„Ob unser Flug gecancelt wurde?“ fragte uns ein Journalist vorsichtig und hielt uns das Mikro mit blauem Schaumstoffüberzug und weißem HR-Schriftzug erwartungsvoll entgegen. Was er sah: Drei aufgeregt, telefonierende und textende Frauen, denen eine schlaflose und durchwühlte Nacht in den Augen stand und die verzweifelt vor der Flughafentafel, mit endlos gestrichenen Lufthansa Flügen, seit geraumer Zeit warteten. Was er nicht sah: Drei Frauen im Hamsterrad der Arbeitswelt, die sich vier Tage Auszeit gönnen wollten, die Nacht aber aufgrund einer monotonen, laut rauschenden Klimaanlage im Flughafenhotel kaum überstanden hatten und seit 6:30 Uhr Anrufe von ihren Arbeitskollegen und Clienten erhielten, weil der Laden mal einen Tag ohne sie nicht lief. Was wir sahen: Ein Aufgebot an Journalisten, Kamerateams und Fotografen, Imagefotos von Lufthansa-Schaltern, aufgeregten Fluggästen und nicht aufgegebenen Koffern, verzweifelte Anrufe und Textnachrichten von Clienten, Patienten und Kollegen und die einzige freudige Nachricht des Morgens: FRA – POR findet statt. „Nein, bei uns ist alles gut.“ entgegnete Magda dem enttäuscht weiter dackelnden Journalisten und nahm zugleich ihren nächsten Business-Call entgegen.
„Dann müsst ihr halt zur Not die Feuerwehr kontaktieren und die Tür einschlagen lassen.“ waren meine letzten Worte am Telefon kurz vor Boarding, während becks noch eine Terminverschiebung via WhatsApp für eine Patientin klar machte und anschließend den Flugmodus aktivierte. Nur Lufthansa Gold-Member Magdi hatte sich bereits ins WLAN der Fluggesellschaft eingeloggt und nahm ununterbrochen geschäftliche Gespräche in Flugreisehöhe von 10.000 Meter an. Während Magdi also ihr Business weiter führte, zeitgleich „One piece“ zu Ende schaute und ihr Gepäckstück im Liveticker verfolgte, nutzte becks die 3 Stunden Flugzeit, um ihre Smartphone-Bildergalerie aufzuräumen (Putzen und Saugen war ja aktuell nicht möglich), während ich Seite für Seite in dem entschleunigenden Roman „Alte Sorten“ weiterlas.
Wir hatten noch nicht den ersten Fuß auf portugiesischen Boden gesetzt, da reichte Magdi bereits am Flughafen die erste Klage bei der Lufthansa ein. Der Koffer wies einen irreparablen Riss an der Oberseite auf. Dies war ein klarer Fall für Stroh & Partner. Noch während der Uber-Fahrt zu unserer Airbnb-Unterkunft, welche Magda parallel zur ihrem Retoureformular am Gepäckband organisiert hatte, erschien die Meldung, dass die Lufthansa bereits einen brandneuen Koffer in Richtung Rodenroth versendet hatte. Wer kann der kann.
„Die Unterkunft hat ein Problem mit Feuchtigkeit.“ Dies konnten wir bestätigen, was den Aufenthalt jedoch nicht trübte, hatten wir ein kleines, aber feines Domizil im Herzen der Altstadt bezogen, welches einen urigen Balkon mit Blick über die Dächer Portos und auf den Fluss Douro unter Sonnenstrahlen bot. „Wenn Engel reisen.“ klang es abermals aus dem Munde von becks.
Sonne und südliche Gefilde sind nicht gleichzusetzen mit Wärme, dies sollte eine erste Erkenntnis unsere Reise an die Atlantikküste werden. Mit der Buslinie „500“ waren wir direkt nach Ankunft in Porto an den Strand von Matosinhos gekurvt. Der grobe Sandstrand lud für ein erstes Sonnenbad ein, doch schon nach wenigen Minuten sträubten sich mir vor Gänsehaut die Haare. becks erkannte schnell, dass ein Umzug an die gemauerte Wand der Game-Changer werden sollte. Die Windwarnungen für den kommende Tag waren ein weiterer Hinweis darauf, dass unsere wenigen, langärmeligen Kleidungsstücke für den Rest der Reise herhalten mussten.
Nach Inspektion unserer idyllischen Nachbarschaft, entschieden wir uns am Abend, wie echte „Locals“ bei Uber-Eats „einfach Pizza“ zu bestellen. „Schließlich bietet unser Balkon im Sonnenuntergangsmodus das schönste Flair “ redete ich mir die Sache schön, hatte ich mir ursprünglich die portugiesische Küche ausgemalt. Dass der Balkon, bis die Pizza da war, aufgrund der Kälte nicht mehr nutzbar war, trübte die Sache nur leicht. Zu angeschlagen war noch das Nervensystem von der quälenden Klimaanlage und dem Schlag auf den Frontdesk des Flughafenhotels um 00:30 Uhr, welcher nicht zum Erfolg und Abschaltung der Klimaanlage geführt hatte. „Das System wird zentral gesteuert, da können wir nichts machen.“ Eine entsprechende, zerreisende Rezession hatte becks bereits vorbereitet. Wenigstens unsere Airbnb-Unterkunft in Porto bot Stille und Ruhe.
Nicht einmal den Einwurf des Zettels hatten wir am frühen Morgen wahrgenommen, der durch unseren Briefkastenschlitz direkt in die Wohnung geflattert war. „Kurious Studios“ – ein Independent Filmlabel aus Porto informierte uns im höflichsten Portugiesisch darüber, dass Filmarbeiten in unserer Gasse die nächsten Tage stattfinden sollten und man sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigte. „0 Problemas für uns“, hatten wir bereits die Rucksäcke für unsere allererste Etappe des Jakobswegs gepackt.
Die Illusion, dass KI-Tools, Ortungsdienste und Navigationsapps uns fast gottesähnliche Fähigkeiten vermitteln konnten, zerschlug ausgerechnet der Camino de Santiago. Am beliebten Pilgerstartort „Sé Catedral do Porto“, einer Kirche auf einem Hügel über der Altstadt, versagten alle internetfähigen Dienste mit ihren schlauen Hinweisen wie der Jakobsweg zu gehen ist. Der Camino stellte uns ungefragt die Aufgabe die eigenen Fähigkeiten wieder zu aktivieren und sich mit altbewährten Methoden wie Sehen, Verstehen und intuitiv dem Weg zu folgen, auseinander zu setzen. Ging leichter als gedacht. Folge den blau-gelben Schildern und orientiere dich an Menschen mit Jakobsmuscheln-bestückten Rucksäcken. Man, was war das Leben doch eigentlich so einfach.
Der Weg entlang des „Dourus“ und später entlang der Küste war idyllisch, abwechslungsreich und von Minute zu Minute windiger. Mit allen Jacken, die wir besaßen und fest zugeschnürten Kapuzen, kämpften wir gegen den Sturm an. Sand peitschte, trotz schönstem Sonnenschein, in unser Gesicht. Die Haare waren nur mit Zopf zu bändigen. Unterkühlt erreichten wir Praia de Matosinhos und ließen uns, hart verdient, den ersten Stempel des Caminos in unser Heftchen drucken. Stolz betrachteten wir die schwarz getrocknete Tinte, als wären wir den gesamten Camino über mehrere Wochen gegangen und nun endlich am Ziel angekommen. „Die 12,5 Kilometer gehen wir aber jetzt nicht zurück“ entschied Magdi. „Die 500 fährt auch hier ab.“
Viel schwieriger als unsere erste Etappe des Jakobweges, sollte sich die Herkulesaufgabe gestalten, ein ansprechendes Lokal an einem Samstagabend in Porto zu finden. (Und ich behaupte sogar, dass wir dafür mehr Fußkilometer zurückgelegt haben als bis nach Matoshinhos, wenn man die Höhenmeter mit einkalkuliert.) Nachdem wir mehrfach mit den Worten „We are full, but you can come back in one hour“ vertröstet wurden, landeten wir am Ende, ganz unportugiesisch, in einem Burgerladen, der uns mit Texas-Flagge, Ranch-Merchandise und amerikanischen Wellblechflair begrüßte. Was ein seltsamer, aber dennoch höchst schmackhafter Abschluss des Jakobweg-Tages. Der Abend konnte nicht kurioser enden, als wir auf dem Heimweg, in unserer Gasse, in ein hellerleuchtetes Filmset gerieten, in dem aufgeregt Security und Kameraleute die lokale Nachbarschaft in ihre Wohnungen beorderte, damit das portugiesische Liebesdrama „One night in Porto“ abgedreht werden konnte. Ein echter Filmklassiker, der noch Generationen nach uns begeistern und für viel Gesprächsstoff auf den internationalen Bühnen dieser Welt sorgen wird.
Sonntag. Was war eigentlich Sonntag? Das war so ein Tag der von hinten bis vorne durchorganisiert ist und man am Ende nicht mehr genau weiß, was man eigentlich getan hat. Da war dieser rote Hop-on-an-Off Bus, den wir gebucht hatten. Im Nachhinein wusste keiner mehr warum, da wir uns die ganze Zeit im Bus nur ratlos ansahen und zu verstehen versuchten, was uns die Dame, durch die roten Einwegkopfhörer an wertvollen Informationen mitzuteilen hatte, die zu keiner Zeit zu dem Standort passten, an dem wir uns gerade mit dem Bus befanden. „0 Sterne und eine saftige Google-Bewertung - rausgeschmissenes Geld!“ vermerkte Magdi, während ich nicht mal ein einziges Bild, geschweige denn eine Videosequenz aus dieser Tour verbuchen konnte.
Entschädigt wurden wir durch eine weitere gebuchte Tour, die über den Douro-River und unter den 6 Brücken Portos durchführte. Doch auch hier peitschte die frische Atlantikbrise auf uns ein. „Wie gut, dass man mit Ü40 einfach in den Innenraum und ohne schlechtes Gewissen wechseln darf.“ merkte becks an, als wir an den durchgefrorenen und teilweise von Wellen durchnässten Mitreisenden vorbeistiefelten.
Nachdem wir die bekannteste und ikonische Eisenbrücke Portos, die Ponte Dom Luís I, zu Fuß im schönsten Sonnenuntergangmodus überquert hatten, kamen wir am dritten Tag endlich in den Genuss echter, portugiesischer Küche. Wir hatten diesmal frühzeitig in dem familiären Lokal „Tasquinha do Bé“ reserviert, wo uns liebevoll und lecker Fischspeisen serviert und der Abend mit einem Käsekuchen und echtem Portwein abgerundet wurde.
Auch am Montagmorgen luden wir uns in einem kleinen lokalen Kaffeeladen „My Coffee Porto“ zum Frühstück ein und genossen „healthy food“, Erdnusscreme-Pancakes mit Früchten und leckeren Warmgetränken.
Dank Nieselregen und unbeständiger Wetterlage, kam nun becks großer Tag. „Ich wünsch mir nur zwei Sachen: Der Zara-Laden und das Bekleidungsgeschäft nebenan.“ In der Rue de Santa Catarina glühten an diesem Tag nicht nur die Kreditkarten, sondern auch das Mobiltelefon von Magdalena Stroh, die zwischen Eiertörtchen (Pasteis den Nata) und EC-Terminal, einen Business-Call nach dem anderen führte und sich zwischendurch, auf Leitung 2, Updates zu den lokalen Geschehnisse in Rodenroth abholte.
Mit rund 7 Shoppingtaschen, neu aufgemotzten Smartphones und allerlei Kunstsouvenirs, beendeten wir unseren Abschlusstag in Porto. Ein letzter, abendlicher Ausflug in das gegenüberliegende Viertel „Gaia“ blieb uns aufgrund anhaltendem Regen verwehrt, wodurch wir auch an diesem Abend die Uber-Eats App aktivierten und Pizza Napoli in unser Apartment liefern ließen.
„Was uns denn am besten gefallen hat. Und ob wir auch das leckere Sandwich Francesinha probiert hätten. Und dass wir beim nächsten Mal unbedingt auch Aveiro, das Venedig Portugals, besuchen sollten.“ wertvolle Fragen und Tipps unseres Uber-Fahrers, die wir gerne vor der Reise gehabt hätten.
Eine weitere Erkenntnis dieser Reise: Google und KI für Vorabplanung - gerne Ja. Lokale Empfehlungen von Einheimischen vor-Ort: unbezahlbar. Eine Reise in eine andere Stadt, in einen anderen Ort oder Land, darf immer noch von Inspiration, Umwegen und Zufällen geprägt sein. Denn so ist das Leben: unperfekt und dadurch einzigartig. Die Reise wird erst zu unserer Reise, wenn wir unsere eigenen Augen und Wahrnehmungen benutzen dürfen.



