meine Denkweise änderte sich drastisch, als ich in den dauerhaften Genuss von „Öffis“ gelangte, musste ich als Kurzzeit-Studi eine recht lange Strecke von meiner Gastfamilie bis zur Schule, die sich im Zentrum Vancouvers befand, zurücklegen. Solche Menschenmassen war man als Dorfmensch rein gar nicht gewöhnt. Recht schnell durfte ich aber feststellen, dass das Verbindungsnetz in Großstädten und ohne Aufschrift „DB“ 1A funktionierte. „Was für eine Errungenschaft der Menschheit! Damit wären Autos ja quasi überflüssig. Und der Monatsticketpreis? - Ein Witz!“ Da es in Vancouver und generell in Kanada sehr viel Wasser gibt, durfte man sogar die Fähre nach North-Vancouver nutzen. Mein Kanada-Buddy Fabian fuhr auf diese Weise jeden Tag mit dem Schiff zur Schule. 


Doch back-to-topic: Nach 3 Wochen Schulzeit und der Erkenntnis, dass Großstädte extrem cool, vielseitig und interessant sein können, machte sich eines Montagsmorgens die Kehrseite einer metropolisch, pulsierenden Stadt bemerkbar. Ich hatte mal wieder den wunderbare Skytrain in die Stadt genutzt, für den man morgens, um viertel vor sieben, nur 3-4 Anläufe brauchte, um in ein pressvolles Abteil einzusteigen, in dem sich jeder dicht an dicht gedrängt hineinzwängte und sich nur aus reiner Gewohnheit irgendwo festhielt, um nicht umzufallen, was aber bei der Dichte auch gar nicht möglich gewesen wäre. Im Nachhinein stelle ich mir die Frage, ob in den nordamerikanischen Medien auch Themen wie Mindestabstand, Maskenpflicht und Desinfektion diskutiert und an öffentlichen Plätzen darauf hingewiesen wurde. Eine wirkliche Erinnerung habe ich daran nicht.


Genau eine Schulstunde dauerte es, bis mich ein unbeschreibliches Krankheitsgefühl überrollte und ich mich komplett ausgeknockt fühlte. Meine Lehrerin erkannte die Zeichen sofort und sandte mich on-demand nach Hause. Der Weg zurück war mir kaum noch möglich, war ich quasi nicht mehr in der Lage zu gehen, so schwach waren meine Beine. Natürlich schleppte ich das Virus von der Schule noch mal durch 8-9 Haltestationen in überfüllte Bahnabteile. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mich in meinem Leben noch nie so krank gefühlt habe und auch bis heute keinen vergleichbaren Krankheitsverlauf erleben musste. Das Resultat war eine 1-wöchige Quarantäne und die Diagnose: Schweinegrippe. Nun muss man dazu sagen, dass ich damals in einem Zimmer von ca. 20 Quadratmetern untergebracht war. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Das gegenüberliegende Bad durfte ich nur nach Desinfektion des ganzen Raumes betreten und wieder verlassen. Essen wurde mir vor die Tür gestellt. Damals gab es noch kein WhatsApp, nicht mal Instagram oder Netflix. Dafür gab es eine 9-stündige Zeitverschiebung nach Deutschland und extrem schlechtes Internet, das eine Skypeverbindung so stabil machte wie ein schlecht gebauter Jengaturm. 


Heute, ein Jahrzehnt, zwei Ausnahme-Jahre und eine Zeitenwende später, in denen wir alle zu Pandemie-Experten:innen und Virenforscher:innen gereift sind und das 1x1 des AHA+L-Alphabetes im Schlaf aufsagen können, katapultiert mich, das mittlerweile weltbekannte und legendäre C-Virus, erneut in die Isolation. „Ich dachte Blutgruppe 0 sei unverwundbar.“ textete ich becks in ihre Quarantäne. „Papperlapapp, das waren auch wieder nur Fake-News. - Egal, jetzt können wir die Sache hier auch endlich abhaken.“ 


Die post-moderne-jedermanns-Quarantäne ist jedoch anders. Obwohl man sehr viel mehr Bewegungsfreiheit und Umsorgung hat, zieht sie auch einen gewissen Stressfaktor mit sich. Denn im Vergleich fällt die Krankheit ja glücklicherweise und in den meisten Fällen deutlich schwächer aus, wodurch man sich „nur“ über eine starke Erkältung beschweren darf. Und weil man ja nun Zeit hat, liegt die lang vorbereitete To-Do-List für den Ernstfall eines einwöchigen Home-Aufenthaltes schon bereit. Vorbei sind die Tage an denen man einfach krank sein durfte und auf Heilung wartete. Denn wer in der heutigen Quarantäne nicht mindestens seinen Frühjahrsputz schafft, den Garten umgräbt oder ein anderes, vielsprechendes Bauprojekt umsetzt (hallo Sissy :)) und dazu wenigstens zwei Bücher liest, 3 vegane Gerichte ausprobiert, eine neue Sprache lernt und seinen 8-Stunden Arbeitstag bewältigt, der war, in den Augen der Gesellschaft, vermutlich einfach nur faul. Denn „so ein bisschen“ Corona hatte ja jetzt - ernsthaft -, schon mal jeder. 


Ob ich meine Liste komplett abgearbeitet bekomme, bezweifle ich mittlerweile. Die Zeit,  bis man wieder der Freiheit und Öffentlichkeit ausgesetzt ist, fliegt quasi an einem vorbei. 

Ich frage mich aber nun natürlich wie das so weiter geht. Können wir uns jetzt einmal im Jahr auf solch einen Quarantäne-Aufenthalt einrichten? Kann man den fest im Jahreskalender einplanen? Also Ende April würde mir gut passen, da müssen die Fenster eh geputzt werden und es ist ja auch irgendwie eh noch total durchwachsen. Außerdem ist dann Ostern vorbei und der nächste Urlaub auch noch ein bisschen hin, man will ja nicht dass Corona irgendwelche langen Pläne durchkreuzt. Wenn wir dann alle gleichzeitig in Quarantäne sind, wäre das doch bestimmt gut fürs Klima, Krieg wäre dann auch keiner und überhaupt ginge es der Welt, ohne unsere Dauerbeschallung und Eingreifen in Dinge von denen wir keinen Plan haben, auch irgendwie total und voll viel besser. (merkt man eigentlich, dass ich in den letzten Tagen zu viele Podcasts gehört habe?). 


Wie es auch immer kommen mag, ich wünsche euch allen, dass ihr gut durchkommt, liebevoll versorgt werdet, mit keinen Langzeitwirkungen kämpfen müsst und besser noch: verschont bleibt. Es soll ja immer noch ein paar Exoten geben, die bislang immun geblieben sind. 


In dem Sinne, stay safe and take care! Und vergesst nicht: So eine Quarantäne kann mal gemacht haben. Gehört auf die Bucket-List ;). 





Alta Badia 🇮🇹

[Gasbeitrag von becks]

Sonntagmorgen, Abfahrt Aral Tankstelle Herborn: 'Hä? Wieso fährst du denn links, Kristin? Wir müssen doch nach rechts auf die Autobahn Richtung Gießen, Resi & Jana abholen’ tönte Becks um 5.10 Uhr durch den Bus, der eigentlich schon für 5.20 Uhr in Gießen angesagt war. ‘Wir müssen doch nach Fleisbach Löön einsammeln’ konterte Kristin, ‘die will schließlich auch gern noch mit’. Huch, da hatten wir ja zu Beginn schon fast jemand Wichtiges vergessen.. wer hätte denn sonst auch unsere mitgeschleppten Essensvorräte für zwei Wochen schnabulieren sollen..

Um 6.00 Uhr rollte der Kleinbus inklusive leichtem (Ironie?!) Gepäck und gesamter Crew endlich auf die Autobahn Richtung Süden. Unser Ziel: Südtirol, St. Kassian in Alta Badia. Ein perfekter Ort für Sonne, Schnee, Ski, Boards und Spaß. 🇮🇹⛷🏂🏔☀️

‘Karl Lagerfeld wäre stolz auf uns’ sinnierten Becks und Kristin, die sich trotz der frühen Stunde und der bevorstehenden stundenlangen Autofahrt in eine ordentliche Jeans geworfen hatten, während alle anderen Mitreisenden den Chill-Out-Look bevorzugten. Mit diesem beruhigenden Gedanken und nach einer ereignisreichen Fahrt (Details hierüber nur auf persönliche Nachfrage) erreichten wir nach endlosen zehn Stunden unser Ziel: unsere Ferienwohnung "Residence Costes". Ein schicker und sauberer Zufluchtsort nach langen Skitagen erwartet uns und es fehlte wirklich nichts. Naja außer: Spüllappen, Wasserkocher, Backofen, Pfanne, Klopapier, Salz, Pfeffer, Essig, Öl und Tee (quasi unsere erwartete Grundausstattung der Unterkunft). ‘Ach, das ist doch nicht schlimm Leute, schaut doch mal wie schön es hier ist’ rief Jana, unsere neue Lehrerfreundin, die zum ersten Mal mit uns unterwegs war. Mit ihrer herzlichen Art hatten wir sie sofort ins Herz geschlossen und hätten sie überallhin mitgenommen. ‘Wir haben es soo toll hier, das wird eine schöne Zeit’ freute sie sich und man konnte gar nicht anders als ihr zustimmen. Nach Auspacken und der Essenszubereitung durch Ivana (die uns schon beim letzten Urlaub mit ihren grandiosen Kochkünsten verwöhnte) schmiedeten wir bei selbstgemachten Spaghetti Bolognese Pläne für die nächsten Tage. Ruck Zuck endete der Tag im Boarding-Modus, schließlich hatten wir am nächsten Morgen viel vor. ‘Um 9.00 Uhr am Lift, Leute’ tönte es von Resi noch durch die Wohnung. Da war sie wieder: Die Frau, die diesen Urlaub so perfekt geplant hatte und den Ort und die Umgebung wie ihre Westentasche kannte. ‘Hach, auf die Reiseleitung ist einfach Verlass, wir müssen uns um nichts kümmern’ stellten alle beruhigt fest und gingen mit riesiger Vorfreude schlafen.

Am nächsten Morgen erwartete uns ein grandioses Frühstück mit allem was das Herz begehrte. Löön fand sich im Paradies wieder und legte einen 2 km Lauf zwischen Buffet und Esstisch hin, um alle Köstlichkeiten auszuprobieren. ‘Mensch Löön, wie lange willst du denn noch essen, wir müssen los...’ rügte Resi ihr Gegenüber und starrte auf den Teller, auf dem zu guter Letzt noch vier Muffins, drei Waffelherzen und zwei Croissants Platz gefunden hatten. ‘Wir brauchen doch eine gute Grundlage’ entgegnete Löön und schob sich den letzten Bissen in den Mund. 

Und dann endlich ging es rauf auf den Berg. Vier Skifahrer und zwei Boarder machten sich auf den Weg Richtung Piste. Die ersten Meter auf den Brettern waren wie immer etwas gewöhnungsbedürftig, aber schon nach einer halben Abfahrt waren wir alle zurück im Modus. Leicht bewölkter Himmel, Sonne, Schnee und top Pistenverhältnisse begleiteten uns durch die nächsten Tage und wir alle waren mehr als froh und dankbar hier sein zu dürfen. ‘Wir sind so Glückspilze, Mädels’ freute sich Jana mit ihrer überragend motivierenden Art für uns alle nochmal doppelt und dreifach mit. Wunderschöne Pisten in sämtlichen Schwierigkeitsgraden und wenig Trubel sorgten für entspannte Abfahrten, bei denen jeder auf seine Kosten kam.

An Tag vier hatten wir uns ein besonderes Schmankerl vorgenommen: die "Sella Ronda" auf Ski und Board. ‘Auf gehts Leute, wir müssen uns ranhalten, wir haben 70 Pistenkilometer vor uns’ mahnte Resi zum Aufbruch, während Becks sich nicht zwischen ihren beiden Skianzug-Outfits entscheiden konnte. ‘Leute, so einfach ist das nicht, das Auge fährt schließlich mit’ erörterte Becks und griff gleichzeitig noch zu Kamm und Bürste, um sich eine Flechtfrisur unter den Helm zu zaubern. ‘Ach ja, ich muss mir auch noch die Haare machen’ rief Resi und verschwand ebenfalls nochmal im Bad, während der Rest der Truppe kopfschüttelnd, fix und fertig angezogen im Flur stand. ‘So ist das halt, wenn ihr die zwei Tussis mitnehmt’ entschuldigte sich Resi und Becks versprach sich beim nächsten Mal etwas mehr zu beeilen (Wann genau das war, konnte hinterher niemand mehr sagen).
Endlich konnten wir los und Resi weihte uns in die bevorstehende Route ein. Es war grandios und die Verhältnisse hätten nicht besser sein können. Es hatte die Nacht zuvor geschneit und nun empfing uns wolkenloser Himmel mit purem Sonnenschein. Frischer Pulverschnee und eine malerische Bergkulisse entschädigten für die leicht frischen -13 Grad auf dem Berg und die atemberaubende Umgebung der imposanten Dolomiten waren definitiv jede Anstrengung wert. Resi lotste uns sicher über sämtliche Höhen und durch alle Täler und hatte immer die geographische Oberhand, wenn alle anderen orientierungslos umherirrten. Jeder Lift und jede Gondel waren perfekt getimed und so schafften wir tatsächlich nach acht Stunden auf den Brettern diese großartige Tour. Perfekte Bedingungen und eine Skiführerin à la Carte ermöglichten uns dieses Erlebnis - 
bis auf den letzten Metern dann doch noch etwas schiefging. Wir mussten ja noch zurück auf unsere Heimatpiste und hatten uns naiverweise vorgenommen, zum Abschluss noch über die Pista del Sole (unsere Lieblings-Sonnenpiste) abzufahren. Wir schauten kurz auf die Uhr, es war 15.43 Uhr. Letzte Liftfahrt: 16.30 Uhr. ‘Wir müssen noch zwei Pisten runter, um den letzten Lift Richtung Talabfahrt zu erreichen’ erklärte Resi und erläuterte uns noch kurz die aktuelle geographische Situation. ‘Wir schaffen das’, da waren wir uns alle im Angela Merkel-Stil einig und schlossen gemeinsam das Dreieck. ‘Aber Leute, Sicherheit vor Schnelligkeit’ warf Löön noch in den Raum und alle nickten bedächtig. Nachdem die Gondel uns um 15.58 Uhr auf dem Berg Boé absetzte, hatten wir noch eine Buckelpiste, eine Liftfahrt und eine blaue Piste vor uns, um dann mit dem allerletzten Lift ans Ziel zu kommen. Um 16.11 Uhr kam Resi als erste unten am Lift an, der sich in einer kleinen Talsenke befand, und musste erschrocken und tief deprimiert feststellen, dass dieser Zubringer bereits um 16.10 Uhrseine Tore geschlossen hatte. Da war er hin unser schöner Plan! Während sich nach und nach Kristin, Jana und Ivana ebenfalls an besagtem Lift einfanden, waren Becks und Löön noch auf der Piste zugange und fuhren nichtsahnend von dem eh schon misslungenen Plan in ihr Unglück. Die beiden kamen unten im Tal an und sahen dann vor sich jeweils links und rechts genau eine Liftoption. Weit und breit war niemand sonst zu sehen. ‘Wo sind die anderen denn?’ rief Löön Becks zu, die schon nach links Richtung Sessellift boardete. ‘Hier hab ich eben Kristin reinfahren sehen’ antwortete Becks, ‘ich bin mir aber nicht hundertprozentig sicher’. ‘Ist das nicht die falsche Richtung?’ fragte Löön. ‘Der fährt doch wieder da hoch, wo wir hergekommen sind..’ ‘Aber da war jemand, der sah aus wie Kristin und hat auch mit dem Stock gewunken, dass wir hier rein sollen.’ ‘Wo sind wir denn hingekommen, dass die jetzt schon einfach ohne uns fahren’ wetterte Löön und stieg missmutig mit Becks in den Premium-8er Sessellift ein. Niemand war zu sehen und auch sonst war fast kein Mensch mehr zu finden. Als sich der Bügel schloss kam die Erkenntnis: ‘Ich glaube wir sind falsch’ gab Löön vorsichtig von sich und Becks nickte verwirrt. ‘Scheiße, und jetzt? Die anderen bringen uns um. Wir hatten doch eh schon keine Zeit mehr und jetzt verpassen wir alle Lifte, weil die auf uns warten müssen.’ Angst stieg in uns hoch. ‘Es nützt nix, wir müssen jetzt rauf und dann zusehen dass wir ganz schnell wieder runterkommen’ sagte Becks. In dem Moment klingelte das Handy und Kristin fragte nach dem aktuellen Standort. ‘Wo seid ihr denn, Leute?’ ‘Wie, ihr seid im Sessellift? Das ist falsch, ihr müsst den anderen Lift nehmen!’ Ja, das haben wir selbst gemerkt, aber dann wissen wir ja jetzt Bescheid. 
Oben angekommen fuhren wir ein zweites Mal im Affenzahn die schrecklichste Piste des Jahrhunderts ab, immer mit dem Gefühl im Bauch, gleich vom Rest der Crew gesteinigt zu werden, weil der Plan wegen unseres Denkfehlers dahin war. Zum zweiten Mal unten am Lift angekommen (die Uhr zeigte mittlerweile 16.25 Uhr) stiegen wir in den rechten Sessellift ein. Wohlwissend, dass wir diesmal richtig waren. Auf dem Weg nach oben ein erneutes Telefonat. ‘Wir warten hier auf euch’. ‘Ok, jetzt wird’s’ sprachen Löön und Becks sich gegenseitig Mut zu. Oben auf der anderen Seite des Berges angekommen sprangen die beiden aus dem Lift und dort stand.. niemand. ‘Ich dachte die warten hier auf uns, das kann doch nicht wahr sein’ schimpfte Löön. ‘Wo müssen wir denn jetzt nur hin?’ fragte Becks. Vor uns standen 15 Hinweisschilder in sämtliche Himmelsrichtungen mit Namen, die wir zwar schon mal gehört hatten, aber die keiner von uns beiden geographischen Nieten richtig zuordnen konnte. Die Uhr zeigte 16.40 Uhr an. Die Dämmerung setzte langsam ein und weit und breit waren nur noch vereinzelt andere Skifahrer zu sehen. Ein klein wenig Panik stieg in uns hoch. Dann endlich der erlösende Anruf. Teresa Schmitt, die Koryphäe des Alta Badia Skigebietes fragte am Telefon sachlich und beruhigend nach unserem aktuellen Standort und teilte uns nach fünf Sekunden Überlegung mit, dass uns die rote Piste Nummer 29 sicher zurück zum eigentlichen Treffpunkt führte. Unendlich dankbar schnallten wir unsere Bretter fest und fuhren die angegebene Strecke hinunter. Und endlich war der Rest der Crew zu sehen. Unten, an einem zusätzlichen dritten Lift versammelt, der hinter einer Kurve lag und deshalb von uns nicht geortet werden konnte. ‘Oh man Leute, es tut uns so leid, wir haben’s vermasselt’ gaben Löön und Becks kleinlaut zu und senkten die Köpfe. ‘Wo seid ihr denn auch rumgefahren, ihr Dussels’ fragten die anderen kopfschüttelnd. ‘Wir lassen doch niemand alleine den Lift hochfahren, das haben wir doch noch nie gemacht!’ und lachten dann über unsere Unfähigkeit auch nur den Hauch einer Himmelsrichtung zu erkennen. ‘Jedenfalls kommen wir hier jetzt nicht mehr weiter’ sagte Resi, ‘der Lift hatte schon zu als ich vor einer guten halben Stunde hier unten ankam’. Es dauerte eine Weile bis Löön und Becks begriffen, dass die zwei fatalen Fehlentscheidungen nichts an dem Geschehen geändert hätten. Selbst wenn alle direkt den passenden Lift erreicht hätten, wäre die Tour dort zu Ende gewesen. ‘Das ist die schönste Nachricht des Tages, es lag gar nicht an uns’ freuten sich die beiden Unglücksraben erleichtert. ‘Ach Leute, das ist doch alles nicht schlimm, wir haben die Sella Ronda geschafft, was wollen wir denn mehr? Schaut doch mal was für einen wunderschönen Tag wir hatten! Und wir kommen jetzt auch irgendwie heim’ sprach Jana uns wieder einmal so positiv zu, dass wir alle trotz der nicht ganz perfekten Lage ein kleines Grinsen im Gesicht hatten. Eine halbe Stunde später saßen wir bei einer heißen Schokolade mit Sahne für die Seele im gegenüberliegenden Hotel und warteten auf unseren italienischen Taxifahrer. Mit viel Überredungskunst und einem Paar Ski als Pfand konnten wir ihn davon überzeugen, nach seiner regulären Fahrt zurückzukommen, um uns an Ort und Stelle abzuholen. Zwei Stunden später saßen wir bei einer echten, italienischen Pizza (Belohnung muss sein) in unserem Heimatdorf am Tisch und erörterten die Ereignisse des Tages. ‘Morgen ist schon unser letzter Tag, wie schade’ stellten wir gemeinsam fest. ‘Dann können wir uns ja endlich zum Abschluss nochmal die Weltcup-Abfahrt und fünf schwarze Pisten runterstürzen’ freute sich Kristin begeistert, ‘die roten und blauen sind ja nun mal wirklich nicht steil oder??’ Wir staunten über die anscheinend mehrtägige Unterforderung unserer Kamikaze-Queen und gelobten Besserung. ‘Vielleicht beim nächsten Mal, morgen wollen wir doch nochmal auf die rote Sonnenpiste Mädels oder?’ Alle nickten einstimmig, während Kristin gedanklich ihre morgige Profi-Route studierte. Zurück in der Unterkunft teilten wir unseren Followern noch die Ereignisse des Tages mit, ehe wir unsere Sachen zusammenpackten und anschließend todmüde ins Bett fielen. 

Am Abreisetag nahmen wir nochmal das Standardprogramm der letzten Tage mit: grandioses Frühstück, purer Sonnenschein, perfekt präparierte Pisten, reichlich Spaß, leckeres Hüttenessen und die legendäre Bergkulisse bei der allerletzten Talabfahrt erfüllten nochmal alle Erwartungen an einen ereignisreichen Trip. Als wir uns im Tal mit einem dicken Grinsen im Gesicht und mit den Worten ‘verletzungsfrei check’ abklatschten, waren wir mehr als dankbar über die Erlebnisse der letzten Tage. 
Glücklich und zufrieden packten wir unsere restlichen Sachen in den Bus und machten uns auf den Weg Richtung Heimat. Ein unvergesslicher Urlaub und tolle Erinnerungen an die gemeinsame Zeit werden uns die nächsten Tage und Wochen noch begleiten. Und wir sind alle echt dankbar, dass diese Reise trotz der aktuell schwierigen Zeit überhaupt möglich war.

In diesem Sinne: Mille Grazie Alta Badia, wir kommen definitiv zurück🇮🇹❤️☀️🏔🏂⛷








Heading Up North.. Tromsø, Norwegen 2021

Ein Trip im Norden Norwegens: Tromsø. Wanderungen nach Fløya und Bønnvua, Polarlichter, Trip nach Sommarøy, Kayaking und City Life.

Authentic Norway

„Das ist wie beim Kanu, zum Schluss hat man keinen Bock mehr!“ prangerte Becks an, als wir die letzten Meter mit dem Kayak durch das mittlerweile sonnige Fjord paddelten. Während ich an diesem Morgen meine neue Lieblingssportart im Kayaken gefunden hatte, reklamierte Becks zu wenig Action und Dramatik an. Dabei hatten wir aus Wettersicht Dramatik genug gehabt, begann der Morgen abermals mit Nieselregen, sodass sämtliche Kleidungsschichten, die wir noch im Koffer hatten, herhalten mussten. Unser Guide ‚Tore’ stattete uns außerdem mit einem Neoprenanzug, sowie einer Schwimmweste und Neoprenschuhen aus. In einem mystisch, nebligen Fjord begann unser Kayakabenteuer, an dem noch zwei weitere Girls from Germany teilnahmen. Schon nach wenigen Minuten bemerkten wir, wie meditativ und entspannend sich diese neu erlernte Sportart anfühlte. „Das ist wie Yoga, nur auf dem Wasser.“ stellte ich geerdet fest, als wir uns über die sanften und beruhigten Wellen, entlang der Wasserfall gefüllten Fjorde vorwärts bewegten. „Wo bleiben denn hier die Stromschnellen, die Aktion und der Hindernissparcour?“ mit einem kräftigen Paddelschlag riss mich Becks aus meinem Mediatiomodus und hinfort war die Ruhe und Seligkeit. „Hier könnten wenigstens mal ein paar Wale neben uns auftauchen!“

Auch wenn die Kayaktour vom Aktionismus nicht an vorherige Abenteueraktivitäten anknüpfen konnte, so hatten wir zumindest den Inbegriff von Adventure, Expedition und Pioniergeist an unserer Seite. Wir hatten die Tour bei keinem geringeren als dem norwegischen Reinhold Messner, alias Tore Albrigsten, unbewusst gebucht, der uns durch die Fjorde lotste und mit seinen Abenteuergeschichten von Nord- bis Südpol unterhielt. Seine 10 abgefrorenen Fingerkuppen erzählten von Skidurchquerungen Grönlands und Alaskas, dem Erklimmen der höchsten Gipfel Europas, Afrikas und Südamerika, sowie unzählbaren Schlittenhunderennen in der nördlichen Hemisphäre. Sein nächstes Ziel: Der Mount Everest. Da wunderte es uns auch nicht mehr, als wir bei ihm im Vorgarten 84 Huskies erspähten, die allesamt für das Rennen und den boomenden Huskietourismus trainiert wurden. „Sind das alle deine Hunde? Fütterst du die alle selbst? Wer kümmert sich denn um die, wenn du mal nicht da bist?“ Wir hätten am Lagerfeuer, mit norwegischen Bratwürstchen, noch unzählige weitere Fragen stellen können, doch dafür reichte die Zeit nicht aus. „Was fürn‘ Typ!“ blieb uns nur noch festzustellen, als wir noch erfuhren, dass er an einem Tag zwei Marathons nacheinander an unterschiedlichen Orten gelaufen ist.

Wieder in der Otto-Normalverbraucher-Realität und in Tromsø angekommen, stellten wir freudig fest, dass wir den ganzen Tag noch keine Regenjacke hatten tragen müssen. „Darauf ein Bier!“ freuten wir uns und fanden uns zum Ende des Urlaubs in der lokalen Brauerei Ølhallen ein. Bereits am Tage zuvor waren wir in den Genuss der nordischen Köstlichkeit, aber auch der Preisklasse für alkoholische Endgetränke gekommen. „Mit 110 NOK pro Schoppe bist du dabei!“ Doch wir hatten uns mittlerweile nahtlos in die norwegischen Gegebenheiten eingefügt, kannten wir nicht nur das Bussystem in und auswendig, sondern konnte Becks auch mit wissenschaftlichen Vokabeln und physischen Gesetze aus der Welt der Leuchterscheinungen hausieren gehen, nachdem sie sich die Polarlichter-App heruntergeladen hatte und diese fachkundig studierte. „Heute ist der Kp-Wert aber nicht so gut!“ oder „Oh, schau mal, heute ist die Farbskala über Tromsø im grünen Bereich.“ bekam ich es nur noch um die Ohren geworfen. „Ich sehe dich schon nächste Woche an der wissenschaftlichen Universität in Edinburgh Vorträge halten.“ erwiderte ich kurz, als sich Becks Blick wieder hochinteressiert der App hingab.

Am Ende unserer Reise, in der nördlichsten Metropole Europas, bleibt festzuhalten: Es empfiehlt sich das große Portmonee mit den Master- und Visacards einzupacken, bezahlt wird hier nämlich viel und vorzugsweise bargeldlos. Dennoch lohnt sich ein Aufenthalt in jedem Fall, bietet Norwegen nicht nur ein grandioses Naturerlebnis, viel „open space“, sondern auch eine saubere Landschaft, ein gutes, funktionierendes öffentliches Fahrbahnnetz und einen ‚place to be‘ für jedermann von überall. Man wird sehen wie sich die Kultur, Gesellschaft, das Stadtbild und Leben in den nordischen Ländern weiterentwickelt, aber für uns steht fest „Geht in Deutschland mal alles den Bach runter, machen wir uns besser hier hoch.“

In diesem Sinne verabschieden wir uns mit grün, schimmernden Polarlichterinnerungen, der Dankbarkeit und Wertschätzung für ein bisschen Sonne am Tag und dem Bewusstsein über die Schönheit, aber auch gleichzeitig der unberechenbaren Kraft der Natur.

„Wir müssen der Welt nachgeben; sie gibt uns nicht nach.“ - aus Norwegen


Top 5 Sätze


„Es regnet schon wieder!“

„Trinken wir jetzt noch nen Kaffee?“

„Im Bad ist’s am schönsten.“

„We are lucky mushrooms.“

„We are lucky muschrooms again.“


Top 3 unnützeste Mitnahmen:

  1.     Sonnenbrille
  2.     30er Pack FFP2-Masken
  3.     Kartenspiel Skyo


Top 3 wichtigste Mitnahmen:

  1.     Regenjacke
  2.     Mütze
  3.     Skiunterwäsche








Auf den Spuren von Amundsen

Der Supermarktverkäufer schaute uns erstaunt an, als er unsere Lebensmittel über den Tresen zog. Im nächsten Moment riss er uns die zwei blau schimmernden Bierdosen vom Band und verkündete mit ernster Miene „Ingen Alkohol etter 18!“ Wir schauten uns einen Augenblick fragend an, bis uns ein Licht aufging und wir beide geschmeichelt nach unserem Personalausweis kramten. Nun wurde dem Verkäufer klar mit was für Grazien er es hier zu tun hatte und wechselte in die Allerweltssprache Englisch. „Kein Alkohol nach 18 Uhr“ war von seinen Lippen abzulesen. Ungläubig schauten wir auf die Dosen und im nächsten Moment auf die Armbanduhr: 18:23 Uhr. Becks versuchte noch zu feilschen „Sorry, we are from Germany“ (Ein bisschen Gastfreundschaft hatte man ja doch erwartet). Doch der Verkäufer ließ sich nicht erweichen und komplementierte uns mit den Restzutaten des Radlers (Sprite) hinaus.

Dabei hatten wir uns das gute alte Feierabend-Radler wahrlich verdient. Aufgrund der durchzechten Polarlichternacht, wurde der Samstagmorgen zu späterer Stunde eingeläutet. Als wir uns plötzlich um 12:30 Uhr am Esstisch wiederfanden, mahnte ich erneut zum Aufbruch und gab zu verstehen, dass wir nicht wieder die Letzten des Tages sein wollten, die den Hausberg von Tromsø erklimmen wollten. Uns klang außerdem noch der Rat des Guides im Ohr „Da müsst ihr aber früh los, wenn ihr das noch schaffen wollt.“

Punkt 13 Uhr betraten wir die Verbindungsbrücke von Tromsø und Tromsland, die wir mittlerweile wie unsere Westentasche kannten. Schnellen Schrittes begaben wir uns zu der steilen Einstiegsroute des Sherperpfades. Die nur noch 500 Meter entfernte Seilbahn stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte, da der Sparmodus immer noch aktiviert war („Das können wir uns nicht leisten!“). 124 Steintreppenstufen später stellten wir unsere Fitness bereits in Frage und keuchten die immer steiler werdenden Platten nach oben, während das norwegische Fußvolk locker flockig an uns vorbei joggte. Nach Luft ringend erreichten wir die erste Station und fanden uns sitzend bei einer Tasse Kakao und Kaffee in der Hütte wieder. „Jetzt machen wir erst mal Pause. Es regnet eh schon wieder.“

Nach einer kurzen Selfie-Session am Hot-Spot mit atemberaubendem 180 Grad Blick auf Tromsø und Umgebung, erklommen wir den nächsten Höhenabschnitt des Gebirges, bei dem wir von Herbst- auf Winterkollektion umzippten und mal wieder froh waren mehr als 3 Schichten eingepackt zu haben. Die Spuren im Schnee wurden tiefer, doch der Ausblick auf schneebedeckte Berge und regenverhangene Fjorde entschädigte für alles. „Den nächsten Gipfel schaffen wir noch, oder?“ fragte becks, als wir in weiter Ferne die nächst höhere Erhebung erspähten. Ich blickte kurz auf die Uhr und auf den noch wolkenlosen, blauen Himmel. „Ok, aber um 16 Uhr drehen wir um.“ Schnellen Schrittes spurteten wir voran, ließen aber kein Imagefoto aus, schließlich war schon lange kein Wanderer mehr zu sehen, der das Bild hätte durchkreuzen können.

Um 16:02 Uhr erinnerte ich kurz an das Timeshifttable, doch meine Warnung verlor sich im Wind und becks verkündete unterdessen, dass es jetzt auf die 10 Minuten auch nicht mehr ankommen würde. Minütlich wurde das Wetter schlechter und zog sich zu einer dichten, weißen Nebelwand zusammen. Als wir den Gipfel endlich erreichten, fanden wir uns in einem Regen-Schneegestöber mit Null Sicht wieder. Ich blieb von dem Wetter unbeeindruckt und baute unterdessen mein kleines Stativ für mehrere Videosequenzen, mit der norwegischen Flagge am Gipfelkreuz, auf. „Meinst du nicht wir sollten jetzt langsam mal die Rückkehr antreten?“ fragte Becks und ich drehte mich erschrocken zur aktuellen Wetterlage um. „Oh, das sieht aber nicht gut aus. Wo ist denn eigentlich der Weg?“

Ich raffte meine sieben Sachen zusammen und  wir arbeiteten uns anhand von Schneespuren im Zick-Zack-Modus Richtung Seilbahnstation. „Wann fährt denn eigentlich noch mal die letzte Bahn?“ „Nichts da, wir laufen runter. Wer soll das denn bezahlen?“ Kaum hatten wir die Station erreicht, war uns klar was folgen würde. Ruckzuck hatten wir den Geldbeutel aktiviert und strahlten übers ganze Gesicht als wir die zwei Tickets in den Händen hielten. „Jetzt noch ein kühles Radler und dann reicht es für heute!“













Lucky Mushrooms

Wir waren mal wieder Glückspilze. Als wir für Freitag die zwei Touren mit Northern Soul Adventures buchten, die uns tagsüber nach Sommarøy und abends zu den Nordlichtern führen sollten, zeigte die Wetterprognose gnadenlose 98% Regenwahrscheinlichkeit und wenig Chancen auf eine wolkrenfreie Nacht für die Erspähung der Polarlichter auf. Doch wir wir wurden mal wieder eines besseren belehrt.

Wir hatten den Donnerstag bereits als Akklimatisierungtag erkohren, als uns der nasskalte Regen in den Straßen Tromsøs nur so ins Gesicht peitschte. „Dann trinken wir jetzt erst mal einen heißen Kaffee und frühstücken schön.“ Nachdem wir die New-Hipster Kaffeebar „Risø“ betreten hatten, wurde uns jedoch schnell klar, dass es bei einem kleinen Kaffee und Croissant bleiben würde. „Was sind das denn für Mondpreise hier?! 20€ für ein Omelette?“ Die heimischen Norweger, die in jeder Gesellschaftsschicht in dem Café ein und auskehrten, schien das Apothekenpreisschild für Kaffee und Kuchen jedoch nicht weiter zu stören. Und nur wenige Augenblicke später nahm uns eine eingewanderte, junge Portugiesin, die im Souvenirshop arbeitete, gleich den Wind aus den Segeln. „Don‘t start to calculate and don’t think in Euro. You won‘t be happy.“

„Es wird jetzt nur noch selbst gekocht und morgens daheim gefrühstückt.“ ordnete becks an, als wir im erst besten Supermarkt die Lebensmittel beieinander rafften. „Wir müssen jetzt wirklich sparen!“ Der gute Vorsatz hielt an, bis wir im ersten Hipster T-Shirtladen und Pedant zu Kuzniks ‚Waste your time well‘ Store landeten. „Oh, die sind aber schön, davon müssen wir eins mitnehmen.“ Und da es draußen so neblig und frisch war, mussten wir uns abermals in einem Café aufwärmen. „Ich wollte uns enen Quetschekuchen holen, aber das Ministück kostet 8€.“ erklärte ich. „Du sollst doch nicht mehr umrechnen.“ erwiderte becks und so fanden wir uns mit zwei Miniaturstücken Brownies, einer heißen Schokolade und einem Cappuccino für 175 NOK im „Smørtorget“, zu deutsch ‚Butterplatz‘ ein.

Wir erkundeten an diesem Tag noch sämtliche weitere Souvenishops, klapperten die Hot-Spots Tromsøs ab, überquerten die 1.036 Meter lange Tromsøbrua-Brücke nach Tromsdalen, wo wir die Eismeerkathedrale begutachteten und viel Geld für Postkarten und Briefmarken hinterließen und kehrten abschließend im großen Einkaufscenter ein. „Ich muss da noch mal in den H&M, die haben da ganz andere Mode als in Deutschland.“

Am nächsten Morgen blickten wir aufs Regenradar. Grau, regnerisch, alles andere als vielversprechend. Derweil plätscherten die Regentropfen lautstark auf das Nachbardach. „Egal, wir fahren jetzt ins Sommerdorf nach Sommaroy!“ Und so war es dann auch. Unsere Tourguidin Hanna chauffierte uns entlang der vor-arktischen Route an diverse Fotostopps, an denen es jedes Mal, wenn wir anhielten, aufhörte zu regnen. In Sommaroy selbst kam am weißen Sandstrand, mit türkisblauen Meer sogar die Sonne für uns hervor und wenn es nicht so fürchterlich wie Hechtsuppe gezogen hätte, hätte man glatt glauben können an einem Mittelmeerstrand zu sitzen. „Good things come to good people.“ zitierte Hanna und gab damit zugleich viel Hoffnung für die Nacht.

Die Wetteraussichten waren zwar wieder mal alles andere als vielversprechend und Jeff klärte uns sehr transparent auf, dass die Chancen auf Polarlichter nicht gut sind (schließlich hatte er auch den deutschen, zuverlässigen Wetterdienst kachelmannwetter.com gecheckt), aber „wir bräuchten nur ein ganz klein wenig Glück und nur einen kleinen, kurzen Moment von Wolkenlosigkeit.“

Für das nächtliche Spektakel hieß es viel Geduld mitbringen, in unangenehmer Kälte auszuharren und sich den zwischenzeitlichen Seitenhieben des Regens zu stellen. Wir hatten ein kleines Feuer aus Pellets in einer Feuerschale angerichtet, an der wir knapp 6 Stunden lang warteten und hofften. Es gab leckere vegane Suppe, schmackhaften Tee und dazu Smorebrød gereicht. Der mitgereiste Grieche schien zwischenzeitlich mehr von der Palletfeuerstelle begeistert zu sein, als von dem eigentlichen Ereignis und erkundigte sich mehrfach nach den Materialbeschaffenheiten. Die Italienerin erörtere zugleich mit uns, dass der Mann Ingenieur sein müsste, wäre sie im Traum nicht auf solche Fragen in einer solchen Nacht gekommen. „Ganz nah, Physiklehrer.“ und so schweiften die Gespräche aus, bis becks ein „Back to topic“ einforderte. „Wir sind doch wegen der Polarlichter hier. Ich seh schon, dass wir uns verquatschen und die Lichter hinter uns vorbeiziehen.“

Just in diesem Moment setzte noch mal der Starkregen ein und wir sprangen alle in unsere Polarexpeditions-Anzüge, um nicht gänzlich einzuweichen. Als es aufhörte zu regnen, kamen plötzlich die ersten Sterne zum Vorschein. Ein seichter Grünstich machte sich kurze Zeit später am Himmel bemerkbar. Und alle verharrten nur noch in Nackenstarre zum Himmel gerichtet. Leichte, grüne Bewegungen zeichneten sich oberhalb von uns ab. Teilweise nur sehr kurz wahrnehmbar, dann wieder an einer anderen Stelle. Auch wenn das Visuelle nicht dem entsprach, was man vom Windows 10 Desktophintergrund, der standardmäßig mit installiert wird, kannte, so konnte man doch eine sehr gute Vorstellung davon bekommen was dort am Himmel passierte. „Wahnsinn.“ „Ich bin völligst beeindruckt.“ Und in diesem Moment erschien uns noch eine übergroße Sternschnuppe, die langsam in der Ferne verglühte. So was hatten wir noch nie gesehen. „Make a wish guys. This is very important.“ sprach Jeff und stellte am Ende noch einmal fest. „Good things come to good people. The chances were not good, but you are positive people and that’s why we were lucky enough to see something.“









Standbymodus

„Die Crew hängt noch im Treppenhaus fest.“ raunte die Lufthansa-Angestellte ihrer Kollegin zu, die bereits mit 20 Minuten Verspätung am Boarding-Schalter angelangt war. Zuvor klingelte das herrenlose, schnurgebunde Festnetztelefon dauerhaft ins Leere. Und da wussten wir auch, wo unsere Anrufversuche am Tage zuvor hin umgeleitet worden waren. Dass unsere Reise nach Tromsø kein Zuckerschlecken werden würde, war uns schon im Vorfeld klar gewesen. Und so wunderte es uns auch nicht, dass wir mit 30 Minuten Verspätung in Frankfurt los charterten. Randnotiz: Der Zwischenstopp in Oslo belief sich ursprünglich auf 90 Minuten. Davon war jetzt schon nicht mehr viel übrig.

„So, wir haben jetzt noch eine Stunde, das könnte knapp werden.“ sprach becks. „Ach, das ist bisher immer noch gut gegangen, die werden uns schon schnell zu unserem Anschlussflug durchlotsen.“ erwiderte ich. Falsch gedacht. Eine schier unendlich lange Traube von Menschen sammelte sich vor der Passkontrolle, die von 5, in gelb gekleideten IKEA-Mitarbeitern, völlig unkoordiniert dirigiert wurde. „Fully vaccinated and EU-Pass!“ plärrte der gelbe Oberdirigent durch den Saal. Erschrocken rissen wir unsere Hände in die Höhe, bevor das schwarze Sicherheitsabsperrband, just in diesem Moment, vor uns in die Halterung einrastete. Das wars dann wohl mit unserem Anschlussflug. „You have only ID, no passport!“ „Yes, but we do have connection flight.“ Mehrfach wiesen uns die gelben Menschen daraufhin, dass sie nichts für uns tun könnten und am Ende blieb uns nichts anderes übrig als selbst Initiative zu ergreifen und uns durch die Massen vorzudrängeln. „Dreistigkeit siegt.“ sprach becks, bis wir im letzten Viertel von einem älteren Herren in die Schranken gewiesen wurden. „Ich habe auch einen Anschlussflug, der in 10 Minuten geht, ich lasse Sie nicht durch.“ „Ja, dann schließen Sie sich uns doch einfach an.“ forderte ich ihn auf, um vorwärts zu kommen.

Der plötzliche Aufruhr in den Menschenmassen drängte den gelben Oberdirigenten wieder zu uns, der bereits die rote Karte für uns zückend in der Hinterhand hielt. Becks drückte ihm im letzten Moment ihr mobiles Endgerät mit dem Boarding Pass und der ablaufenden Zeit ins Gesicht. „Oh, you have connection flight? You can go.“ Und plötzlich schaltete sich in einem Zusatzschalter das Licht an, wo sich ein Mitarbeiter aufopferungsvoll um uns kümmerte. Kaum hatte er uns die Personalausweise zurückgereicht, sprinteten wir im Steigerungslaufmodus los. Wir legten neue Bestzeiten auf der 1,5 Kilometer langen Strecke hin und die Mickey Maus Uhr fragte uns zwischenzeitlich, ob sie unseren Lauf aufzeichnen sollte. Wäre das alles noch nicht Hindernis genug gewesen, mussten wir unser Gepäck im aktiven Lauf vom Gepäckband aufsammeln und als zusätzlichen Ballast hinter uns her hieven. Randnotiz: Die Masken hatten wir ja auch noch auf.

Völlig zerstört und schwer atmend, erreichten wir 10 Minuten vor Abflug den Gepäckschalter für Inlandsflüge. „Sorry girls, you are too late. The gate is already closed.“ Designiert und gleichzeitig ungläubig schauten wir den Mitarbeiter am Schalter an. Mitfühlend setzte der kompetente Mitarbeiter alle Schalter und Hebel in Bewegung um den „two girls from Frankfurt“ noch einen Anschlussflug am selbigen Tag zu organisieren. „Ich will euch nicht viel Hoffnung machen, der letzte Flug nach Tromsø ist eigentlich schon überbucht, aber ich sichere euch trotzdem zwei Stand-By-Seats, wenn ihr es versuchen möchtet. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen, wäre die Alternative eine Hotelübernachtung in Oslo mit viel bürokratischem Aufwand gewesen.

Mit einem vorher gut einstudierten Hundeblick, stellten wir uns zwei Stunden später am Gate nach Tromsø vor. Doch die Flugangestellte blieb kalt und trocken: „You have to wait. Stay patient.“ Noch lange nicht entmutigt pflanzten wir uns wieder auf unsere Sitze. „Ich hab hier noch einen Flug um 20:15 Uhr gefunden. Der kostet nur läppische 67€ + Gepäckgebühren.“ googelte becks auf ihrem Endgerät. „Ich dachte wir wollten ab jetzt sparen?“ erwiderte ich, nachdem das Baguette mit 84 NOK und zwei Cappuccino für 14€ schon zu Buche geschlagen hatten. „Egal, was kostet die Welt. Hauptsache wir kommen heute noch nach Tromsø!“

Nachdem alle Angler und Fischer geboardet hatten (merke: Tromsø ist ein Fischtourismus Ziel), schaute die Flugangestellte noch einmal schnippisch über unsere Standby-Tickets und nickte uns wortlos zu. Da hatten wir die letzten zwei Plätze doch noch ergattert - wie konnten unser Glück kaum fassen!

Nach 1,5 Stunden flogen wir vom schönsten Sonnenuntergang in die Suppe Tromsøs. Dicke, schwere, regenaufgeblaßene Wolken versperrten uns lange die Sicht, bis wir auf auf dem Aquaplaning-gefährdeten Rollfeld schlussendlich landeten. Ab hier wurde es erneut gefährlich, drängten uns die Anglertouristen vom Gepäck-Rondell immer weiter ab und wir hatten Müh und Not zwischen den ganzen Fischboxen unseren Koffer zu ergattern.

„Jetzt aber zügig ins Taxi!“ Gegen 21 Uhr kehrten wir endlich in unser Hotel ein und studierten, in unserer kleinen, aber heimisch eingerichteten Wohnung mit Stehlampe, die Wetteraussichten für den nächsten Tag. Regenwahrscheinlichkeit 90%, Wind, kein Sonnensymbol. Nun denn, wir befinden uns in der nördlichsten, arktischen Metropole Europas. Was hatten wir anderes erwartet?!