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Steinernes Meer 2025

 "Ihre Augen werden aufatmen." -> GROSSDRUCK, damit warb die reiß- und wetterfeste Wanderkarte in XLEdition für Saalfelden und Maria Alm. becks hatte schon seit Wochen die Route durch das Steinerne Meer ausgearbeitet und zich-fach wieder modifiziert. Meine Aufgabe war es einfach nur zuzustimmen und alle "Leiterwege" abzunicken. "Solange du mich da drüberführst, mache ich da mit." blieb mir nichts anderes zu sagen. 

Unser Hotel in Zell am See hatten wir so gebucht, dass wir bei Winterbruch noch hätten stornieren können. (Hätten wir vermutlich eh nicht gemacht.) Die Hütten hatten schließlich noch drei Tage auf, wodurch unsere einzige Sorge blieb, dass das Auto 3 Tage unbeschadet an dem Wanderparkplatz (Schieflage) stehen blieb. "Dem Auto passiert nichts." beruhigte ein schlauer Ingenieur. "Und wenn dann kullern hier alle Autos gemeinsam bei einem Erdrutsch runter." 

Gut, dann galt es ja nur noch die 1.300 Höhenmeter in 2,5 Stunden zum Riemannshaus hochzuwandern und von dort aus den ein oder anderen Gipfel zu besteigen. Bis zur Hälfte gelang mir dies recht gut, ab da an trennte sich die Spreu vom Weizen. Das Ende meiner Fußballkarriere machte sich nun erstmals stark bemerkbar, als ich weder mit Luft noch Kraft in den Beinen dienen konnte. Nur becks wanderte wie das blühende Leben weiter. Spoiler: Sollte sich in den nächsten drei Tagen auch nicht ändern.

Am Riemannshaus angekommen, blickten wir auf die schneebedeckten Berge. "Auf den Schönblick kommt ihr nur mit Grödeln." Hatten wir nicht. Immerhin gelangte uns noch den Schönegg-Gipfel mit  2.320m zur erklimmen und eine Gradwanderung bis zum Fuße des Wurmkopfs durchzuführen. Danach kehrten wir um, mussten wir den schneebedeckten Riemannssteig ja noch irgendwie wieder heil hinunterkommen.

Am frühen Morgen kreiste bereits ein Polizei-Helikopter über uns. Das Wetter zugezogen, frostig, kein Sonnenstrahl am Himmel. "Ach, lass uns nicht den einfachen Weg gehen, wir wollen doch über die Gipfel." bewarb becks die abenteuerliche Route, welchen drei Weggefährten, aus dem Riemannshaus, bereits am Anfang annullierten und den gemäßigten Weg durchs Steinerne Meer wählten. 

Wir arbeiteten uns das Breithorn hinauf. Entgegen kamen uns nur Tagestouristen, die sich wieder schleunigst zurück auf die Hütte machten. "Egal." dachte ich und "Komme was wolle, das Breithorn gehe ich auf keinen Fall mehr runter, wenn wir einmal hier oben sind." Kurz vor Gipfel kam uns der Ingenieurs-Trupp entgegen. "Wir gehen nicht da oben lang, keine Sicht, alles vernebelt. Zu gefährlich. Macht einfach keinen Spaß." "Na herzlichen Glückwunsch. Dann dürfen wir jetzt den ganzen Kladderadatsch wieder hierunter." bemerkte becks, die sich zwar noch das Gipfelkreuz ansah, aber keine Notwendigkeit darin erkannte ein Foto der Spitze zu machen. "Ich würde aber gerne wenigsten noch diese Videosequenz hier am Abhang von dir drehen" bat ich, kam mein kreativer Part bislang deutlich zu kurz. "Nix da Julia Hecker. Wir müssen zusehen hier heil runterzukommen." Ende der Durchsage.

Unten angekommen, wählten wir nun auch den Weg durchs Steinerne Meer, welcher 2-3 Stunden dauern sollte. Nur kurz nachdem wir losgegangen waren, begegnete uns ein Trupp der Bergwacht. "Wo wollt's ihr denn noch hin?" "Zum Ingolstädter Haus" erklärten wir uns kurz. "Na dann aber hurtig, das Wetter wird bald umschlagen." Scheinbar panisch blickte ich den Bergwachtsmann an. "Schaffen wir das bis dorthin?" fragte ich verunsichert." "Hm, kann ich nicht sagen. Aber ihr schauts ja sportlich aus." bemerkte er in Richtung becks blickend. Dass dieser kurze Satz becks mit einem Raketenspurt befeuern sollte, hatte der Bergmannswacht-Typ wohl nicht bedacht. Wir spurteten mit einer Mordsgeschwindigkeit und ohne Pause durch das Steinerne Meer, überholten zich andere Leute, die sich auf dem Weg befanden und pezten nur so durch die mondartige Berglandschaft. "Hier gibts eh nix zu Filmen Julia Hecker." mahnte becks an und so keuchte ich hinterher, gedanklich meinen neuen Fitness-Plan aufstellend, damit ich überhaupt noch mal an einem solchen Event teilnehmen könnte. 

Am Ingolstädter Haus: schönstes Wetter, kaum Wölkchen, Sonnenschein. Danke auch Herr Bergmannswacht. 

In der Nacht wurde es dann aber anders. Regen, heftiger Sturm. Schnee. Der Wind pezte nur so gegen die Hütte, dass man glaubte, das Haus würde gleich auseinanderfallen. Der Sturm war so laut, dass man fast das Schnarchen im Matratzenlager und die permanent laut zuschlagenden Türen auf dem Gang nicht mehr wahr nahm. 

Der nächste Morgen: kaum Schlaf, 8cm Neuschnee und der Wind stetig am Toben. Wir machten uns so früh wie nie auf die Reise, um den Abstieg beizeiten zu schaffen. Schließlich stand uns noch eine 8-stündige Rückfahrt bevor. Die erste schlechte Nachricht: Abstieg 4,5 anstatt 2,5 Stunden. Zweite beunruhigende Nachricht: wir sind die ersten auf dem Rückweg, vor uns nur Spuren von zwei unterschiedlichen Tieren (Bär? Wolf?..) Dritte niederschmetternde Nachricht: Nein Juli, du wirst auch hier keine Filme machen. Wir müssen hier zeitig runter." 

Der Eisregen pfiff uns ins Gesicht, dick zugepackt sprinteten wir den Weg durch Eis und Schnee hinunter. Die Spuren entpuppten sich als Ziegenböcke, die uns nur verwundert hinterher sahen. Ein kurze Videosequenz wurde mir doch noch genehmigt. Als wir schon sicheren Boden unter uns und den Dießbachstausee erreicht hatten, dann die große Frage: Blaue oder rote Pille? Einfacher, langweiliger, breitspuriger Weg runter nach Weißbach oder die Abenteuerroute über den Dießbachsteig? 

Was soll ich sagen, höchst verwunderlich wäre es gewesen, wenn wir einfach gewählt hätten. Im Regen und leichtem Hagel, über rutschige Felsen und Wurzeln, durch einen österreichischen Urwald, entlang kleiner Felsvorsprünge. 2,5 Stunden reiner Steig, sehr anspruchsvoll, zumindest bei dem Wetter. Ich kam becks kaum noch hinterher. Viele Körner hatte ich bereits gelassen. Die pure Erschöpfung machte sich deutlich bemerkbar. Mit letzter Kraft quälte ich mich den Abhang hinunter. Aber am aller bedauerlichsten war: Es gibt keine einzige Videosequenz diesen Teils unserer Reise. Schade. für sie.

Wohl behalten und völlig durchnässt erreicht wir die Bushaltestelle, an dem uns mein Bruder (zufällig gerade in der Nähe) abholte und zurück zum Wanderparkplatz chauffierte. Ein vereinzeltes, herrenloses Auto stand noch auf P1. Immerhin vorwärts eingeparkt und ohne jegliche Beschädigung. 

"Na dann, sind ja nur noch 7-8 Stunden Rückfahrt." Am Ende waren es sogar 9 oder 10. Danke Reiserückfahrttag Deutschland.

Doch alles in allem: ein wunderbarer Urlaub in den Bergen. Es hat sich wie immer gelohnt und sollte nicht die letzte Wanderung in schwindelerregenden Höhen gewesen sein. (Vorausgesetzt der Fitnesszustand verbessert sich um ein Vielfaches ;-)) 

Danke Berge <3  


 

 https://youtu.be/pKlRbjBUKPk


Schaun' wir mal wie's wird. Wie's wird.

"This is totally insane." sprach Eve, als wir den vernebelten und Schnee überzogenen Fels vor uns sahen. Wir hatten die Kanadierin auf Kreuzung Silvrettastausee und unserer zweiten Etappe zur Saarbrückener Hütte mit ins Schlepptau genommen, hatte sie den Tag zuvor bereits ihre Route zur Wiesbadener Hütte, aufgrund schlechter Sicht, abbrechen müssen. "Vielleicht gar nicht so schlecht jemanden von der Navy dabei zu haben." dachte ich mir. Und so setzten wir zu fünft die Polarexpedition fort.

Was zuvor geschah...

"Wir freun' uns. Schaun' wir mal wie's wird. Wie's wird." verabschiedeten wir uns von daheim, mit dem Wissen, dass uns in St. Gallenkirch / Österreich, dem Start unserer diesjährigen Hüttentour, schwerste Regenunwetter erwarteten. Das Bergfex Wetterbarometer schwankte immerhin täglich zwischen 36 - 38 Liter pro Quadratkilometer und einer Außentemperatur von 1 -3 Grad. "Das ist nicht viel am Berg, oder?" Jeder noch so kleine Grashalm mit Hoffnung wurde ergriffen. "Oh Leute, es hat sich schon wieder was verändert.", rief becks, die sämtliche Wetter- und Bergprognosen-Apps im Startbildschirmbereich prominent hinterlegt hatte. "Hier steht jetzt nicht mehr Liter sondern 35 cm. Ich glaube das bedeutet Schnee." - "Schnee ist immer noch besser wie Regen", stimmte Kristin positiv und wies daraufhin, dass sie auch Schneeschuhe organisieren könnte. Derweil fragte sich Lari ein weiteres Mal wie sie sich erneut auf eine Tour mit uns einlassen konnte. War die Anstrengung am Berg nicht schon genug, grätschte nun auch noch eine Kaltwetterfront durch unsere Pläne. 

"Rücken ist das neue Rauchen.", warf Lari als Fun Fact in die Runde, während wir uns mal wieder alle über unsere Schmerzen ausgelassen hatten und ich nach einer Stunde Fahrt bereits meinen Ischias verfluchte. "Das ist doch alles nicht mehr normal". Trotz alledem kamen wir gut durch und erreichten St. Gallenkirch bereits gegen 15:30 Uhr. "Oh, habt ihr die Mail nicht erhalten?", fragte uns die Hotel-Angestellte. "Das Hotel wird gerade renoviert, ihr werdet upgegradet. Fahrt einfach auf die andere Straßenseite, dort ist das anderes Hotel." Jackpot. Ein Grund mehr den Aufenthalt um einen Tag zu verlängern, war uns an diesem Tag bereits klar, dass wir eine Etappe, aufgrund der Starkregenfälle canceln mussten. Die Tübinger Hütte wurde gestrichen und becks und Kristin erörterten mit Hochdruck sämtliche Routen und Alternativwege auf analogem Kartenmaterial, um wenigstens 3 Tage Wandererlebnis zu ermöglichen. Derweil telefonierte ich die Hüttenwirte ab, die von unserer ganzen Storniererei und Neubuchung wahrscheinlich schon komplett verwirrt waren. In dem ganzen Hickhack buchten wir auch noch Halbpension, was uns zu einem späteren Zeitpunkt noch vor die Füße fallen sollte. Nachdem alles soweit geregelt war, genossen wir den extra Tag im Tal mit Wellness, Tischkickern, Essen und Outletshopping, bei dem wenigstens Lari fündig wurde und sich eine neue Regenjacke zulegte. 

Etappe 1 // Silvrettastausee - Wiesbadener Hütte

Mit dem Auto erklommen wir den Serpentinen Weg zum Wanderparkplatz, der uns mit viel Nebel und leichtem Schneefall begrüßte. "Wir haben jetzt ein Zeitfenster von 3,5 Stunden um trockenen Fußes auf die Hütte zu kommen.", wies becks aus, was zunächst aber mal keinen interessierte, waren alle zu sehr damit beschäftigt für Bild- und Videomaterial zu sorgen. "Leute.", ermahnte becks, die das Bergfexbarometer nun auch über ihre smarte Uhr abrufen konnte. "Wir müssen jetzt los." Und so umkurvten wir den im Nebel hängenden Silvrettastausee und erklommen den ersten kleinen Wasserfall. "Wo wollt ihr denn hin?", fragte Kristin, die weiter unten lief. "Wir nehmen den Höhenweg.", sprach becks. "Aber wir wollten doch den sicheren Forstweg nutzen?", fragte Kristin erstaunt. "Ach papperlapapp. Wir sind doch nicht zum Spaß hier.", wies becks Richtung Berggeröll und wir steppten alle hinter her. Nach nur wenigen Minuten kam uns ein Pärchen entgegen, das uns noch einmal zurückrief. "Wir sind umgekehrt, da oben ist schwerer Erdrutsch, wir konnten nicht weitergehen. Wollt ihr Bilder davon sehen?" "Ach, lieber nicht.", und wir setzten die Wanderung auf unbekannten Terrain fort. "Meinst du nicht wir hätten uns wenigstens mal ein Bild machen sollen?", fragte ich unsicher. Doch selbst Lari meinte "Die hatten doch nur Jeans an. Und Stöcke hatten die auch keine." Aus nassem Untergrund wurde Schnee, aus Kieselsteinen großes Geröll und aus kleinen Wasserfällen wurden große, mehrspaltige reisende Fälle. Und Goretex wurde unser bester Freund. Ein falscher Schritt und das Drama wäre groß gewesen. "Jetzt stellt euch mal vor wir wären den langweiligen Forstweg da unten gegangen.", rief becks, als wir uns der Hütte näherten und uns sämtliche andere, best ausgestattete Wanderer mit Pickel und Experience vom sicheren Parallelweg begegneten. "Ihr seid da oben lang? Echt, das ging?" Und wir alle fühlten uns in diesem Moment wie echte Abenteurer. 

"Wir haben gebucht", rief ich beim Betreten der Wiesbadener Hütte dem Hüttenwart entgegen, der uns schon da für komplette Anfänger abstempelt hatte. "Wo kommt ihr her?" und insgeheim hoffte er auf Wiesbaden, denn da kommen wohl alle seltsamen Bergtouristen her. Mit Mittelhessen und keiner einzigen Verbindung zu Wiesbaden konnten wir wieder Pluspunkte sammeln. Doch so ganz waren wir noch nicht aus dem Schneider. Ziemlich enttäuscht zeigte er sich als wir das Halbpension-Menü, bestehend aus einer Backerbsensuppe, Schokoladenkuchen, Erbsen, einem großen Stück Putenbrust und einer riesen Portion sogenannter "Hong-Kong-Pommes" (alias Reis), mit der man eine dreiköpfige Heilsarmee hätte durchfüttern können, nicht vollständig aufessen konnten. "Warum haben wir denn diesen Anfängerfehler begannen? 45 € für Essen was wir wieder zur Hälfte zurückgeben müssen. Morgen bitte Storno auf der nächsten Hütte und dann a la carte!" 

"Wer traut sich den Hüttenwart nach einem Empfangsmast zu fragen? Ich geb auch nen Schnaps aus.", fragte ich in die Runde, wollte doch jeder wenigstens ein Lebenszeichen setzen. becks fasst sich ein Herz, standen bei ihr bereits 150 ungesendete Nachrichten im Postausgang. Und außer, dass sich die Hüttenwarte über uns belachten und meinten, das kenne man sonst nur von Schulklassen, wiesen sie uns den Mast in eisiger Kälte aus. Mit gerade so Edge und einer halbwegs funktionierenden SMS-Leitung übermittelten wir Nachrichten, die in der funktionierenden Infrastruktur mehr für Fragen als für Antworten sorgten. "Hast du mir eine SMS geschickt? Oder ist das ein Fake?" Wenigstens hatte die digitale Awarness Früchte getragen. 

Etappe 2 // Wiesbadener Hütte - Saarbrücker Hütte

Mit einem steinharten Kümmelbauernbrot für läppische 15 €, einer Nacht mit max. einer Stunde Schlaf, sowie einer Sicht von "-1" starteten wir die zweite Etappe Richtung Saarbrückener Hütte. "Wie wollt ihr denn eigentlich dorthin?", fragte uns der Hüttenwart, mittlerweile doch etwas besorgt, hatte er uns wohl ins Herz geschlossen und traute uns nach wie vor rein gar nichts zu. "Eigentlich wollten wir wieder den Höhenweg wählen.", sprach becks selbstbewusst. "Du liebe Zeit. Auf keinen Fall. Ihr könnt den Weg maximal gehen, wenn das Wetter komplett aufgeklart ist. Bitte entscheidet euch erst unten am Stausee für die finale Route." "Ok, machen wir. Wir gehen bestimmt den Forstweg. Safety first.", beruhigte ich ihn. Und auch die anderen nickten brav ein. Am Stausee angekommen ließen wir uns für eine ausgiebige Fotosession herab, waren aus meiner Sicht die Videosequenzen bislang viel zu kurz gekommen. "Do you want me to take a picture of you?", fragte plötzlich eine vorbeiwanderte, junge Frau. Und dies war der Beginn einer wunderbaren Wanderfreundschaft. Die 25-jährige Kanadierin hatte am Tage zuvor ihre Route zur Wiesbadener Hütte abbrechen müssen, da sie aufgrund von Schneefall die Wegpunkte nicht mehr entdecken konnte. Nun war ihre größte Angst auch die nächste Hütte nicht zu erreichen, war sie doch extra aus Kanada für eine Woche angereist um das Erlebnis Hüttenwanderung zu "discovern". Bewirterte Hütten gibt es in Nordamerika nämlich nicht und überhaupt ist es in Kanada viel teurer als nach Eruopa zu reisen. First world problems. 

"Of course you'll come with us" lud Lari (Englischlehrerin von Beruf) Eve sofort ein und auch ich freute mich über einen regen Austausch meiner damaligen Canada-Experience. Selbst becks war völlig angetan nun endlich inernational konferieren zu dürfen. Zu unser aller Glück stellte sich auch noch heraus, dass Eve Fußballspielerin ist. "For my club and for the military." "Oh, die ist von der Navy", bemerkte becks. "Jetzt sind wir alle verratzt." "Gehen wir jetzt eigentlich den Forst- oder Höhenweg?", brachte Kristin noch mal das Kernthema auf den Tisch. "Ach, die Sonne kommt doch langsam raus.", redete ich mir das hellbleiche Etwas am Himmel schön. "Wir haben doch jetzt jemanden von der Navy dabei. Wir gehen den Höhenweg.", sprach becks motivierend. Und ich erinnerte mich abermals an die Worte ihres Onkels, der Bergführer ist: "Storno. Storno. Die Mädels sollen alles stonieren." 

Frohen Mutes schritten wir voran und waren fast geneigt T-Shirt und kurze Hosen zu aktivieren. "Es geht gleich wieder hoch. Auf 2.800 Meter. Denkt bitte dran.", erwähnte Kristin, als ich schon die Zip-Funktion meiner Hose näher studierte. Unter dessen führten Lari und Eve auf Englisch höchstem Niveau Gespräche, sodass becks erneut zum zügigen Weitergang ermahnen musste. "Wir haben jetzt ein Zeitfenster von 3,5 Stunden, dann fängt es wieder an zu regnen. Let's go!". Ab 2.500 Meter setzte dann Nebel und leichter Schneefall wieder ein. Die Berge waren allesamt von einer cm-hohen Schneedecke bedeckt und die Luft wurde dünner. Erstes Nasenbluten wurde bei mir sichtbar. "Ist nur die Höhe.", beruhigte ich. Ein weiterer riesiger, felsiger Schneeberg trat vor uns zum Vorschein. "This is totally insane." sprach Eve. "Last year I've been with a mens group to the Antarctica, but this is crazy! My parents and friends will not believe me. And I will better not tell." Ich konnte die Worte der Militärangestellten nicht recht einordnen, reichte ihr aber sicherheitshalber einen meiner Stöcke, trug sie keinen bei sich. "Ich komm schon klar, halte mich eh lieber an den Felsen fest." Man wächst mit seinen Aufgaben. 

Die Sicht wurde immer schwieriger. Vor uns keine Menschen. Hinter uns keine Menschen. Doch die Wegmarkierungen waren noch sichtbar. "Wir haben hier vorne alles im Griff", rief becks, die mit Kristin die Polepostion besetzte. Ich sicherte, wie immer, hinten ab. (Ein Grund mehr meine völlige Unfitness zu übertunschen). "Eine zweite Lunge wäre wie immer brauchbar", bestätigte auch Lari, während ich Eve von dem "Elephant, that you'll have to eat in slices" berichtete und ihr die Metapher des Berges näher brachte. Irgendwann erreichten wir dann endlich den Abstiegsbereich, der noch einmal alles von uns abforderte. Rutschpartien inklusive. Mit einer gekonnten "Defender"-Grätsche holte Eve nicht nur sich, sondern auch Lari von den Füßen. Doch am Ende blieb glücklicherweise jeder unversehrt. Eine Minute vor Regenbeginn erreichten wir die Saarbrücker Hütte und unsere sichere Unterkunft für die Nacht. Wir cancelten, zum Unmut des Hüttenwarts, auch noch unsere Halbpension und bestellten dafür völlig wahllos und wieder einmal viel zu viel a la carte. "Wer traut sich dem Hüttenwart zu sagen, dass wir einen Kaiserschmarrn abbestellen müssen?" fragte ich in die Runde. Und diesmal war es Lari, die die schwere Bürde auf sich nahm. "Wir sind einfach so Amateure."

Etappe 3 // Saarbrücker Hütte - Abstieg über Madlener Haus

Mit einer Runde Wizard, ein Spiel, dass auch Eve kannte, beschlossen wir den Abend und gingen Englisch sprechend ins Bett. "Oh this is so beautiful. I'm a real English speaker now." freute sich becks. 

Der nächste Morgen begrüßte uns mit Sicht +100 und nie zuvor gesichteten Sonnenstrahlen. "Prima Leute, dann können wir ja auch den Klettersteig machen.", freute sich becks erneut. Kristin war sowieso am Start, aber auch Lari ließ keine Zweifel an diesem Abenteuer sichtbar werden. "Hm, dann geh ich wohl mit. Will ja keine 2 Stunden hier unten sitzen.", gab ich unbequem von mir. "Ach Juli, das schaffst du schon." Gruppenzwang. Schon immer meine Achillisferse gewesen. Mit Klettergeschirr ausgestattet fand ich mich wenige Minuten später in der Wand. Während die anderen drei auf Hochtouren performten, lief mir der Angstschweiß beide Backen hinunter. Oder waren es doch Tränen? Bergführerin becks lotste und koordinierte mich jedoch einwandfrei die Felsen hinauf und Lari und Kristin motivierten von der linken Seite. Emotional over the top und mit dem Nerven am Ende erreichte ich den Pre-Gipfel. Der Hauptgipfel war so schneebedeckt, dass wir diesen leider nicht erklimmen konnte. Extrem schade *Ironieoff*. Es reichte mir auch schon den ganzen Fels wieder herunterzuhangeln und mich zwischen "Hier wirds jetzt extrem schwierig" und "Das Stück ist jetzt richtig schlimm", sowie "Du musst dich einfach nur in die Seile hängen" emotional in Balance zu halten. Am Ende fühlten wir uns aber alle gut. Wie Abenteurer. "Schickt aber auch jetzt mal."

"Jetzt gehts auch nur noch bergab". Erneut wählten wir die malerische Route durch schottisch wirkende Highlandgefilde, in denen wir auch Schotten antrafen. "Oh, my English becomes more and more the yellow from the egg.", erfreute sich becks ein drittes Mal. Derweil erstreckten sich vor uns zwei Stauseen und mit uns bestes, sonniges Wetter. Wenigstens waren wir die ganze Zeit über trocken geblieben und hatten insgesamt viel mehr geschwitzt als gefroren. Außerdem hatte Lari, auch in diesem Jahr, all ihre neu erworbenen Hautkosmetikprodukte während der Tour höchst erfolgreich akquiriert und an die Frau bringen können.

Der letzte Abschnitt zum Wanderparkplatz forderte noch mal alles von uns ab. Ein sehr undankbares und zermürbendes Stück. Immer das Ziel vor Augen, aber keinen Meter sichtlich vorwärts kommen. Um 15 Uhr erreichten wir den Parkplatz und düsten von dannen. 6 Stunden Fahrt und einige Pausen später erreichten wir die Heimat. Randnotiz: Nie mehr Abstieg und Heimfahrt an einem Tag. Schon gar nicht, wenn man den nächsten Tag arbeiten muss. 

Am Ende des Tages kann man sagen: Wer wagt, gewinnt. Und: Wir hatten unheimlich viel Glück oder in English please: We were lucky mushrooms again. 


"Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander.

Und ich - ich schlug den einen ein,

den weniger begangenen,

und dieses war der einzige Unterschied."

- Rober Frost



Top 3 unnützeste Mitnahmen:

- Kappe (becks)

- Daunenjacke (juli)

- Jacken und Pullover (Kristin)










Der Zug hat keine Bremse

 Wenn man die Berge liebt, akzeptiert man auch, dass sie die Bedingungen stellen.
- Jean-Christophe Lafaille

„Victory is a girl.” prangerte es mit großen Lettern auf dem soeben käuflich erworbenen T-Shirt der Marke Adidas, welches mir becks, mit strahlenden Augen, beim Verlassen des Outletshops, präsentierte. „Das ist voll meins.“ Gedanklich hatte unser Hüttenküken das T-Shirt bereits für die erste große Gipfelbesteigung übergestreift und sah sich damit das Gipfelkreuz erklimmen. „Wir müssen jetzt erst mal in Mittenwald ankommen.“ holte ich sie zurück auf den Boden. Der ungeplante Outlet-Zwischenstopp hatte zwar die Äuglein unserer Fitnessqueens Sonja & becks zum Leuchten gebracht und die Kassen des Sportgiganten in Herzogenaurach gefüllt, uns jedoch um eine ganze Stunde in Verzug gebracht. Gegen 14 Uhr erreichten wir, bei stabiler Wetterlage, Mittenwald. Wiederholungstäterin Lari, Hüttenküken becks und die drei Konstanten Kristin, Sonja und ich starrten dem majestätischen Karwendelgebirge entgegen. „Gegen 17 Uhr soll es regnen. Und gewittern. Nichts wie los!“


1. Etappe | Kristins Tag

Akribisch und mit jeder Menge Bonusmaterial, sowie Alternativrouten, hatte Kristin die diesjährige 5-tägige Hüttenwanderung geplant und mit Komoot digital in Szene gesetzt. Der Rest der Truppe hatte nur abgewinkt, sich aber weder richtig eingelesen, noch die Details der Karte studiert. So war es auch nicht verwunderlich, dass wir uns geschlossen für die vermeintliche Luxusoption „Auffahrt mit der Karwendelbahn.“ entschieden, dabei jedoch nicht beachteten, anschließend einige Höhenmeter wieder nach unten zu marschieren, was zum Einlaufen, im Nachgang betrachtet, doch völlig sinnfrei ist. „Ach, das ist also der schöne Panoramaweg.“ beäugte Kristin die nebelverhangene Route kritisch, die im Prospekt deutlich attraktiver aussah. „Es ist wie immer, bei schönem Wetter sieht alles besser aus.“ Und so arbeiteten wir uns durch die dramatisch, vernebelten Felswende des Gebirges, bis wir den Predigtstuhl auf 1.921 m erreichten. Es nieselte. Die Steine wurden glatt. Schafe blickten uns ungläubig an. „Und da wollt ihr weitermarschieren?“ schienen sie uns bezweifelnd zu fragen. Das nasse Drahtseil, was am Felsen befestigt war, sollte mehr zur Beunruhigung als zur Sicherheit beitragen. „Das ist hier gar nicht mal so ohne mit den glatten Steinen.“ bemerkte Sonja höchst verunsichert. Kristin und becks übernahmen die Vorhut und hangelten sich mit schwerem Gepäck die Felswand hinunter. Lari und ich beäugten die Situation kritisch. „Wenn selbst unsere zwei Kletterprofis ins Schwitzen kommen, möchte ich mir gar nicht ausmalen wie wir da gleich mittendrin hängen.“ „Wo war eigentlich noch mal der Notausgang?!“. Als Sonja gefühlt minutenlang in einer Passage festhing und der Regen immer stärker wurde, entschied ich mich zur Not das Gepäck abzuwerfen und gezielt herunterzuspringen. Definitiv besser als abzurutschen. Doch dank guter Moderation von Kristin, die von unten Anweisungen gab, wo der nächste Schritt hinzusetzen war, gelang, nach einer gefühlten Ewigkeit, endlich die Felsbezwingung. Erst später auf der Hütte lasen wir auf der Wanderkarte: „Nur für Geübte. Ausrufezeichen. Ausrufezeichen. Ausrufezeichen.“ Und vermutlich erst gar nicht bei Regen. Wie wir noch viel später von einer Rettungsaktion zwei anderer Wanderer erfuhren.

Die Hochlandhütte war einfach. Nicht befahrbar und daher nur durch Helikopteranlieferung, dreimal im Jahr, versorgt. „Wenn es letzte Woche nicht geregnet hätte, hätte ich schließen müssen.“ teilte uns der Hüttenwirt mit. Keine Dusche. Kein Strom für Gäste. Aber eine warme Erbsensuppe und ein Heuschnaps. Und dann war da noch Sibylle aus Frankfurt-Bornheim, unsere Zimmermitbewohnerin. Mit einer unvergleichlichen Art unterhielt sie uns an diesem Abend. Humorvoll, trocken und mit viel Wissen2go. „Ihr könnt alle Logopäden vergessen. Die meisten sind zu nichts nütze. Das was gelehrt wird ist größtenteils einfach nur Unsinn.“ sprach die ausübende Logopädin. „Erst als ich mich auf das Thema Schlucken spezialisiert habe, konnte ich den Menschen wirklich helfen. Denn ihr müsst wissen: Nur der Affe kann gleichzeitig schlucken und essen. Der Mensch kann das nicht. Dafür kann er sprechen. Außerdem befindet sich eure Zunge im Ruhezustand immer am Gaumen. Niemals unten.“ Und mit dieser Weisheit und Erkenntnis des Tages gingen wir zu Bett.

 

2. Etappe | becks Tag

„Natürlich kommst du mit uns Sibylle.“ Es hatte die ganze Nacht geregnet und der Hüttenwirt hatte uns dringlichst davon abgeraten die Route über den Berg mit weiteren, schwierigen Kletterpassagen fortzusetzen. Die Alternative war nach Mittenwald abzusteigen, mit dem Bus nach Scharnitz zu fahren und von dort zum Karwendelhaus zu wandern. „Na gut, uns bleibt ja nichts anderes übrig.“ Sibylle, die die gleiche Route wie wir geplant hatte, nahmen wir zugleich unter die Fittiche und wanderten ab nun zu sechst weiter. Becks, die sich eigentlich nur wegen des Aufstiegs und der vielen Gipfel für diese Tour beworben und angemeldet hatte, wurde nun auf ihre größte Probe gestellt. Oder sollte man besser sagen: Ihre defekte Hüfte und ihr dadurch völlig irreparables rechtes Knie. Unter schwersten Schmerzen stieg sie den Berg hinab. „Am besten lässt du nicht nur deine Hüfte, sondern auch gleich dein Knie richten, wenn du unterm Messer liegst.“ schlug Sonja vor. „Geht nicht, dienstags machen die nur Hüfte und mittwochs Knie.“ „Dann buch dir doch einfach ne Nacht-OP um 23:55 Uhr!“

„Ach, dann können wir unseren Bus ja gleich nach Scharnitz umparken. Das ist ja viel praktischer. Wir müssen ja eh am Ende der Tour noch mit dem Zug zurück.“ Kristin manövrierte uns, den Bus und Sibylle auf den Wanderparkplatz in Österreich. „Das ist aber doof. Hier kann man ja nur ein Parkticket für drei Tage lösen.“ „Na ja, der Wille war da. Wir wollten ja länger buchen. Die werden uns schon nicht abschleppen.“

Wir marschierten zu sechst Richtung Karwendelhaus los, bis Kristin merkte, dass sie ihre Brille noch aufhatte und diese noch zurück in den Bus bringen musste. In der Zeit zippte sich Sonja wieder ab, becks dehnte abermals ordentlich ihr Knie, Lari rieb sich noch mal mit Sonnencreme ein und ich suchte vermutlich wieder mal irgendwas. In dieser Zeit verschaffte sich Sibylle einen ordentlichen Vorsprung, hatte sie größte Bedenken die 5-stündige Wanderung bis zur Hütte noch bis vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen. Auch wir haderten mit der kalkulierten Zeit, kündigte die Mickey Maus bereits 13 Uhr und einen „schönen Mittag, Kumpel“, an. „Jetzt aber hurtig, wir müssen richtig Gas geben.“ An einer Abzweigung wählten wir den steileren Weg durch den Wald. „Egal, wir müssen jetzt richtig Meter machen.“ Sibylle war nicht mehr zu sehen. „Die läuft wahrscheinlich auf dem 201er Weg.“ wusste ich mitzuteilen. Es war wahrscheinlich das Einzige, was ich mir überhaupt so richtig von der Strecke gemerkt hatte. Nach dem steilen Aufstieg zog sich die breite, schottrige Waldautobahn entlang der Isar-Promenade wie Gummi. „Kein Wunder, das ist ja auch ein Mountainbike-Weg.“ „Leute, ich denk als, hier fehlt doch jemand.“ bemerkte becks. „Wo ist denn nur Sibylle. Ich vermisse sie jetzt schon.“ Sibylle war weit und breit nicht zu sehen. „Die ist bestimmt noch auf dem 201er Weg.“ Kein Mensch wusste wo dieser sein sollte. Aber es war definitiv die Nummer die Sybille genannt hatte. Unser Weg wurde stetig monotoner. Keine Abwechslung im Bewegungsablauf. Gift für die Beine. Zu allem Überdruss fing es an zu nieseln. Und dann zu schütten. Becks sprach schon seit einer Ewigkeit kein Wort mehr. Ihr Gesicht, ausdruckslos. Und dennoch lief sie schnurrstracks weiter. „Auf einer Skala von 1 – 10, wie schlimm ist der Schmerz?“ fragte ich vorsichtig. „11.“ Mehr bekam ich nicht zu hören. „Entweder ich lass mich gleich abholen oder ich gehe jetzt ohne Pause einfach bis zum Ende weiter.“ fügte sie nach einigen Minuten an. Kristin und ich standen unter immenser Bredouille. Von hinten wurde ein Pausenstopp von Sonja für Lari eingefordert und vorne wollte der Zug nicht stehen bleiben. Währenddessen Starkregen. „Lauf, lauf einfach weiter becks!“ waren meine letzten Worte als ich den ICE auf ihre Reise schickte. Der Rest der Wagons versuchte Lari weiter zu motivieren, deren Beine und Sauerstoffzufuhr ebenfalls streikten. Außerdem hatte Lari in falsches Anti-Regenmaterial investiert, das die Gesamtsituation ebenfalls verschärfte. Doch auch Lari biss auf die Zähne und in das Fleisch des diesjährigen zähen Elefanten. Nach 23 widerlichen Kilometern erreichten wir das Karwendelhaus, das mittlerweile in der Sonne erstrahlte. Auch becks hatte einen Hauch von Lächeln wieder im Gesicht und noch nicht das Abreisetaxi bestellt. „Ich zieh das jetzt durch. Komme was wolle!“

Wir fanden Sibylle auch nicht auf der Hütte und erkundigten uns besorgt beim Hüttenpersonal. „Sibylle? Ja, die hat heut Mittag schon angerufen, dass sie es nicht schafft. Die ist wohl nach Mittenwald umgekehrt.“ Schade. Aber dafür hatten wir jetzt Jens auf dem Zimmer. Telekom-Mitarbeiter aus Darmstadt, der 6 Wochen Pause von dem IT-Wahnsinn brauchte. „Alles Überstunden, aber lasst uns nicht von der Arbeit reden. 6 Wochen Berge und das hier ist schon ein Wahnsinns-Anfang.“ Jens war genauso cool wie Sybille. Absolut trockener und sympathischer Humor. Wir berichteten ihm von unserem Umweg und von den Strapazen und auch von becks Durchhaltevermögen, trotz der anstehenden OP. „Wie so’n altes Auto, noch mal so richtig runterfahren.“ lautete sein kurzer Kommentar.  Es wurde ein kurzweiliger Abend. IT-Studenten aus München und Umgebung gesellten sich zu uns an den Tisch und legten den Studi-Armuts-Dackelblick auf, um am nächsten Morgen einige Brotscheiben und Tagesproviant von uns abzugreifen. „Die verdienen bestimmt alle doppelt so viel wie wir.“ lachten wir. „Aber egal, die haben sich trotzdem schwer gefreut.“ 

 

Etappe 3 | Sonjas Tag

„Ich möchte heute drei Gipfel machen. Kommt schon, wer kommt mit mir?“ Sonja, hochmotiviert wie immer, blickte in müde Gesichter. Selbst Jens ließ sich nicht dazu hinreißen, den Hausgipfel an der Karwendelhütte, mitzuwandern. „Ok, dann haben wir ja noch die zwei Gipfel an unserer nächsten Hütte, die wir machen können.“ „Ja, da komme ich auf jeden Fall mit“ versprach ich, vermutlich etwas voreilig. Nicht nur Laris, sondern auch meine Waden, waren komplett dicht. Als ob ein schwerer Klotz daran hängen würde. „Diese ungeplante 23-Kilometer-Umweg-Route hat uns alle zerstört. Becks, die sich so viele Gipfel für die Tour vorgenommen hatte war vollends enttäuscht und hatte als einziges Ziel, die Bestehung der Gesamtroute, im Blick. Auch Kristin plagten schwere Fußbeschwerden, die sie schon seit den Julischen Alpen in Slowenien mit sich trug. Nur Küken Sonja trällerte weiterhin und unbeschwerlich ein „Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich war ich nie!“ vor sich hin. Wir verabschiedeten uns von Jens, der in eine andere Richtung weiterzog, sich aber fest vorgenommen hatte beim ersten LTE-Signal den Hit „Der Zug hat keine Bremse“ herunterzuladen, welchen wir mehrfach im Zimmer angestimmt hatten, jedoch nicht mit den Gesamt-Lyrics dienen konnten. Ich glaube er wird uns nicht vergessen.

Auch wenn die 3. Etappe nur 3,5 Stunden andauerte, so reichte uns dies vollends aus. „Heute Abend wird Magnesium eingenommen und mit Arnika-Creme eingeschmiert!“ ordnete Sonja an. „Das kann doch wohl nicht sein, dass ihr alle nicht mehr laufen könnt.“ Wie verspochen ließ ich mich zu einem Gipfel an der Falkenhütte hinreißen, welcher von Sonja jedoch nur die Bezeichnung „Greifensteiner Hügel“ erhielt. „Wer den Hügel nicht ehrt, ist des Gipfels nicht wert.“ verabschiedete ich mich und entschied mich für einen Aperol Spritz auf der Hütte mit Lari und becks. Kristin ließ den Schmerz ihrer Füße hinter sich und begleitete Sonja auf den 2.093 Meter hohen Mahnkopf. Währenddessen checkten wir drei Hinterbliebenen in der neu restaurierten und optisch mehr als ansprechenden Falkenhütte ein. O-Ton becks „Das Bad ist ja schöner als daheim.“ Auch die Dusche konnte mit knapp 3 Minuten Warmwasser überzeugen und das 6-Bett Lagerzimmer hatten wir diesmal ganz für uns. Als i-Tüpfelchen lernten wir an diesem Abend, die mehr als schmackhafte Kaspresssuppe kennen. Ein Zirben-Likör rundete den Abend ab. „Schade, dass ich heute Morgen das Hochalmkreuz nicht machen konnte. Dem trauere ich immer noch ein bisschen nach.“ waren die Worte der immer fitten Sonja, kurz vorm Schlafen gehen.

 

Etappe 4 | Julis Tag

„Wow, was ein Sonnenaufgang. Und das mit Blick aus dem Badezimmer!“ Die ersten Videosequenzen an der wunderbaren Falkenhütte und dem ersten richtig schönen Sonnenaufgang während der Tour, stimmten mich fröhlich. Außerdem war, dank Magnesiumtablette, Arnika-Creme und einem Aufdehnprogramm, auch keine Blockade mehr in der Wade zu spüren. Ich fühlte, dass heute ein Gipfel machbar war, verriet es aber noch nicht. Die Route, bis zum Abstieg auf die Eng-Alm, war vermutlich, auch Dank des tollen Wetters, eine der schönsten bislang. In Eng musste dann eine Entscheidung über Weitergehen oder Abbruch der Tour gefällt werden. „Na toll, auch noch an meinem einzigen Spitzentag.“ bedauerte ich gedanklich. Aber es war vernünftig darüber nachzudenken ein Gewitter mit Starkregen am Abstiegstag in Kauf zu nehmen. Wir entschieden uns, entgegen der miserablen Prognosen sämtlicher Wetter-Apps, für ein Weitergehen. „Ich brech die Tour doch jetzt nicht mehr ab!“ protestierte selbst becks. Ehrgeiz. Hat se.
„Juli, was ist mit deinem Tempo los? Ich erkenn dich ja kaum wieder?!“ fragte mich Sonja erstaunt. Die Maschinen waren endlich angelaufen. Ich plädiere definitiv für mehr Einlaufzeit bei einer zukünftigen Tour. „Wir haben ja immer noch so viel Proviant.“ bemerkte Kristin an unserem Mittagspausenstopp. Es war bemerkenswert was die einzelnen Teilnehmerinnen immer wieder aus ihren Rucksäcken zauberten. Ob Mama Giselas Mirabellen von heimischen Bäumen oder Pfirsiche aus Sonjas Elterngarten, Spätmirabellen von Lari, Trailmixe, Müsliriegel, Äpfel, Brötchen, Käse, Wurst und Pfefferbeißer. Es war jeden Mittag ein Festmahl auf den Bergen. An der Lamsenjochhütte angekommen blickte ich rüber zu Sonja. „Und Sonja, machen wir noch den Gipfel?“ Wir entschieden uns zwar gegen die zu anspruchsvolle Lamsenspitze, dafür aber für den Hahnkampl auf 2.080 Meter, der uns ein wunderbares Panorama bot. Unterdessen wurden die drei anderen Teilnehmerinnen Zeuge eines sehr strengen und diktatorischen Hüttenregimes. Beim Einchecken forderte die Hüttenwirtin mit strafendem Blick alle Gäste auf das Gepäck nicht mit auf die Zimmer zu nehmen, sondern gefälligst alles im Trockenraum zu lassen. ALLES. Keiner wagte zu widersprechen. Nur über die Schmuggleroute konnten wichtige Dinge nach oben transferiert werden. Lari und becks wagten noch einmal die Hüttenwirtin auf Duschmarken anzusprechen. In ihrer bekannten, liebevollen Art und Stimme fragte Lari vorsichtig: „Darf man auch zwei Duschmarken haben? Also wegen meiner Haare und der Spülung?“ Die Hüttenwirtin antwortete mit eisiger Miene: „Man kann zwei Duschmarken haben. Aber man kann auch Wasser sparen.“ und händigte Lari mit strafendem Blick beide Marken aus. Das Karma folgte. Hatten becks und Kristin noch jeweils warmes Wasser, so wendete sich das Blatt für Lari direkt. Kalte Dusche. Die zweite Marke war erst gar nicht anzuwenden. „Das hat die doch gesehen, dass du jetzt duschst.“ schimpfte becks. „Die saß bestimmt unten am Mischpult und hat dir das Wasser kalt gedreht.“

Sonja und ich hatten Glück. Das Wasser war warm. Aber die Dusche, eher gesagt die Duschmatte, unterirdisch eklig. „Lieber eine schlechte warme Dusche, als keine Dusche.“ vollendete Sonja die Weisheit des Tages. Währenddessen hatte sich eine junge Berlinerin im Bad eingefunden, die sich lauthals über nicht vorhandene Haken in den Zimmern beschwerte. Sie klärte uns auch gleichzeitig über das Handtuchhalterprinzip an den Waschbecken auf. „Das ist eine total schlechte und völlig veraltete Erfindung aus Berlin! Die Handtücher werden quasi in dieses unhygienische Teil aufgesogen.“ Wir schüttelten ungläubig mit dem Kopf. Wo waren wir hier gelandet?

Das Abendessen und die freundliche Bedienung sollten uns zum Glück noch einmal wohlwollend im Gesamturteil umstimmen. „Man darf auch nicht nur meckern. Immerhin sitzen wir im Trockenen.“ Und dann fing es draußen wieder an zu schütten. „Meine App sagt aktuell 3 Liter für morgen und Nieselregen an.“ informierte uns becks, die als O2-Kundin als einzige Empfang und es außerdem gewagt hatte bei der Hüttenwirtin nach einem Eisbeutel für ihr Knie zu fragen. „Ihr werdet es nicht glauben, sie hat sogar am Ende ein wenig den Mundwinkel zu einem Mini-Lächeln geformt. Ich glaube wir sind jetzt Freunde.“ In der Nacht regnete es. Und am Morgen regnete es. Draußen war nur Nebel zu sehen. „Oh jetzt schreibt die App, dass wir 11 Liter haben. Wie unglücklich.“

 

5. Etappe | Laris Tag

Als wir es zum ersten Mal während des ganzen Trips schafften bereits um 7 Uhr zu frühstücken, klarte gegen 7:30 Uhr der Himmel auf. „Okay Leute, das Zeitfenster ist angebrochen. Wir müssen JETZT los.“ kündigte Kristin an. „4 Stunden Abstieg bis nach Schwaz. Wir haben einen Zug zu kriegen.“ Lari schwing die Hufe und gab das Tempo fortan an. In einer nie dagewesenen Geschwindigkeit petzten wir den Berg hinunter. Die Angst, doch noch in Starkregen oder Gewitter zu geraten war allgegenwärtig. Lari drehte sich immer wieder verwundert zu Seite und zurück. „Ich bin heute so fit wie nie. Ich könnte heute wirklich einen Gipfel machen.“ Trotz, dass wir kurzzeitig einen falschen Weg eingeschlagen hatten, erreichten wir Schwaz eine Stunde früher als geplant. „Das schreit ja nach einer Belohnung.“ und becks lud uns alle zu einem Leberkäsebrötchen und Coffe-to-go ein, bevor wir in den äußerst modernen Regionalzug der österreichischen Bundesbahn mit free-Wifi stiegen. Eine halbe Stunde bis nach Innsbruck und dann noch mal eine Stunde um bis nach Scharnitz zu gelangen. Als wir ausstiegen, setzte der Regen erneut ein. „Kommt schnell, es sind nur 10 Minuten bis zum Wanderparkplatz“. Noch einmal spurteten wir mit unseren letzten Kraftreserven los. „Was hängt denn da vorne in der Windschutzscheibe?“ fragte ich ungläubig, hatte ich am Abend zuvor noch gegen einen Strafzettel getippt. „Wieviel sind es?“ wollte Kristin wissen, lagen sie und Lari richtig, hatten aber auf unterschiedliche Beträge getippt. „25€ - Schnapper!“ -  Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine weitere, wundervolle Hüttenwanderung geht zu Ende. Es war mal wieder ein Highlight und wie immer ein unvergessliches Erlebnis in den Bergen. Jeder Meter, jede Anstrengung, jeder Schweißtropfen und jeder Schmerz war diese Wanderung wert. Da oben ist die Welt ein bisschen anders. Einfacher. Befreiter. Sorglos.

Erst wenn ich wieder absteige, spüre ich das Gewicht der Welt auf mir.
- Anatoli Bukrejew.