Nicht ohne meinen Helm!

„Entweder ich werde jetzt richtig krank oder das Gletscherwasser heilt mich.“ Und mit diesen Worten sprang ich die 3 Meter hohe Klippe in die Fluten des Rio Ésera, um der sich anbahnenden Erkältungsgrippe zu trotzen, die mich seit anderthalb Tagen in Schacht hielt. „Dass diese Grippeschutzimpfung aber auch jedes Jahr einen Monat zu spät angeboten wird!“

Gegen 12 Uhr hatten wir unsere nächste sportive Aktivität „Rafting“ gestartet. Zuvor war noch ein Besuch in der Pharmacie nötig, in der ich mich mit „pastillas parca chupar“ versorgte. Doping im Sport - kennen wir eigentlich nicht.... ‚Dolphin‘, unser argentinischer Guide, händigte uns die Neoprenanzüge aus, die sich nur schwerfällig bis gar nicht überstreifen ließen. „Oh man, ich bin einfach zu fett.“, monierte Sissy mehrmals. Vielleicht lag es aber auch einfach an unseren durchtrainierten Waden. Oder die Spanierinnen sind einfach schlanker und zierlicher. Wohl eher letzteres.

Wir hievten gemeinsam das Schlauchboot in das Canyonwasser, was uns mit Wohlfühltemperaturen von 10 Grad begrüßte. Es war schweinekalt. „Vamos Amigos!“ und mit diesem Ruf schlugen wir mit den Paddeln in die Fluten, welche durchaus anspruchsvoller als die im Rhein, aber keineswegs höher als die in Ecuador waren. Die erste Passage war machbar, Einsteigerlevel. Wir paddelten entlang einschneidender Landschaften und durch spanisch, historische Monumente. „Das ist ist doch hier so ein Aquädukt.“, merkte Löön an. „Ja, oder vielleicht einfach eine alte, baufällige Brücke.“ In der zweiten Passage wurde der Canyon felsiger und die Flussströmung diffiziler. Als mittlerweile eingespieltes Rafting-Team - hallo, wir hatten den Rhein bezwungen - paddelten wir gekonnt, slalomartig durch die Felsbrandungen, die mächtig aus dem Wasser ragten. Dolphin war zufrieden mit uns. „Good Team.“ Nach zwei Stunden „paddel forward“ und „paddel backward“ erreichten wir einen felsigen Überhang, von dem wir springen durften. Da ich mittlerweile eh klatschnass war und die anderen schon zu Beginn von einem Felsen gesprungen waren, blendete ich meinen Gesundheitszustand aus und reihte mich bei den Klippenspringern ein. Der Sprung ins eiskalte Nass und die reißende Strömung sorgten für einen weitaus angenehmeren Adrenalinkick, als das Klettern am Tage zuvor. Freudestrahlend paddelten wir bis zum Anlegeufer und manövrierten das Schlauchboot gemeinsam mit Dolphin auf einen uralten Nissan Jeep, der sicherlich seit einigen Jahren keinen TÜV mehr besaß und museumswert hatte, worauf das uralt eingebaute Radiogerät zu schließen ließ. Wir kutschierten damit wieder bis zum Ausgangspunkt und würgten währenddessen nur zweimal ab.

Nach einem Sandwichlunch auf der nahegelegenen Wiese kehrten wir wieder heim. An diesem Abend stand gemeinsames Kochen und Kartenspielen auf dem Programm, schließlich war Tag der deutschen Einheit und der musste gebührend gefeiert werde. „Das sind die besten Nudeln mit Tomatensauce, die ich je gegessen habe.“ freute sich Sissy. Es ist erstaunlich, wie man mit so wenig Gewürzauswahl, einer überschaubaren Küchengeräteansammlung und nur zwei Töpfen, ein drei-Gänge-Menü herbeizaubern kann, das uns tragischerweise auch noch weit aus besser mundete, als die Paella-Pfanne am Tage zuvor.

Mit zwei Hustern (bei dreien wäre ich auf die Schlafcouch verwiesen worden), ging ich zu Bett. Am nächsten Morgen wachte ich mit einer verrauchten Whiskeystimme, begleitet von weiteren Grippesymptomen auf. Mountainbiken, 21 Kilometer, Trails inklusive, stand auf der Agenda. Augen zu und durch.

 „Gibt es eigentlich eine Aktivität in diesem Urlaub, bei dem ihr nicht zwingend Helme benötigt?“, erreichte Sissy noch die Nachricht, als wir unser Fahrradequipment bereits übergestreift und die „Fullies“ in Empfang genommen hatten. Dolphin war auch heute unser Guide und musste sich gleich zu Beginn der Tour mit den kleinen und großen Wehwehchen auseinandersetzen. „Mein Helm passt nicht.“ „Meine Bremse funktioniert nicht.“ „Die Go-Pro lässt sich nicht installieren.“ „Ich bin krank.“ Das spanische Fahrradmaterial entsprach wahrhaft nicht dem deutschen Standard und hatte den ein oder anderen Mangel aufzuweisen. So sprang beispielsweise Sissy schon nach 10 Minuten die Kette aus der Fassung, die Dolphin einen größeren Reparaturaufwand kostete. Jedoch hatten wir ja nur die Anfängertour gebucht. Familienedition. Da sollte ja nichts passieren.

Wir durchführen schönste Landschaftsabschnitte am Fuße der Pyrenäen, die uns Blick auf schneebedeckte Berggipfel gaben. Und auf eine Burg. Dort mussten wir dann auch unglücklicherweise hoch. Die Strecke erwies sich als recht langgezogen und steil und schon nach wenigen Metern sah ich meinen Pulk nur noch von Weitem. Keuchend und schwitzend kam ich kaum den Berg hinauf und die Luft schnürte sich in meinem Hals zusammen. Sonjas Asthmaspray hätte an dieser Stelle Wunder gewirkt, hatte ich aber nicht zur Hand. Als die anderen drei bereits oben die fabelhafte Aussicht genossen, rang ich noch lange nach Sauerstoff. Die Erkältung setzte mir doch mehr zu als gedacht.

Im nächsten Streckenabschnitt wurde der Weg einspurig und felsiger. Und plötzlich waren die Wegzeichen auch nicht mehr grün (Anfänger) und auch nicht mehr blau (Fortgeschrittene), sondern rot plus und schwarz (Master of the Trail). Die felsigen Brocken, die sich uns in den Weg legten, waren kaum zu überwinden, geschweige denn von dem Abgrund, der sich links vor uns eröffnete. Anstatt Wurzeln nur Steine, Geröll und Felsen. Tiefe Spurrillen, scharfe Kurven, steile Abhänge. Sissy und ich schoben das Rad deutlich mehr als dass wir fuhren und unsere Abfahrten waren geprägt von „Ach, du Scheiße!“, „Was ist das denn hier?!“ und „Ahhhhhh!!!“. Selbst Löön, eine sonst sehr wagemutige Fahrerin, musste sich an einigen Passagen im Schiebemodus wiederfinden. Lediglich Kristin-the-Machine war mal wieder nicht zu bremsen und wagte sich über Fels und Stein. Unterdessen überlegte ich, ob ich das nächste Mal nur noch als Kamerafrau mitfahren und die Funktion als Stuntman lieber deaktivieren sollte. „Denk dran Sissy, wir müssen nächste Woche noch gegen Fellerdilln spielen. Wir dürfen hier nichts riskieren.“ Diese Worte ereilten Kristin leider nicht mehr, hatte sie sich mittlerweile als Master-of-the-Trails etabliert und bewegte sich furchtlos über die nächste, für mich unüberwindbare, Passage. Noch im Genuss des Erfolges, Fels 0 - Kristin 1, verhakte sich die Trailkünstlerin in einer tiefer gelegenen Schotterkuhle und stürzte, nach Löons Worten, in Zeitlupe kopfüber über das Fahrrad und landete, wie durch ein Wunder, nur mit den Knien und Armen auf dem spitzen Fels. Kopf und Gesicht blieben verschont, doch die aufgeschürften Wunden entfaltenden sich blitzschnell. Blut lief.

Trotz der ganzen Dramatik setzte sich Kristin-the-machine postwendend wieder aufs Mountainbike, trotzte dem Schmerz mit den Worten „Ja, was soll ich denn machen außer weiter fahren?!“ und setzte die Reise auf dem Felsuntergrund fort. Nur wenige Minuten später legte sich Kristin erneut. Es blieb bei blauen Flecken und wir schüttelten nur den Kopf. Kristin war einfach zu hart für uns.

„Ich dachte wir würden hier Bier trinken.“ sprach Löön, als wir wieder in unserer Wohnung zugegen waren und ich frische Zitrone und Honig in das Erkältungsendgetränk presste. „Jetzt sitzen wir hier vor selbstgebrautem Ingwertee.“ „Reine Prophylaxe, safety first.“, ermahnte ich, während meine Nasennebenhöhlen völlig kapitulierten. Wir gaben dem spanischen Gastronomiegewerbe an diesem Abend noch eine zweite Chance und zogen zur iberischen Abendessenszeit um 21 Uhr noch mal los. Eine Tapasbar, die uns unser Guide empfohlen hatte, wurde das Ziel. Und diesmal sollten wir nicht enttäuscht werden. Kleine leckere Speisen, von Mini-Hamburgern, über Röstibaguettes bis hin zu Spiegelei-Serrano-Schinken-Kreationen zierten unsere Teller. Die Krönung bestand aus der Nachspeisenkreation in Form von Zitroneneissorbee, geschmolzenen Schokokugeln im Teigmantel und Walnusssahne-Honig-Joghurt. Hier kehren wir nochmal ein. Ein Hoch auf die spanische Tapasvielfalt!













Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen

„Leute, ihr wisst schon, dass wir gleich noch fahren müssen!?“ fragte ich in die Sektfrühstückrunde, die sich am Frankfurter Flughafen, kurz vor Check-in, breit gemacht hatte und nicht darauf schließen ließ, dass sich eine der teilnehmenden Personen nach 2 Stunden Flug noch ans Steuer setzen musste. 2 Bierflaschen, eine Sektflasche und vier liebevoll zusammengeschnürte Care-Pakete von Mama Jutta, die eine Prosecco Dose, einen Pfefferbeißer und eine 20g-Tüte Haribo für jeden bereithielten, präsentierte sich vor unseren Augen. Zugleich wurde Kristin der Alkohol entzogen, hatte sie für Mietwagen und Kaution unterschrieben und sich damit zur Fahrerin qualifiziert. Der 2-stündige Flug nach Barcelona verlief ohne Zwischenfälle, obwohl der Pilot schon vor Startbeginn Turbulenzen über dem Rhein-Main-Gebiet angedeutet hatte und Sissy daraufhin panisch und mit chronischer Flugangst empfahl bis nach Spanien einfach zu rollen. Man sollte nicht meinen, dass diese Frau bereits 67 Flüge hinter sich gebracht hatte.

In Barcelona schlugen uns alt bekannte Temperaturverhältnisse von 27 Grad entgegen und ich fragte mich, wofür wir die Ski-Unterwäsche eingepackt hatten. Die Fahrzeugübernahme des Renault Megane verlief auch viel zu reibungslos und die spanische Autobahn bot dank durchgehendem Tempolimit angenehmes Fahrvergnügen ohne jeglichen Stau oder Baustellen. „Die Leute, die nach Deutschland fahren, müssen sich doch fühlen wie im Krieg, wenn da einer mit 230 um die Ecke schießt!“

Im schönsten Sonnenuntergangsmodus, einem orange-gelben Dunst, der sich langsam auf die Straßen und Felder legte, verließen wir die Autobahn und fuhren in bewaldete, fast verlassene Gefilde, entlang einer endlos erscheinenden, kurvenreichen Strecke bis es stockdunkel wurde. Es begegnete uns kaum noch ein Auto und von Zivilisation war wenig bis gar nichts mehr zu sehen. In diesem Moment passierte uns im Schweinsgalopp eine spanischen Wildsau, die Kristin nur durch eine beherzte Vollbremsung verfehlte und die sich gerade noch so im Scheinwerferlicht ins dunkle Unterholz retten konnte. „Halleluja! Da haben wir aber Schwein gehabt!“

Wir erreichten Ainsa gegen 21 Uhr und fühlten uns zurückversetzt in eine andere Zeit. Vor uns eröffnete sich eine mittelalterliche Burg und eine serpentinenförmige Straße führte uns zu einer Festung hinauf, die auch gleichzeitig unser Domizil sein sollte. Authentisch, idyllisch, mittelalterlicher Flair. Wie in einem Medicus Film. Wir fühlten uns sofort heimisch.

Unsere Wohnung bot zwei großzügige Schlafzimmer und eine Küche, die zwar nur ein Messer, dafür aber einen Geschirrspüler und eine Waschmaschine offerierte. An einer preiswerten Tankstelle hatten wir uns zuvor mit dem Nötigsten eingedeckt, wobei der 24h-Supermarket keine Butter darzubieten hatte (Ich weiß Rebecca Dittmar, No-Go, absolutes No-Go). Die Alternative aus Frischkäse als erste Brotschicht war jedoch nicht zu verachten und so starteten wir mit frisch gebackenen Rühreiern und selbst angemachtem Porridge am nächsten Morgen in den Tag. Lediglich die spanische Brotvariation ließ zu wünschen übrig, zerfiel das glutenfreie Produkt noch beim Öffnen der Verpackung in sich zusammen.

Frisch gestärkt wollten wir die erste abenteuerliche Aktivität in Angriff nehmen. Klettersteig. Ganz gechillt. Familienedition. Das waren zumindest die Eckdaten, die mir wissentlich zugetragen worden waren. „Das wird so wie im Allgäu. Heilbronner Höhenweg-like.“ Und auch nur deshalb hatten Sissy und ich unser „Ok“ gegeben. Als wir uns dann dem ‚Via ferrata‘ gegenüberstellten, traf uns der Schlag. „Das geht ja steil die Wand hinauf!“ „Leute, ne echt jetzt?!“ Sissy und mir schlug das Herz bis auf Anschlag, während Löön und Kristin freudestrahlend ihre Sicherheitsgurte und Helme überstreiften. „Warum lass ich mich nur immer wieder auf solche Ideen ein? Hätten wir zum Einstieg nicht erst mal was entspannteres machen können?!“ Mein Lamentieren half wenig, da hatte der Guide Sissy schon die ersten Meter hoch instruiert. „Oh Gott, kann ich bitte wieder runter!“, jammerte Sissy nach gerade mal 3 Stufen hochwärts. Auch mir zitterten die Knie bis Anschlag und nur beim Anblick von Löön in himmelweiten Höhen wurde mir schlecht. Ein Ecuador Déjà-vu ereilte uns. Nur, dass die Felswand diesmal viermal so hoch war und der Abgrund, - ach sprechen wir lieber nicht drüber.

„Wenn wir erklimmen schwindelde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die läßt uns nimmermehr in Ruh´.
Herrliche Berge, sonnige Höhen,
Bergvagabunden sind wir.“ 


In absoluter Tiefenentspanntheit trug Kristin den Songtext vor, während ich hochkonzentriert und definitiv unentspannt an der Felswand hing und mich fragte, wie ich den nächsten überhängenden Steinbrocken wohl überwinden könnte. Von weiter oben immer wieder Sissys Stimme „Das nimmt ja gar kein Ende.!“ „Oh man, wie soll ich denn hier rüber kommen?“ „Kann mir bitte jemand einen Helikopter ordern?“ Von Löön schon weit und breit nichts mehr zu sehen. „Die ist wahrscheinlich schon am Gipfel und macht Mittag.“ Eineinhalb Stunden dauerte die Kletterprozedur an, in der es kaum Verschnaufpausen und vor allen Dingen keine Zwischenstation für Erholung gab. Als weiter hoch, immer gesichert und zu jederzeit den Abgrund im Rücken. „Auf keinen Fall runter schauen. Nur die Wand fokussieren.“ redete ich mir immer wieder zu. Mit letzten Kräften zerrten wir uns bis zum Gipfelplateau nach oben. Endlich, die Plattform zur Erholung und Entspannung war erreicht. „Was ist das denn hier oben?“ rief Sissy. „Ach du scheisse, hier kann ich ja nicht mal stehen.“ Als auch ich mich nach oben gezogen hatte, betrachte ich den Fauxpas. Ein Plateau, so schmal wie zwei Fußabdrücke, das nicht viel mehr als fünf Leute auf engstem Raum beherbergen konnte und zu allen Seiten steil bergab führte. Ich war entsetzt. Sissy war entsetzt. Kristin und Löön machten Poserfotos am Rand der Felsklippe. Völlig unentspannt und mit einer Hand fest das Stahlseil umklammernd, schoben wir uns die zerfallenen Weizenmehlbrote ein und genossen mehr oder wenig den Ausblick mit Kaiserwetter zur Mittagszeit. Der Abstieg zur anderen Seite entwickelte sich wenigstens etwas machbarer und ab der Mitte konnten wir tatsächlich ungesichert den Rückweg antreten. Während eines intensiven Dialoges verloren Löön und ich jedoch die anderen drei und bogen fehlerhaft in ein Buschgestrüpp ab. Bei dem Versuch wieder auf den korrekten Weg zu gelangen, löste ich eine kleine Felslawine aus, die bis in die Sierra Nevada schepperte.

Wir hatten einmal wieder überlebt, was noch immer sehr unglaublich schien. Wir belohnten uns mit zwei Bier und begaben uns am Abend auf Essensuche, wollten wir die lokalen Spezialitäten nicht außer Acht lassen. Dieses Unterfangen gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht, hatten die Hälfte der Restaurants wegen Dienstag geschlossen und wies uns der andere Teil augenverdrehend ab. „Wollen die hier kein Geld verdienen?“ fragten wir uns in die menschenleeren Lokalitäten, bis wir am Ende der Straße endlich eine Beherbergung fanden. „Das könnte Esel sein.“ stellte ich fest, als ich von der bunten Grillplatte probierte, die Sissy und Kristin bestellt hatten. „Hast du schon mal Esel gegessen?“ fragte Kristin erstaunt. „Nein, aber ich könnte mir vorstellen, dass Esel genauso furchtbar schmeckt.“ Die Paella Pfanne für Löön und mich traf mit 30-minütiger Verspätung ein und erwies sich ebenfalls als Reinfall. „Morgen kochen wir wieder selbst.“

Wir werden sehen, was der nächste Tag bringt. Eigentlich steht eine Rafting Tour, Stufe 4 auf der Agenda. Jedoch ist zum einen der Wasserstand sehr niedrig und zum anderen plagen mich seit geraumer Zeit übelste Halsschmerzen. „Hätte ich mir doch diese blöde Mandeln entfernen lassen.“ Und mit diesen Worten arbeitete ich mir Kristins halbe Reiseapotheke in den Magen. 

Fels ist bezwungen, frei atmen Lungen,
ach, wie so schön ist die Welt.
Handschlag, ein Lächeln, Mühen vergessen,
alles auf´s Beste bestellt.
Herrliche Berge


 


 


 


 


 


 


Viva los Pirineos!

Der Aktivurlaub begann bereits einen Tag verfrüht, im Herzen des Lahn-Dill-Kreises, als wir wieder  einmal die utopische Idee hatten die Welt zu retten oder zumindest einen Minimalbeitrag hierfür beizusteuern. Im Grunde hätte der Tag auch dafür ausgereicht den Backpack zu packen und sich mit spanischem Vokabular und einer Paella-Pfanne gemütlich auf den Urlaub einzustimmen. -Nein, wir müssten ja mal wieder in die Vollen greifen und 500 Kilo Müll über eine Strecke von 600 Metern aus dem Wald karren. "Mein Rücken wird es mir morgen danken!" stellte ich missmutig fest als ich mich nach dem siebenhunderteinundzwanzigsten Plastikschnipsel bückte, während Kristin und Tine in aplpineren Gefilden, nähe A45, wie Bergziegen umherkrakselten um zersplitterte Autoscheinwerfer und Leitblanken aus der Natur zu entfernen. Unterdessen leerte Seli undefinierbare Flüssigkeiten aus verrotteten Plastikflaschen, Janina fegte die Böschung hoch und runter und becks rätselte wieviel Einsätze wohl noch nötig seien, während sie ein Meer aus Pfandflaschen und Bifi-Verpackungen seit zweieinhalb Stunden bearbeitete. Lediglich Katja  hatte ein Grinsen auf dem Gesicht, ganz entzückt von dem Goldgrubenfund, alias einer noch gut erhaltenen Mercedes Radkappe, die sie schon gedanklich bei ebay Kleinanzeigen eingestellt hatte. "Leute, 3 Stunden, so wie immer!" motivierte Löön, nicht ahnend dass wir schon in die vierte volle Stunde Müll sammeln geraten waren, ohne eine einzige Pause eingelegt zu haben. Erschöpft und entsetzt über den Müllberg, den wir fein säuberlich am Anfang des Weges aufgereiht hatten, legten wir Picker, Eimer und Kofferwage nieder. "Ich muss jetzt echt mal heim und packen." monierte ich und auch Kristin scharrte mit den Hufen.

Um 16:20 Uhr zog ich dann endlich meinen Backpack hervor und begann zu packen, musste mir jedoch erst noch mal ins Gedächtnis rufen wo wir eigentlich hin wollten, wie wir dorthin wollten, welche Temperaturen überhaupt Masse waren und welche Aktivitäten auf dem Programm standen. Genau genommen hatte ich keinerlei Plan und so warf ich einfach alles in den Rucksack was noch vom letzten Jahr auf der Ecuador-Packliste stand, denn wenigstens fiel mir noch ein, dass ich mit denselben Leuten unterwegs sein würde.

Spanien. Flug nach Barcelona, Mietwagen und 300 Kilometer nordwestlich in die Pyrenäen. So langsam bekam ich wieder Zugriff auf die Eckdaten. Wandern, Mountainbiken, Rafting. Spanisch. Also, stimmte doch, alles wie in Ecuador nur halt ohne Zwischenstopp in Panama. Außerdem würden wir uns komplett selbst organisieren. Eine Ferienwohnung, ein Ort und von dort aus sternförmig Touren abarbeiten. "Wellness, war da eigentlich auch noch was mit Wellness?" Ich hoffte innerlich, dass auf Sissy Verlass sein würde und wir uns beide für einen Thermentag stark machen könnten. "Hoffentlich fahren uns Kristin und Löön nicht in Grund und Boden." wimmerte ich. Warum verreise ich nur immer mit solchen Maschinen?!

Nun denn, erst einmal gilt es den Flug und die Autoreise zu überstehen, auch da sind Zwischenfälle bereits vorprogrammiert. Überhaupt hätte der Flug gar nicht Teil des Programms sein dürfen. Als Plastikrebell darf man sich sicherlich nicht mal mehr das erlauben. Wenigstens konnten wir Abstand von den Billigairlines nehmen und nutzen nun die gute alte Lufthansa, in der Hoffnung, dass diese noch ist was sie mal war.

In diesem Sinne, Vivas los Pirineos!





Jeder kann ein Ozeankind® sein

Gastbeitrag von Rebecca Dittmar (becks)

Alles begann mit einer Mini-Müllsammelaktion auf dem benachbarten Parkplatz der Wohnung. Der tägliche Anblick von Müllbergen auf dem Weg zur Arbeit war irgendwann der Stein des Anstoßes. „Wir müssen da mal aufräumen, das sieht ja echt schlimm aus was dort alles herum liegt…“

Wenige Wochen später gab es den ersten freiwilligen Sammeltag. Das Ergebnis: 2 Säcke voller Müll. Eine Radkappe. Parkplatz sauber, wir zufrieden. Sogar die Stadt Herborn zeigte Unterstützung für diese Aktion und sicherte uns nach Anfrage die entsprechende Entsorgung des gesammelten Abfalls zu.

In der nächsten Zeit fanden sich immer neue Stellen in der Umgebung, an denen achtlos weggeworfener Müll einen traurigen Anblick mitten in der Natur bot.
Nächstes Ziel: Das Dillufer in Herborn. Die Bilanz hier: 5 Säcke Müll, diverse Glas- und Plastikflaschen. Alles verstreut am und sogar im Wasser.

Es ist erstaunlich was aus einem kleinen „Ich kann den Müll da nicht mehr sehen…“ bis heute geworden ist. Auf einer gemeinsamen Mountainbike-Tour hieß es irgendwann „Leute, jetzt schaut euch gleich mal um. Wir fahren jetzt den ‚Müll-Trail’...“ Bitte was??!

Und dann waren wir geschockt über das Ausmaß was wir vor uns sahen. Ein kleiner Zuwanderweg des Rothaarsteigs in Herborn-Burg, unterhalb der Autobahnraststätte Dollenberg. Und alles, wirklich alles voller Müll. Mitten im Wald sah es aus wie auf einer Mülldeponie und es roch auch so. Nicht nur Plastik, Papier oder Flaschen mit seltsamen Inhalten, alles in rauen Mengen. Nein, hier fanden sich teilweise richtige verschnürte Müllpakete. Dazu Autoscheinwerfer, ausgelaufene Batterien, Nummernschilder, Auspuffanlagen, diverse verrostete Metallbleche, Spraydosen, Leitplankenteile, Teerstücke, Bauschilder und sogar ein BlackBerry. Und das ist längst nicht alles... immer neue unglaubliche Fundstücke sind bei jeder Sammelaktion an der Tagesordnung. Und man stellt sich immer wieder nur ein und dieselbe Frage: Wieso machen die Leute sowas? Wieso wird solcher Müll einfach achtlos weggeworfen, frei nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn...“. Tja wenn das so einfach wäre...

Unterstützung und ein Forum für unsere Aktionen fanden wir unter der Internetseite www.ozeankind.de. Hier fanden wir auch Mitstreiter. Verschiedenste Menschen die auf dem Weg zur Arbeit, bei der täglichen Joggingrunde oder einfach beim Spazieren gehen im Urlaub am Strand Müll aufsammeln und entsorgen. Für ein kleines bisschen mehr Sauberkeit in dieser Welt. Tolle Aktion und tolle Menschen, die auf eine solche Idee kommen!

Wir wissen, dass unsere kleinen Müllsammel-Aktionen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind und dass endlos viel Müll in dieser Welt immer wieder zum Thema wird. Aber es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man auch mit einem kleinen Beitrag etwas Großes leisten kann. Für sich selbst und die Umgebung in der man lebt, quasi direkt vor der Haustür.

Und deswegen: Jeder kann ein Ozeankind® sein!
Schnappt euch eine Mülltüte, wenn ihr mit dem Hund raus geht, beim letzten Stück eurer Feierabend-Laufrunde oder einfach beim Sonntagsspaziergang. Sammelt was ihr finden könnt und sorgt mit uns allen dafür, dass es ein klein wenig sauberer wird, in einer Welt die uns alle etwas angeht und die wir auch in ein paar Jahren noch so dringend brauchen.

Eure #plastikrebellen (Team Herborn)
becks, löön, kristin, daniel, juli

Mehr Infos auf www.ozeankind.de 

Zeitungsartikel auf mittelhessen.de: 

https://www.mittelhessen.de/lokales/region-dillenburg_artikel,-„Wie-eine-Muelldeponie-im-Wald“-_arid,1391600.html






Der Berg ruft!

Der Berg ruft! - Kurzer Videotrailer zu unserer 4-tägigen Hüttenwandertour in den Vorderalpen.


Auf den Spuren von Uropa Karl

"Frischen Mut zu jedem Kampf und Leid
habe ich talwärts von der Höh' getragen"

Es war das Jahr 1933 indem mein Uropa Karl seine ersten Wanderungen in die Schweiz und in die bayrischen Alpen startete. Mit 32 Jahren bereiste er mit seinen Freunden Zermatt, Genf, Chamonix, Bern und den Bodensee, erklomm das Materhorn und Nebelhorn und landete schließlich im Allgäu, wo er den Heilbronner Weg überquerte. 85 Jahre später wollen auch wir diesen Klettersteig bestreiten.

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„Welches Stück ist jetzt dran?“ fragte Tine, als wir den nächsten, schier unendlich und strack bergauf verlaufenden Höhenabschnitt in Augenschein nahmen. „Das müsste der Rüssel sein.“ antworte ich und Selis Fitnessuhr pendelte sich bei 450% ein. Ist ein Hindernis auch noch so groß, so gilt wie immer: ein Elefant muss in Scheiben gegessen werden. Stück für Stück.
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Am frühen Montagmorgen begaben sich Sonja, Kristin, Tine, Seli und ich auf den Weg nach Oberstdorf. Dank freier Autobahnen und Kristins flottem, jedoch sicheren Fahrstil erreichten wir zeitig den Wanderer Parkplatz, sowie die Fellhornbahn, die uns und unser Gepäck die ersten Höhenmeter nach oben chauffierte. Uns stand ab da an eine 4-tägige Wanderung mit Hüttenübernachtung bevor oder anders ausgedrückt: enorme Oberschenkel- sowie Wadenbelastung, wenig Schlaf und eingeschränkter Komfort. Mit je 10 Kilo Gepäck auf dem Rücken, welches nicht mal einen Reiseföhn beinhaltete, marschierten wir die ersten Meter Richtung Fiderepasshütte, die unser erstes Etappenziel werden sollte. „Eine kleine Einstiegsroute für den ersten Tag.“ - „Nichts Wildes.“ So lauteten die Katalogangaben, vorgetragen von Sonja und Tine. Die erste Stunde Wanderung sollte diese Angaben auch noch beherzigen, sodass sich Seli zu einer flachsen Bemerkung „Ich glaube mir macht Wandern Spaß.“ hinreißen ließ. Nach einer Mittagspause, die wir neben einer Kuhherde vollzogen, traf uns dann der Schlag. Eine Bergwand auf halb 12. Keuchend, fluchend und nach Luft ringend, arbeiteten sich Seli und ich den Berg nach oben, während sich Kristin-the-Machine und Work-out-Girl Sonja bereits am Gipfel winkend und freudestrahlend befanden und sich bis zu unserer Ankunft mit Liegestützen und Sit-Ups beschäftigen (so schien es zumindest von unten auszusehen). Tine bewegte sich im Mittelfeld, spürte jedoch ebenfalls die Nachwirkungen des Trainingslagers, sowie Gerüstarbeiten in den Knochen. Als wir endlich die Bergwand erklommen hatten, führte der Weg weiter bergauf, bis wir nach 2,5 Stunden die Fiderepasshütte erreichten. Seli hatte bis dato bereits beschlossen, dass Wandern nicht ihr neues Hobby wird und ich hatte gedanklich die Extraroute „Gipfelbesteigung“ gestrichen, nach der sich die beiden Maschinen Kristin und Sonja direkt nach Ankunft erkundigten. Wir erkundeten derweil die Hütte, welche ein hochmodernes Matratzenlager offerierte, sowie einen Trockenraum aufweisen konnte, in dem wir unsere mit Rei-in-der-Tube gewaschenen Kleidungsstücke fachgerecht aufhängen konnten. Während Kristin-the-Machine und Sonja also die Extraroute Gipfelerklimmung anvisierten und dabei den dezenten Hinweis von Tine „Es handelt sich dabei um einen Klettersteig, das wisst ihr?!“ überhörten, lernte der Rest von uns wie man mit einer Minute Warmwasserdusche zurechtkommt, in der der Einseifeprozess bereits mit eingerechnet ist. Grenzerfahrungen.

„Alles richtig gemacht.“ stellten Tine, Seli und ich fest, als wir frisch geduscht mit einem 0,5 Liter Radler anstießen und das Bergpanorama auf uns einwirken ließen. „Wann wollten die eigentlich wieder kommen?“ „Kann man die schon am Gipfel sehen?“ fragten wir uns als der Uhrzeiger weiter voran schritt, von den beiden Maschinen jedoch noch nichts zu sehen war. Nach knapp 3 Stunden traten die beiden endlich wieder in die Hütte ein und warfen aufgeregt aufgewühlte Sätze in den Raum: „Wir haben überlebt!“ „Ich hatte noch nie so Angst um mein Leben!“ Offensichtlich hatte es sich tatsächlich um einen ungesicherten Klettersteig gehandelt, anstatt jedoch umzukehren hatten sich die beiden bis es nicht mehr ging eine Felswand ungesichert hinaufgehangelt und erst durch einen hinunterstürzenden Felsbrocken, der Sonjas Knopf nur knapp verfehlte, zur Rückkehr bewogen. Man darf die beiden einfach nicht alleine lassen.

Am Abend stärkten wir uns zu deftigen Hüttenpreisen mit einer Maultaschensuppe, Spaghetti Bolognese und einem Apfelstrudel zum Nachtisch und kehrten nach Verarbeitung aller Gesprächsthemen und einer Partie "Wizzard" (fast wie Metho-Skat) in unsere Katakomben alias Matratzenlager ein.

Die Nacht war unruhig. Rascheln, Geflüster, ständige Bewegung im Raum. Wenn es hoch kommt, kam ich vielleicht auf 2 Stunden Schlaf. Den anderen erging es nicht besser. Und um 6 Uhr klingelte bereits der Wecker.

Frühstück für 8€. Zwei harte Scheiben Brot, Wurst, Käse, Marmelade und ein Kaffee. Um 8 Uhr dann wieder auf die Piste.

Die von Kristin als „Hiking-Barbie“ titulierte Seli, musste bereits um 9:30 Uhr feststellen, dass ihre Fitnessuhr auf 100% ausschlug, da hatten wir nicht einmal 1/4 der Strecke bewältigt. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt auf dem Krumbacher Höhenweg und auf 2.200 Meter Höhe, mussten jedoch auf einen Berg auf der gegenüberliegenden Seite überwechseln. Der einzige Weg hierfür führte durchs Tal. 1.000 Höhenmeter nach unten. Wir kamen uns vor wie im südamerikanischen Dschungel, als wir uns den steilen Weg nach unten durch subtropisches Gefilde, entlang grüner Sumpfpflanzen, - vielleicht war es auch Rhabarber -, bewegten und uns starke Knieschmerzen, trotz unterstützender Wanderstöcke, plagten. Erste Blasen machten sich bei Tine und mir im Zehbereich bemerkbar, während Kristin ihre Zehen gar nicht mehr spürte. Auch Fitness-Girl Sonja machte der Weg nach unten sehr zu schaffen, nur Seli hatte ihre neue Disziplin entdeckt und schritt im Stechschritt voran.

Nach einem unendlich erscheinenden Weg nach unten kehrten wir in der „Schwarzen Hütte“ ein, die uns eine Brotzeit und ein erfrischendes Kaltgetränk bot. Zwischen Schmalzbrot und Wurstel referierte Sonja über Elektrolythaushalte, während wir allesamt notdürftig unsere Fußwunden versorgten. Uns stand ein Aufstieg von weiteren 1.200 Höhenmetern bevor und wenn das nicht genug sein sollte führte der Weg auch noch treppenstufenartig nach oben. Keine geschlängelten Serpentinen. Einfach strack nuff! Kristin-the-Machine galoppierte wie eine Bergziege mit Leichtigkeit voran, dicht gefolgt von Sonja. Wir anderen schnauften hinterher und konnten uns lediglich mit dem Motto „Sicherheit vor Schnelligkeit“ bei der Stange halten. Der Elefant war zäh und das Ohr schmeckte widerlich. Seli strich derweilen das Wort „Wandern“ gänzlich aus ihrem Vokabular und fragte sich wie man diese Aktivität überhaupt als Urlaub bezeichnen konnte. Erst das Läuten vieler scheppernder Glocken versetzte uns wieder in einen annehmbaren Zustand. Eine Kuhweide eröffnete sich vor uns, die es zu durchschreiten galt. Während die Power-up-Girls schon weit über alle Berge waren, machten Seli und ich die Entdeckung des Tages: einen, - nein, zwei Esel. Die beiden trabten auf uns zu und ließen sich für ein Selfie mit uns hinreißen. Der Tag war gerettet! Mit neuer Motivation schritten wir wieder voran und arbeiteten unser weiter nach oben. Auf unserem Weg begegneten uns Murmeltiere und eine weitere Wandergruppe, die mindestens genauso erschöpft aussah wie wir, jedoch einen dynamischen Tourguide namens Lukas mit sich führten, der uns ein baldiges Erreichen der Hütte versprach. "Warum er einen Eispickel mit sich trug?", wollten wir wissen. "Na, man weiß ja nie, ihr werdets morgen schon sehen." Und wir alle überlegten bei schweißtreibenden 26 Grad und knallendem Sonnenschein, ob wir den Teil mit der Skiausrüstung für Juli wohl überlesen hatten. Kurz erinnerte ich mich auch an ein sepiagefärbtes Foto aus Uropa Karls Fotoalbum, wo er einen Schneeabhang herunterschlitterte. Nein, das musste eine Fotomontage sein.

Ein weiterer, steil bergauf führender Hügel eröffnete sich vor uns und wir bissen uns durch den Elefanten. Drei Schritte vor, verschnaufen und wieder weiter. Immer, immer weiter. Voller Erschöpfung schmissen sich Tine und Seli ins Gras - es ging nichts mehr. Die zwei Hardcore-Mountain-Girls waren völlig außer Reichweite geraten und man konnte mit dem Handyzoom nur noch konturenhafte Silhouetten von Sonja und Kristin erkennen. "Es hilft alles nicht, wir müssen weiter!" rief ich Seli und Tine zu und lief Richtung Hügelrand. Was danach kam, konnten meine Augen kaum glauben "Seli, schnell! Hier ist das schönste was du je gesehen hast!!" Seli, völlig motiviert und in Erwartung einer wunderschönen Landschaft oder alternativ einer Eselherde, setzte noch einmal zum letzten Turbospurt an. Ich präsentierte ihr das Gebäude vor uns. Die Rappenseehütte. Endstation für die heutige Etappe. "Leute, wollten wir noch zum See über die drei Hügel da hinten?" rief uns Sonja, aufgeregt wie ein Kind zu. "Nein." stimmten Seli, Tine und ich im Chor ein.

Die hiesige Dusche offerierte uns 3 Minuten Warmwasser am Stück, mit der Möglichkeit den Pause-Button zu betätigen. Wir waren unendlich dankbar. Die Haarwäsche war heute gesichert. Sonja und Seli schlugen einem Hüttengefährten sogar noch einen Föhn aus den Rippen, sodass auch die Trocknung der Haare ermöglicht wurde. Die Rappenseehütte war deutlich größer, was jedoch nicht die Bedienzeit beeinträchtigte. In Windes Eile erhielten wir unser Kaltgetränk, sowie ein Schnitzel Wiener Art mit Pommes Frites. Die Organisation in diesen Hütten ist einfach unschlagbar gut.
In dieser Nacht wurde unserer 5er-Trupp zwar räumlich getrennt, da wir in zwei unterschiedlichen Hochbettenlagern unterkamen, jedoch teilten wir alle dieselbe Erfahrung. Schnarcher. Zwei Kreissägen in unserem Raum und eine Turbomaschine, die noch durch drei weitere Wände zu hören war, bei Sonja und Kristin. Schlaf? Eher weniger. Kopfschmerzen? Oh ja.

Am darauffolgenden Morgen wurden zwei Brotscheiben, Wurst, Käse, Marmelade und Tee zu 7,50 € gereicht. Abfahrt um 8:00 Uhr. Ein Frischetief hatte uns zu angezippter Kleidung, Jacke und Buff gezwungen. Um 8:15 Uhr zippten wir wieder ab. Schweißperlen kullerten hinunter. Eine Felswand hatte sich uns erneut in den Weg gestellt.

Die vorletzte Etappe, sollte gleichzeitig die attraktivste werden. Der Heilbronner Höhenweg. "Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Bergerfahrung sind unerlässlich." so stand es im Kleingedruckten. Wie gut, dass wir davon so viel aufzuweisen hatten. Doch zunächst galt es erst einmal hinaufzukommen. Dies sollte zunächst an einer ganz banalen Sache scheitern. Ein Teil der Truppe forderte weniger Selfies und eine schnellere Gehzeit, während ein anderer Teil unseres Trupps eine gezügelte Gangart und mehr Landschaftsgenuss einforderte. Nach einer kurzen, aber deutlichen Aussprache fand man einen Kompromiss und unser Team bewegte sich von nun an geschlossen im Gleichschritt, jedoch mit weniger Bildmaterial, voran. An stahlseilgesicherten Feldwänden erklommen wir den Berg und durchschritten die Helbronner Törle, das Tor zum Klettersteig. Durch unsere einheitlichen, blauen Fleisbach Pullis, die wir zu jedem Abendessen, sowie Frühstück auf der Hütte trugen, hatten wir uns mittlerweile einen Namen gemacht und marschierten nicht mehr unerkannt durch die Berge. "Macht den alpinen-erfahrenen Mädels mal Platz, die sind schneller." Wir drehten uns alle um, suchten wir nach einer durchtrainierten Frauenbergwandertruppe- doch da war niemand. "Was, wir? Wir kennen nur Hügel im Mittelgebirge und spielen Fußball". "Egal, ihr seht sportlich aus und könnt 90 Minuten auf dem Platz stehen. Geht voran!" Es galt mal wieder "Hauptsache gut aussehen!" - bei völliger alpinen Unerfahrenheit.

Als sich der Klettersteig näherte und immer wieder die "Leiter" eingeworfen wurde, schlug mein Puls höher. Der Abgrund war tief, jedoch schräg geröllhaltig. Würde ich es schaffen? Tine hatte vorsichtshalber ein Seil mitgenommen, was sie schon seit Fellhornbahn mit sich am Rucksack trug. "Wir seilen dich an, wenn du nicht drüber kommst." Wie beruhigend. Einige Gedenktafeln erfahrener Bergsteiger weiter, erreichten wir die Leiterpassage. Aufgrund erhöhten Stauaufkommens an dieser prägnanten Stelle, blieb mir gar nichts übrig als schnellst möglich über die Lamellen zu spurten. Höhenangst war gestern,- vielmehr beunruhigte uns die Tatsache, dass andere Wanderer Helme mit sich und später auch auf dem Kopf trugen. Als wir den Kamm des Berges überquerten und das schier unendliche Bergpanorama erblickten, dass sich zur linken auf Deutschlands Seite und rechten auf Österreichs Seite eröffnete, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Das ist so schön." wiederholte sich Tine mehrmals. "So schön." stimmten wir alle im Chor ein. Nachdem wir die höchste Stelle des Höhenweges von 2.600 Metern überquert hatten, legten wir eine Mittagspause auf dem Kamm ein und ließen die pralle Sonne auf uns scheinen. Großer Fehler. Trotz Apothekensonnencreme und Kappe sollte ich später eine Retourkutsche erhalten. Diese wurde außerdem durch eine leichte Gehirnerschütterung, die ich mir bereits beim Aufstieg zugezogen hatte, als ich mit Stirn und Nase gegen eine Felsplatte donnerte, gefördert.

"Seli, den brauchst du net!" entgegnete Tine, als Seli den Apfelrest im Müllbeutel entsorgen wollte, Tine ihr diesen aber entriss und in 2.500 Meter Tiefe warf. Und dadurch womöglich einen Butterfly Effect auslöste, wir werden es nie erfahren. Merke: Es wird nichts runtergeworfen, man könnte womöglich eine Lawine auslösen. Wir arbeiteten uns die serpentinenförmigen Geröllpfade weiter hinunter und hangelten uns entlang stahlseilgesicherter Felswände, bis wir ein meterlanges Schneefeld vor uns erblickten. Mitte Juli, in kurzen Hosen und Top durstreiften wir vorsichtig und Schritt für Schritt die Altschneefelder, die kein Ende zu nehmen schienen. "Wenn am Ende eine Eisbude steht, bin ich schwer zufrieden!" Doch es folgte keine Eisdiele, sondern weitere weiße Passagen, die zu Rutschpartien wurden und sich einer nach dem anderen auf den Hintern legte. "Schade, dass wir die Langlaufski im Tal gelassen haben!"

Nachdem sich der Boden wieder unter unseren Boden festigte und wir nach dem Schnee entlang einer wunderschönen grünen, saftigen Blumenwiese schritten, eröffnete sich vor uns ein kleiner See. "Dürfen wir da hin?" bettelten Sonja und ich, bis Kristin endlich nachgab. Wir hatten uns zuvor bei Wanderführer Nummer zwei "Hans" versichert, ob das Zeitfenster noch groß genug war einen Abstecher zum See zu vollziehen. Den Tourguide „Hans“ hatten wir mit seiner Stimmungstruppe am Kamm kennengelernt und er hatte uns mit dem Hinweis entlassen, dass wir uns beim Hüttenwart auf ihn berufen sollten, wenn wir einen Föhn benötigen würden.

Der See erwies sich als sehr erfrischend und bot eine gelungene Abkühlung und Erholung für die Druckstellen und Blasen behafteten Füße.

Die letzte Etappe führte entlang von Schiefergestein und Hobbitwiesen, man konnte sich kaum satt sehen. Als uns beim Abstieg zur Kemptner Hütte eine, lediglich in Bikini bekleidete, Frau mit Mountainbike auf den Schultern begegnete, fragten wir verwundert: "Sie wollen jetzt nicht ernsthaft, diesen felsig, abschüssigen Weg, den wir kaum zu Fuß und mit Wanderstöcken bewältigen können, herunterfahren?!" "Doch, genau das habe ich vor. Wir suchen uns die schwierigsten Passagen raus und steuern diese dann mit gezielter Technik an." "Nur noch Verrückte hier." bemerkte Seli, als die Frau außer Reichweite war. Zuvor waren uns bereits einige Trailrunner begegnet, die an uns vorbeidüsten, während wir unter dem Motto "Sicherheit vor Schnelligkeit" den Berg zu bewältigten versuchten.

"Es gibt kein warmes Wasser mehr!" eröffnete uns der Angestellte der Kemptner Hütte und händigte uns lediglich die Zimmerschlüssel aus. "Na bravo! 8 Stunden Wanderung und dann keine Dusche. Es döff net wahr sein." Wir begruben unseren Missmut mit einem reichhaltigen Menü, bevor auch noch die Küche um 19:30 Uhr schloss. 4 Mordspellkartoffeln mit Kräuterquark und eine Flädlesuppe machten einiges wieder wett. Jedoch kamen wir nicht drum rum uns mit eisigem Quellwasser einer intensiven Wäsche zu unterziehen. Zum Glück hatte Seli die 12er-Packung Duschhandschuhe eingepackt, die sie nun großzügig verteilte. Derweilen hatte sich mein Zustand von "Juhuu,-wir-sind-endlich-in-der-Hütte-angekommen!" zu "Ich-will-sofort-in-mein-Bett-und-morgen-von-der-Materialseilbahn-angeholt-werden" verschlechtert. Schüttelfrost, Schwindel und Übelkeit - vermutlich ein klassischer Sonnenstich mit leichter Gehirnerschütterung. Ich legte mich also frühzeitig in mein Bett und versuchte zu schlafen, während sich der Rest noch mal an den Tisch gesellte. Wir alle erlebten die beste Nacht auf unserer letzten Hütte, hatten wir endlich ein Zimmer zu fünft und ohne Schnarcher, - ja sogar die Stimmen von draußen hörten wir nicht mehr.

Es ging mir am nächsten Morgen überraschend gut und so entschied ich mit den Maschinen Kristin und Sonja noch dem Mutlerkopf zu besteigen, bevor wir uns gemeinsam an den Abstieg begaben. Wenn ich nun im Nachhinein darüber nachdenke, muss ich wohl doch noch Kopf-lädiert gewesen sein, mich für eine weitere Gipfelerklimmung mit diesen beiden Work-out-Girls entschieden zu haben. Zum Glück benötigten wir nur eine gute Stunde bis ans Gipfelkreuz und erblickten aus 2366m Höhe die überwältigende Landschaft. Auch uns konnte man wunderbar von unten betrachten, wie mir später Tine berichtete, da ich mit meinem T-Shirt wohl wie ein pinker Textmarker am Horizont leuchtete. Ein letztes Mal trafen wir auf Lukas und seine Wandertruppe, die sich zugleich nach den fehlenden Teilnehmerinnen Seli und Tine erkundigten. "Die trainieren unten für die dritte Halbzeit. Und die organisieren auf der Hütte noch ne Kirmes." Das Wort 'Kirmes' schallte in diesem Monat hinab runter ins Tal nach Oberstdorf, wo sich Menschenmassen auf den Weg begaben. Als wir uns schlussendlich gegen 12 Uhr zu fünft auf den panoramahaften Abstiegsweg Richtung Oberstdorf/Spielmannsau begaben, kamen uns die ersten Wandertruppen entgegen. Die Sonne prallte bei bestem Badewetter von 27 Grad auf den steil, bergrunter verlaufenden Trail und zwang uns selbst für den Abstieg in die Knie. Dies hielt weitere Truppen aus Köln und Hamburg nicht davon ab in Massen nach oben zu stürmen. Wir standen immer wieder Spalier, als schnaufende und erschöpfte Menschen hochzugs an uns vorbeizogen und wir inständig hofften, dass sie nicht zu sehr enttäuscht waren, dass oben weder eine Kirmes noch Freibier anzutreffen war.

Um die nachmittags Zeit erreichten wir Spielmannsau, ein Ort fast so groß wie Ahrdt, in dem wir unsere hochmoderne Pension bezogen, die uns vorzüglichen Komfort bescherte. Eine heiße Dusche, trockene Handtücher, einen Mülleimer und ein feudales Frühstückmenü mit frisch gebackenen Rühreiern. Man wird wieder so dankbar für die selbstverständlichen Dinge im Leben, die Uropa Karl zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch lange nicht kannte.

Der Heilbronner Höhenweg, sowie die Zusatzwege unserer Hüttenwanderung waren eine absolut bereichernde Erfahrung, bei der man mit einem Bergpanorama nicht sondergleichen belohnt wurde. Wir sind begeistert und traurig zu gleich, dass es schon vorbei ist. In diesem Moment zückten die Hüttenwander-Organisatoren Tine und Sonja das Bergweltenprospekt hervor und planten noch während der Rückfahrt die nächste Route. Alpenüberquerung. E5. Von Oberstdorf bis Meran.

Liebe Berge, wir sehen uns wieder!

Die 3 unnützesten Mitnahmen:
- zweites Paar Schuhe (Seli)
- Selfiestick (Juli)
- Baguette (wurde im Auto vergessen)

Die 3 wertvollsten Mitnahmen:
- Blasenpflaster und Magnesiumtabletten
- Rei in der Tube und Feuchttücher
- Armlinge, Beinlinge und Weste

Die 3 großen Lügen der Hüttenwanderung:

1. Gleich geht's nur noch geradeaus!
2. Hier schnarcht schon niemand.
3. Die letzten werden die ersten sein.








Spend more time on trails - Rothaarsteig 2018

Kurzer Videotrailer zu unserer 3-tägigen Mountainbiketour entlang des Rothaarsteiges.