Der Aktivurlaub begann bereits einen Tag verfrüht, im Herzen des Lahn-Dill-Kreises, als wir wieder einmal die utopische Idee hatten die Welt zu retten oder zumindest einen Minimalbeitrag hierfür beizusteuern. Im Grunde hätte der Tag auch dafür ausgereicht den Backpack zu packen und sich mit spanischem Vokabular und einer Paella-Pfanne gemütlich auf den Urlaub einzustimmen. -Nein, wir müssten ja mal wieder in die Vollen greifen und 500 Kilo Müll über eine Strecke von 600 Metern aus dem Wald karren. "Mein Rücken wird es mir morgen danken!" stellte ich missmutig fest als ich mich nach dem siebenhunderteinundzwanzigsten Plastikschnipsel bückte, während Kristin und Tine in aplpineren Gefilden, nähe A45, wie Bergziegen umherkrakselten um zersplitterte Autoscheinwerfer und Leitblanken aus der Natur zu entfernen. Unterdessen leerte Seli undefinierbare Flüssigkeiten aus verrotteten Plastikflaschen, Janina fegte die Böschung hoch und runter und becks rätselte wieviel Einsätze wohl noch nötig seien, während sie ein Meer aus Pfandflaschen und Bifi-Verpackungen seit zweieinhalb Stunden bearbeitete. Lediglich Katja hatte ein Grinsen auf dem Gesicht, ganz entzückt von dem Goldgrubenfund, alias einer noch gut erhaltenen Mercedes Radkappe, die sie schon gedanklich bei ebay Kleinanzeigen eingestellt hatte. "Leute, 3 Stunden, so wie immer!" motivierte Löön, nicht ahnend dass wir schon in die vierte volle Stunde Müll sammeln geraten waren, ohne eine einzige Pause eingelegt zu haben. Erschöpft und entsetzt über den Müllberg, den wir fein säuberlich am Anfang des Weges aufgereiht hatten, legten wir Picker, Eimer und Kofferwage nieder. "Ich muss jetzt echt mal heim und packen." monierte ich und auch Kristin scharrte mit den Hufen.
Um 16:20 Uhr zog ich dann endlich meinen Backpack hervor und begann zu packen, musste mir jedoch erst noch mal ins Gedächtnis rufen wo wir eigentlich hin wollten, wie wir dorthin wollten, welche Temperaturen überhaupt Masse waren und welche Aktivitäten auf dem Programm standen. Genau genommen hatte ich keinerlei Plan und so warf ich einfach alles in den Rucksack was noch vom letzten Jahr auf der Ecuador-Packliste stand, denn wenigstens fiel mir noch ein, dass ich mit denselben Leuten unterwegs sein würde.
Spanien. Flug nach Barcelona, Mietwagen und 300 Kilometer nordwestlich in die Pyrenäen. So langsam bekam ich wieder Zugriff auf die Eckdaten. Wandern, Mountainbiken, Rafting. Spanisch. Also, stimmte doch, alles wie in Ecuador nur halt ohne Zwischenstopp in Panama. Außerdem würden wir uns komplett selbst organisieren. Eine Ferienwohnung, ein Ort und von dort aus sternförmig Touren abarbeiten. "Wellness, war da eigentlich auch noch was mit Wellness?" Ich hoffte innerlich, dass auf Sissy Verlass sein würde und wir uns beide für einen Thermentag stark machen könnten. "Hoffentlich fahren uns Kristin und Löön nicht in Grund und Boden." wimmerte ich. Warum verreise ich nur immer mit solchen Maschinen?!
Nun denn, erst einmal gilt es den Flug und die Autoreise zu überstehen, auch da sind Zwischenfälle bereits vorprogrammiert. Überhaupt hätte der Flug gar nicht Teil des Programms sein dürfen. Als Plastikrebell darf man sich sicherlich nicht mal mehr das erlauben. Wenigstens konnten wir Abstand von den Billigairlines nehmen und nutzen nun die gute alte Lufthansa, in der Hoffnung, dass diese noch ist was sie mal war.
In diesem Sinne, Vivas los Pirineos!
juli
Gastbeitrag von Rebecca Dittmar (becks)
Alles begann mit einer Mini-Müllsammelaktion auf dem benachbarten Parkplatz der Wohnung. Der tägliche Anblick von Müllbergen auf dem Weg zur Arbeit war irgendwann der Stein des Anstoßes. „Wir müssen da mal aufräumen, das sieht ja echt schlimm aus was dort alles herum liegt…“
Wenige Wochen später gab es den ersten freiwilligen Sammeltag. Das Ergebnis: 2 Säcke voller Müll. Eine Radkappe. Parkplatz sauber, wir zufrieden. Sogar die Stadt Herborn zeigte Unterstützung für diese Aktion und sicherte uns nach Anfrage die entsprechende Entsorgung des gesammelten Abfalls zu.
In der nächsten Zeit fanden sich immer neue Stellen in der Umgebung, an denen achtlos weggeworfener Müll einen traurigen Anblick mitten in der Natur bot.
Nächstes Ziel: Das Dillufer in Herborn. Die Bilanz hier: 5 Säcke Müll, diverse Glas- und Plastikflaschen. Alles verstreut am und sogar im Wasser.
Es ist erstaunlich was aus einem kleinen „Ich kann den Müll da nicht mehr sehen…“ bis heute geworden ist. Auf einer gemeinsamen Mountainbike-Tour hieß es irgendwann „Leute, jetzt schaut euch gleich mal um. Wir fahren jetzt den ‚Müll-Trail’...“ Bitte was??!
Und dann waren wir geschockt über das Ausmaß was wir vor uns sahen. Ein kleiner Zuwanderweg des Rothaarsteigs in Herborn-Burg, unterhalb der Autobahnraststätte Dollenberg. Und alles, wirklich alles voller Müll. Mitten im Wald sah es aus wie auf einer Mülldeponie und es roch auch so. Nicht nur Plastik, Papier oder Flaschen mit seltsamen Inhalten, alles in rauen Mengen. Nein, hier fanden sich teilweise richtige verschnürte Müllpakete. Dazu Autoscheinwerfer, ausgelaufene Batterien, Nummernschilder, Auspuffanlagen, diverse verrostete Metallbleche, Spraydosen, Leitplankenteile, Teerstücke, Bauschilder und sogar ein BlackBerry. Und das ist längst nicht alles... immer neue unglaubliche Fundstücke sind bei jeder Sammelaktion an der Tagesordnung. Und man stellt sich immer wieder nur ein und dieselbe Frage: Wieso machen die Leute sowas? Wieso wird solcher Müll einfach achtlos weggeworfen, frei nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn...“. Tja wenn das so einfach wäre...
Unterstützung und ein Forum für unsere Aktionen fanden wir unter der Internetseite www.ozeankind.de. Hier fanden wir auch Mitstreiter. Verschiedenste Menschen die auf dem Weg zur Arbeit, bei der täglichen Joggingrunde oder einfach beim Spazieren gehen im Urlaub am Strand Müll aufsammeln und entsorgen. Für ein kleines bisschen mehr Sauberkeit in dieser Welt. Tolle Aktion und tolle Menschen, die auf eine solche Idee kommen!
Wir wissen, dass unsere kleinen Müllsammel-Aktionen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind und dass endlos viel Müll in dieser Welt immer wieder zum Thema wird. Aber es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man auch mit einem kleinen Beitrag etwas Großes leisten kann. Für sich selbst und die Umgebung in der man lebt, quasi direkt vor der Haustür.
Und deswegen: Jeder kann ein Ozeankind® sein!
Schnappt euch eine Mülltüte, wenn ihr mit dem Hund raus geht, beim letzten Stück eurer Feierabend-Laufrunde oder einfach beim Sonntagsspaziergang. Sammelt was ihr finden könnt und sorgt mit uns allen dafür, dass es ein klein wenig sauberer wird, in einer Welt die uns alle etwas angeht und die wir auch in ein paar Jahren noch so dringend brauchen.
Eure #plastikrebellen (Team Herborn)
becks, löön, kristin, daniel, juli
Alles begann mit einer Mini-Müllsammelaktion auf dem benachbarten Parkplatz der Wohnung. Der tägliche Anblick von Müllbergen auf dem Weg zur Arbeit war irgendwann der Stein des Anstoßes. „Wir müssen da mal aufräumen, das sieht ja echt schlimm aus was dort alles herum liegt…“
Wenige Wochen später gab es den ersten freiwilligen Sammeltag. Das Ergebnis: 2 Säcke voller Müll. Eine Radkappe. Parkplatz sauber, wir zufrieden. Sogar die Stadt Herborn zeigte Unterstützung für diese Aktion und sicherte uns nach Anfrage die entsprechende Entsorgung des gesammelten Abfalls zu.
In der nächsten Zeit fanden sich immer neue Stellen in der Umgebung, an denen achtlos weggeworfener Müll einen traurigen Anblick mitten in der Natur bot.
Nächstes Ziel: Das Dillufer in Herborn. Die Bilanz hier: 5 Säcke Müll, diverse Glas- und Plastikflaschen. Alles verstreut am und sogar im Wasser.
Es ist erstaunlich was aus einem kleinen „Ich kann den Müll da nicht mehr sehen…“ bis heute geworden ist. Auf einer gemeinsamen Mountainbike-Tour hieß es irgendwann „Leute, jetzt schaut euch gleich mal um. Wir fahren jetzt den ‚Müll-Trail’...“ Bitte was??!
Und dann waren wir geschockt über das Ausmaß was wir vor uns sahen. Ein kleiner Zuwanderweg des Rothaarsteigs in Herborn-Burg, unterhalb der Autobahnraststätte Dollenberg. Und alles, wirklich alles voller Müll. Mitten im Wald sah es aus wie auf einer Mülldeponie und es roch auch so. Nicht nur Plastik, Papier oder Flaschen mit seltsamen Inhalten, alles in rauen Mengen. Nein, hier fanden sich teilweise richtige verschnürte Müllpakete. Dazu Autoscheinwerfer, ausgelaufene Batterien, Nummernschilder, Auspuffanlagen, diverse verrostete Metallbleche, Spraydosen, Leitplankenteile, Teerstücke, Bauschilder und sogar ein BlackBerry. Und das ist längst nicht alles... immer neue unglaubliche Fundstücke sind bei jeder Sammelaktion an der Tagesordnung. Und man stellt sich immer wieder nur ein und dieselbe Frage: Wieso machen die Leute sowas? Wieso wird solcher Müll einfach achtlos weggeworfen, frei nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn...“. Tja wenn das so einfach wäre...
Unterstützung und ein Forum für unsere Aktionen fanden wir unter der Internetseite www.ozeankind.de. Hier fanden wir auch Mitstreiter. Verschiedenste Menschen die auf dem Weg zur Arbeit, bei der täglichen Joggingrunde oder einfach beim Spazieren gehen im Urlaub am Strand Müll aufsammeln und entsorgen. Für ein kleines bisschen mehr Sauberkeit in dieser Welt. Tolle Aktion und tolle Menschen, die auf eine solche Idee kommen!
Wir wissen, dass unsere kleinen Müllsammel-Aktionen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind und dass endlos viel Müll in dieser Welt immer wieder zum Thema wird. Aber es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man auch mit einem kleinen Beitrag etwas Großes leisten kann. Für sich selbst und die Umgebung in der man lebt, quasi direkt vor der Haustür.
Und deswegen: Jeder kann ein Ozeankind® sein!
Schnappt euch eine Mülltüte, wenn ihr mit dem Hund raus geht, beim letzten Stück eurer Feierabend-Laufrunde oder einfach beim Sonntagsspaziergang. Sammelt was ihr finden könnt und sorgt mit uns allen dafür, dass es ein klein wenig sauberer wird, in einer Welt die uns alle etwas angeht und die wir auch in ein paar Jahren noch so dringend brauchen.
Eure #plastikrebellen (Team Herborn)
becks, löön, kristin, daniel, juli
Mehr Infos auf www.ozeankind.de
Zeitungsartikel auf mittelhessen.de:
https://www.mittelhessen.de/lokales/region-dillenburg_artikel,-„Wie-eine-Muelldeponie-im-Wald“-_arid,1391600.html
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juli
Der Berg ruft! - Kurzer Videotrailer zu unserer 4-tägigen Hüttenwandertour in den Vorderalpen.
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Deutschland,
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Wanderung
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juli
"Frischen Mut zu jedem Kampf und Leid
habe ich talwärts von der Höh' getragen"
Es war das Jahr 1933 indem mein Uropa Karl seine ersten Wanderungen in die Schweiz und in die bayrischen Alpen startete. Mit 32 Jahren bereiste er mit seinen Freunden Zermatt, Genf, Chamonix, Bern und den Bodensee, erklomm das Materhorn und Nebelhorn und landete schließlich im Allgäu, wo er den Heilbronner Weg überquerte. 85 Jahre später wollen auch wir diesen Klettersteig bestreiten.
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„Welches Stück ist jetzt dran?“ fragte Tine, als wir den nächsten, schier unendlich und strack bergauf verlaufenden Höhenabschnitt in Augenschein nahmen. „Das müsste der Rüssel sein.“ antworte ich und Selis Fitnessuhr pendelte sich bei 450% ein. Ist ein Hindernis auch noch so groß, so gilt wie immer: ein Elefant muss in Scheiben gegessen werden. Stück für Stück.
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Am frühen Montagmorgen begaben sich Sonja, Kristin, Tine, Seli und ich auf den Weg nach Oberstdorf. Dank freier Autobahnen und Kristins flottem, jedoch sicheren Fahrstil erreichten wir zeitig den Wanderer Parkplatz, sowie die Fellhornbahn, die uns und unser Gepäck die ersten Höhenmeter nach oben chauffierte. Uns stand ab da an eine 4-tägige Wanderung mit Hüttenübernachtung bevor oder anders ausgedrückt: enorme Oberschenkel- sowie Wadenbelastung, wenig Schlaf und eingeschränkter Komfort. Mit je 10 Kilo Gepäck auf dem Rücken, welches nicht mal einen Reiseföhn beinhaltete, marschierten wir die ersten Meter Richtung Fiderepasshütte, die unser erstes Etappenziel werden sollte. „Eine kleine Einstiegsroute für den ersten Tag.“ - „Nichts Wildes.“ So lauteten die Katalogangaben, vorgetragen von Sonja und Tine. Die erste Stunde Wanderung sollte diese Angaben auch noch beherzigen, sodass sich Seli zu einer flachsen Bemerkung „Ich glaube mir macht Wandern Spaß.“ hinreißen ließ. Nach einer Mittagspause, die wir neben einer Kuhherde vollzogen, traf uns dann der Schlag. Eine Bergwand auf halb 12. Keuchend, fluchend und nach Luft ringend, arbeiteten sich Seli und ich den Berg nach oben, während sich Kristin-the-Machine und Work-out-Girl Sonja bereits am Gipfel winkend und freudestrahlend befanden und sich bis zu unserer Ankunft mit Liegestützen und Sit-Ups beschäftigen (so schien es zumindest von unten auszusehen). Tine bewegte sich im Mittelfeld, spürte jedoch ebenfalls die Nachwirkungen des Trainingslagers, sowie Gerüstarbeiten in den Knochen. Als wir endlich die Bergwand erklommen hatten, führte der Weg weiter bergauf, bis wir nach 2,5 Stunden die Fiderepasshütte erreichten. Seli hatte bis dato bereits beschlossen, dass Wandern nicht ihr neues Hobby wird und ich hatte gedanklich die Extraroute „Gipfelbesteigung“ gestrichen, nach der sich die beiden Maschinen Kristin und Sonja direkt nach Ankunft erkundigten. Wir erkundeten derweil die Hütte, welche ein hochmodernes Matratzenlager offerierte, sowie einen Trockenraum aufweisen konnte, in dem wir unsere mit Rei-in-der-Tube gewaschenen Kleidungsstücke fachgerecht aufhängen konnten. Während Kristin-the-Machine und Sonja also die Extraroute Gipfelerklimmung anvisierten und dabei den dezenten Hinweis von Tine „Es handelt sich dabei um einen Klettersteig, das wisst ihr?!“ überhörten, lernte der Rest von uns wie man mit einer Minute Warmwasserdusche zurechtkommt, in der der Einseifeprozess bereits mit eingerechnet ist. Grenzerfahrungen.
„Alles richtig gemacht.“ stellten Tine, Seli und ich fest, als wir frisch geduscht mit einem 0,5 Liter Radler anstießen und das Bergpanorama auf uns einwirken ließen. „Wann wollten die eigentlich wieder kommen?“ „Kann man die schon am Gipfel sehen?“ fragten wir uns als der Uhrzeiger weiter voran schritt, von den beiden Maschinen jedoch noch nichts zu sehen war. Nach knapp 3 Stunden traten die beiden endlich wieder in die Hütte ein und warfen aufgeregt aufgewühlte Sätze in den Raum: „Wir haben überlebt!“ „Ich hatte noch nie so Angst um mein Leben!“ Offensichtlich hatte es sich tatsächlich um einen ungesicherten Klettersteig gehandelt, anstatt jedoch umzukehren hatten sich die beiden bis es nicht mehr ging eine Felswand ungesichert hinaufgehangelt und erst durch einen hinunterstürzenden Felsbrocken, der Sonjas Knopf nur knapp verfehlte, zur Rückkehr bewogen. Man darf die beiden einfach nicht alleine lassen.
Am Abend stärkten wir uns zu deftigen Hüttenpreisen mit einer Maultaschensuppe, Spaghetti Bolognese und einem Apfelstrudel zum Nachtisch und kehrten nach Verarbeitung aller Gesprächsthemen und einer Partie "Wizzard" (fast wie Metho-Skat) in unsere Katakomben alias Matratzenlager ein.
Die Nacht war unruhig. Rascheln, Geflüster, ständige Bewegung im Raum. Wenn es hoch kommt, kam ich vielleicht auf 2 Stunden Schlaf. Den anderen erging es nicht besser. Und um 6 Uhr klingelte bereits der Wecker.
Frühstück für 8€. Zwei harte Scheiben Brot, Wurst, Käse, Marmelade und ein Kaffee. Um 8 Uhr dann wieder auf die Piste.
Die von Kristin als „Hiking-Barbie“ titulierte Seli, musste bereits um 9:30 Uhr feststellen, dass ihre Fitnessuhr auf 100% ausschlug, da hatten wir nicht einmal 1/4 der Strecke bewältigt. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt auf dem Krumbacher Höhenweg und auf 2.200 Meter Höhe, mussten jedoch auf einen Berg auf der gegenüberliegenden Seite überwechseln. Der einzige Weg hierfür führte durchs Tal. 1.000 Höhenmeter nach unten. Wir kamen uns vor wie im südamerikanischen Dschungel, als wir uns den steilen Weg nach unten durch subtropisches Gefilde, entlang grüner Sumpfpflanzen, - vielleicht war es auch Rhabarber -, bewegten und uns starke Knieschmerzen, trotz unterstützender Wanderstöcke, plagten. Erste Blasen machten sich bei Tine und mir im Zehbereich bemerkbar, während Kristin ihre Zehen gar nicht mehr spürte. Auch Fitness-Girl Sonja machte der Weg nach unten sehr zu schaffen, nur Seli hatte ihre neue Disziplin entdeckt und schritt im Stechschritt voran.
Nach einem unendlich erscheinenden Weg nach unten kehrten wir in der „Schwarzen Hütte“ ein, die uns eine Brotzeit und ein erfrischendes Kaltgetränk bot. Zwischen Schmalzbrot und Wurstel referierte Sonja über Elektrolythaushalte, während wir allesamt notdürftig unsere Fußwunden versorgten. Uns stand ein Aufstieg von weiteren 1.200 Höhenmetern bevor und wenn das nicht genug sein sollte führte der Weg auch noch treppenstufenartig nach oben. Keine geschlängelten Serpentinen. Einfach strack nuff! Kristin-the-Machine galoppierte wie eine Bergziege mit Leichtigkeit voran, dicht gefolgt von Sonja. Wir anderen schnauften hinterher und konnten uns lediglich mit dem Motto „Sicherheit vor Schnelligkeit“ bei der Stange halten. Der Elefant war zäh und das Ohr schmeckte widerlich. Seli strich derweilen das Wort „Wandern“ gänzlich aus ihrem Vokabular und fragte sich wie man diese Aktivität überhaupt als Urlaub bezeichnen konnte. Erst das Läuten vieler scheppernder Glocken versetzte uns wieder in einen annehmbaren Zustand. Eine Kuhweide eröffnete sich vor uns, die es zu durchschreiten galt. Während die Power-up-Girls schon weit über alle Berge waren, machten Seli und ich die Entdeckung des Tages: einen, - nein, zwei Esel. Die beiden trabten auf uns zu und ließen sich für ein Selfie mit uns hinreißen. Der Tag war gerettet! Mit neuer Motivation schritten wir wieder voran und arbeiteten unser weiter nach oben. Auf unserem Weg begegneten uns Murmeltiere und eine weitere Wandergruppe, die mindestens genauso erschöpft aussah wie wir, jedoch einen dynamischen Tourguide namens Lukas mit sich führten, der uns ein baldiges Erreichen der Hütte versprach. "Warum er einen Eispickel mit sich trug?", wollten wir wissen. "Na, man weiß ja nie, ihr werdets morgen schon sehen." Und wir alle überlegten bei schweißtreibenden 26 Grad und knallendem Sonnenschein, ob wir den Teil mit der Skiausrüstung für Juli wohl überlesen hatten. Kurz erinnerte ich mich auch an ein sepiagefärbtes Foto aus Uropa Karls Fotoalbum, wo er einen Schneeabhang herunterschlitterte. Nein, das musste eine Fotomontage sein.
Ein weiterer, steil bergauf führender Hügel eröffnete sich vor uns und wir bissen uns durch den Elefanten. Drei Schritte vor, verschnaufen und wieder weiter. Immer, immer weiter. Voller Erschöpfung schmissen sich Tine und Seli ins Gras - es ging nichts mehr. Die zwei Hardcore-Mountain-Girls waren völlig außer Reichweite geraten und man konnte mit dem Handyzoom nur noch konturenhafte Silhouetten von Sonja und Kristin erkennen. "Es hilft alles nicht, wir müssen weiter!" rief ich Seli und Tine zu und lief Richtung Hügelrand. Was danach kam, konnten meine Augen kaum glauben "Seli, schnell! Hier ist das schönste was du je gesehen hast!!" Seli, völlig motiviert und in Erwartung einer wunderschönen Landschaft oder alternativ einer Eselherde, setzte noch einmal zum letzten Turbospurt an. Ich präsentierte ihr das Gebäude vor uns. Die Rappenseehütte. Endstation für die heutige Etappe. "Leute, wollten wir noch zum See über die drei Hügel da hinten?" rief uns Sonja, aufgeregt wie ein Kind zu. "Nein." stimmten Seli, Tine und ich im Chor ein.
Die hiesige Dusche offerierte uns 3 Minuten Warmwasser am Stück, mit der Möglichkeit den Pause-Button zu betätigen. Wir waren unendlich dankbar. Die Haarwäsche war heute gesichert. Sonja und Seli schlugen einem Hüttengefährten sogar noch einen Föhn aus den Rippen, sodass auch die Trocknung der Haare ermöglicht wurde. Die Rappenseehütte war deutlich größer, was jedoch nicht die Bedienzeit beeinträchtigte. In Windes Eile erhielten wir unser Kaltgetränk, sowie ein Schnitzel Wiener Art mit Pommes Frites. Die Organisation in diesen Hütten ist einfach unschlagbar gut.
In dieser Nacht wurde unserer 5er-Trupp zwar räumlich getrennt, da wir in zwei unterschiedlichen Hochbettenlagern unterkamen, jedoch teilten wir alle dieselbe Erfahrung. Schnarcher. Zwei Kreissägen in unserem Raum und eine Turbomaschine, die noch durch drei weitere Wände zu hören war, bei Sonja und Kristin. Schlaf? Eher weniger. Kopfschmerzen? Oh ja.
Am darauffolgenden Morgen wurden zwei Brotscheiben, Wurst, Käse, Marmelade und Tee zu 7,50 € gereicht. Abfahrt um 8:00 Uhr. Ein Frischetief hatte uns zu angezippter Kleidung, Jacke und Buff gezwungen. Um 8:15 Uhr zippten wir wieder ab. Schweißperlen kullerten hinunter. Eine Felswand hatte sich uns erneut in den Weg gestellt.
Die vorletzte Etappe, sollte gleichzeitig die attraktivste werden. Der Heilbronner Höhenweg. "Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Bergerfahrung sind unerlässlich." so stand es im Kleingedruckten. Wie gut, dass wir davon so viel aufzuweisen hatten. Doch zunächst galt es erst einmal hinaufzukommen. Dies sollte zunächst an einer ganz banalen Sache scheitern. Ein Teil der Truppe forderte weniger Selfies und eine schnellere Gehzeit, während ein anderer Teil unseres Trupps eine gezügelte Gangart und mehr Landschaftsgenuss einforderte. Nach einer kurzen, aber deutlichen Aussprache fand man einen Kompromiss und unser Team bewegte sich von nun an geschlossen im Gleichschritt, jedoch mit weniger Bildmaterial, voran. An stahlseilgesicherten Feldwänden erklommen wir den Berg und durchschritten die Helbronner Törle, das Tor zum Klettersteig. Durch unsere einheitlichen, blauen Fleisbach Pullis, die wir zu jedem Abendessen, sowie Frühstück auf der Hütte trugen, hatten wir uns mittlerweile einen Namen gemacht und marschierten nicht mehr unerkannt durch die Berge. "Macht den alpinen-erfahrenen Mädels mal Platz, die sind schneller." Wir drehten uns alle um, suchten wir nach einer durchtrainierten Frauenbergwandertruppe- doch da war niemand. "Was, wir? Wir kennen nur Hügel im Mittelgebirge und spielen Fußball". "Egal, ihr seht sportlich aus und könnt 90 Minuten auf dem Platz stehen. Geht voran!" Es galt mal wieder "Hauptsache gut aussehen!" - bei völliger alpinen Unerfahrenheit.
Als sich der Klettersteig näherte und immer wieder die "Leiter" eingeworfen wurde, schlug mein Puls höher. Der Abgrund war tief, jedoch schräg geröllhaltig. Würde ich es schaffen? Tine hatte vorsichtshalber ein Seil mitgenommen, was sie schon seit Fellhornbahn mit sich am Rucksack trug. "Wir seilen dich an, wenn du nicht drüber kommst." Wie beruhigend. Einige Gedenktafeln erfahrener Bergsteiger weiter, erreichten wir die Leiterpassage. Aufgrund erhöhten Stauaufkommens an dieser prägnanten Stelle, blieb mir gar nichts übrig als schnellst möglich über die Lamellen zu spurten. Höhenangst war gestern,- vielmehr beunruhigte uns die Tatsache, dass andere Wanderer Helme mit sich und später auch auf dem Kopf trugen. Als wir den Kamm des Berges überquerten und das schier unendliche Bergpanorama erblickten, dass sich zur linken auf Deutschlands Seite und rechten auf Österreichs Seite eröffnete, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Das ist so schön." wiederholte sich Tine mehrmals. "So schön." stimmten wir alle im Chor ein. Nachdem wir die höchste Stelle des Höhenweges von 2.600 Metern überquert hatten, legten wir eine Mittagspause auf dem Kamm ein und ließen die pralle Sonne auf uns scheinen. Großer Fehler. Trotz Apothekensonnencreme und Kappe sollte ich später eine Retourkutsche erhalten. Diese wurde außerdem durch eine leichte Gehirnerschütterung, die ich mir bereits beim Aufstieg zugezogen hatte, als ich mit Stirn und Nase gegen eine Felsplatte donnerte, gefördert.
"Seli, den brauchst du net!" entgegnete Tine, als Seli den Apfelrest im Müllbeutel entsorgen wollte, Tine ihr diesen aber entriss und in 2.500 Meter Tiefe warf. Und dadurch womöglich einen Butterfly Effect auslöste, wir werden es nie erfahren. Merke: Es wird nichts runtergeworfen, man könnte womöglich eine Lawine auslösen. Wir arbeiteten uns die serpentinenförmigen Geröllpfade weiter hinunter und hangelten uns entlang stahlseilgesicherter Felswände, bis wir ein meterlanges Schneefeld vor uns erblickten. Mitte Juli, in kurzen Hosen und Top durstreiften wir vorsichtig und Schritt für Schritt die Altschneefelder, die kein Ende zu nehmen schienen. "Wenn am Ende eine Eisbude steht, bin ich schwer zufrieden!" Doch es folgte keine Eisdiele, sondern weitere weiße Passagen, die zu Rutschpartien wurden und sich einer nach dem anderen auf den Hintern legte. "Schade, dass wir die Langlaufski im Tal gelassen haben!"
Nachdem sich der Boden wieder unter unseren Boden festigte und wir nach dem Schnee entlang einer wunderschönen grünen, saftigen Blumenwiese schritten, eröffnete sich vor uns ein kleiner See. "Dürfen wir da hin?" bettelten Sonja und ich, bis Kristin endlich nachgab. Wir hatten uns zuvor bei Wanderführer Nummer zwei "Hans" versichert, ob das Zeitfenster noch groß genug war einen Abstecher zum See zu vollziehen. Den Tourguide „Hans“ hatten wir mit seiner Stimmungstruppe am Kamm kennengelernt und er hatte uns mit dem Hinweis entlassen, dass wir uns beim Hüttenwart auf ihn berufen sollten, wenn wir einen Föhn benötigen würden.
Der See erwies sich als sehr erfrischend und bot eine gelungene Abkühlung und Erholung für die Druckstellen und Blasen behafteten Füße.
Die letzte Etappe führte entlang von Schiefergestein und Hobbitwiesen, man konnte sich kaum satt sehen. Als uns beim Abstieg zur Kemptner Hütte eine, lediglich in Bikini bekleidete, Frau mit Mountainbike auf den Schultern begegnete, fragten wir verwundert: "Sie wollen jetzt nicht ernsthaft, diesen felsig, abschüssigen Weg, den wir kaum zu Fuß und mit Wanderstöcken bewältigen können, herunterfahren?!" "Doch, genau das habe ich vor. Wir suchen uns die schwierigsten Passagen raus und steuern diese dann mit gezielter Technik an." "Nur noch Verrückte hier." bemerkte Seli, als die Frau außer Reichweite war. Zuvor waren uns bereits einige Trailrunner begegnet, die an uns vorbeidüsten, während wir unter dem Motto "Sicherheit vor Schnelligkeit" den Berg zu bewältigten versuchten.
"Es gibt kein warmes Wasser mehr!" eröffnete uns der Angestellte der Kemptner Hütte und händigte uns lediglich die Zimmerschlüssel aus. "Na bravo! 8 Stunden Wanderung und dann keine Dusche. Es döff net wahr sein." Wir begruben unseren Missmut mit einem reichhaltigen Menü, bevor auch noch die Küche um 19:30 Uhr schloss. 4 Mordspellkartoffeln mit Kräuterquark und eine Flädlesuppe machten einiges wieder wett. Jedoch kamen wir nicht drum rum uns mit eisigem Quellwasser einer intensiven Wäsche zu unterziehen. Zum Glück hatte Seli die 12er-Packung Duschhandschuhe eingepackt, die sie nun großzügig verteilte. Derweilen hatte sich mein Zustand von "Juhuu,-wir-sind-endlich-in-der-Hütte-angekommen!" zu "Ich-will-sofort-in-mein-Bett-und-morgen-von-der-Materialseilbahn-angeholt-werden" verschlechtert. Schüttelfrost, Schwindel und Übelkeit - vermutlich ein klassischer Sonnenstich mit leichter Gehirnerschütterung. Ich legte mich also frühzeitig in mein Bett und versuchte zu schlafen, während sich der Rest noch mal an den Tisch gesellte. Wir alle erlebten die beste Nacht auf unserer letzten Hütte, hatten wir endlich ein Zimmer zu fünft und ohne Schnarcher, - ja sogar die Stimmen von draußen hörten wir nicht mehr.
Es ging mir am nächsten Morgen überraschend gut und so entschied ich mit den Maschinen Kristin und Sonja noch dem Mutlerkopf zu besteigen, bevor wir uns gemeinsam an den Abstieg begaben. Wenn ich nun im Nachhinein darüber nachdenke, muss ich wohl doch noch Kopf-lädiert gewesen sein, mich für eine weitere Gipfelerklimmung mit diesen beiden Work-out-Girls entschieden zu haben. Zum Glück benötigten wir nur eine gute Stunde bis ans Gipfelkreuz und erblickten aus 2366m Höhe die überwältigende Landschaft. Auch uns konnte man wunderbar von unten betrachten, wie mir später Tine berichtete, da ich mit meinem T-Shirt wohl wie ein pinker Textmarker am Horizont leuchtete. Ein letztes Mal trafen wir auf Lukas und seine Wandertruppe, die sich zugleich nach den fehlenden Teilnehmerinnen Seli und Tine erkundigten. "Die trainieren unten für die dritte Halbzeit. Und die organisieren auf der Hütte noch ne Kirmes." Das Wort 'Kirmes' schallte in diesem Monat hinab runter ins Tal nach Oberstdorf, wo sich Menschenmassen auf den Weg begaben. Als wir uns schlussendlich gegen 12 Uhr zu fünft auf den panoramahaften Abstiegsweg Richtung Oberstdorf/Spielmannsau begaben, kamen uns die ersten Wandertruppen entgegen. Die Sonne prallte bei bestem Badewetter von 27 Grad auf den steil, bergrunter verlaufenden Trail und zwang uns selbst für den Abstieg in die Knie. Dies hielt weitere Truppen aus Köln und Hamburg nicht davon ab in Massen nach oben zu stürmen. Wir standen immer wieder Spalier, als schnaufende und erschöpfte Menschen hochzugs an uns vorbeizogen und wir inständig hofften, dass sie nicht zu sehr enttäuscht waren, dass oben weder eine Kirmes noch Freibier anzutreffen war.
Um die nachmittags Zeit erreichten wir Spielmannsau, ein Ort fast so groß wie Ahrdt, in dem wir unsere hochmoderne Pension bezogen, die uns vorzüglichen Komfort bescherte. Eine heiße Dusche, trockene Handtücher, einen Mülleimer und ein feudales Frühstückmenü mit frisch gebackenen Rühreiern. Man wird wieder so dankbar für die selbstverständlichen Dinge im Leben, die Uropa Karl zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch lange nicht kannte.
Der Heilbronner Höhenweg, sowie die Zusatzwege unserer Hüttenwanderung waren eine absolut bereichernde Erfahrung, bei der man mit einem Bergpanorama nicht sondergleichen belohnt wurde. Wir sind begeistert und traurig zu gleich, dass es schon vorbei ist. In diesem Moment zückten die Hüttenwander-Organisatoren Tine und Sonja das Bergweltenprospekt hervor und planten noch während der Rückfahrt die nächste Route. Alpenüberquerung. E5. Von Oberstdorf bis Meran.
Liebe Berge, wir sehen uns wieder!
Die 3 unnützesten Mitnahmen:
- zweites Paar Schuhe (Seli)
- Selfiestick (Juli)
- Baguette (wurde im Auto vergessen)
Die 3 wertvollsten Mitnahmen:
- Blasenpflaster und Magnesiumtabletten
- Rei in der Tube und Feuchttücher
- Armlinge, Beinlinge und Weste
Die 3 großen Lügen der Hüttenwanderung:
1. Gleich geht's nur noch geradeaus!
2. Hier schnarcht schon niemand.
3. Die letzten werden die ersten sein.
habe ich talwärts von der Höh' getragen"
Es war das Jahr 1933 indem mein Uropa Karl seine ersten Wanderungen in die Schweiz und in die bayrischen Alpen startete. Mit 32 Jahren bereiste er mit seinen Freunden Zermatt, Genf, Chamonix, Bern und den Bodensee, erklomm das Materhorn und Nebelhorn und landete schließlich im Allgäu, wo er den Heilbronner Weg überquerte. 85 Jahre später wollen auch wir diesen Klettersteig bestreiten.
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„Welches Stück ist jetzt dran?“ fragte Tine, als wir den nächsten, schier unendlich und strack bergauf verlaufenden Höhenabschnitt in Augenschein nahmen. „Das müsste der Rüssel sein.“ antworte ich und Selis Fitnessuhr pendelte sich bei 450% ein. Ist ein Hindernis auch noch so groß, so gilt wie immer: ein Elefant muss in Scheiben gegessen werden. Stück für Stück.
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Am frühen Montagmorgen begaben sich Sonja, Kristin, Tine, Seli und ich auf den Weg nach Oberstdorf. Dank freier Autobahnen und Kristins flottem, jedoch sicheren Fahrstil erreichten wir zeitig den Wanderer Parkplatz, sowie die Fellhornbahn, die uns und unser Gepäck die ersten Höhenmeter nach oben chauffierte. Uns stand ab da an eine 4-tägige Wanderung mit Hüttenübernachtung bevor oder anders ausgedrückt: enorme Oberschenkel- sowie Wadenbelastung, wenig Schlaf und eingeschränkter Komfort. Mit je 10 Kilo Gepäck auf dem Rücken, welches nicht mal einen Reiseföhn beinhaltete, marschierten wir die ersten Meter Richtung Fiderepasshütte, die unser erstes Etappenziel werden sollte. „Eine kleine Einstiegsroute für den ersten Tag.“ - „Nichts Wildes.“ So lauteten die Katalogangaben, vorgetragen von Sonja und Tine. Die erste Stunde Wanderung sollte diese Angaben auch noch beherzigen, sodass sich Seli zu einer flachsen Bemerkung „Ich glaube mir macht Wandern Spaß.“ hinreißen ließ. Nach einer Mittagspause, die wir neben einer Kuhherde vollzogen, traf uns dann der Schlag. Eine Bergwand auf halb 12. Keuchend, fluchend und nach Luft ringend, arbeiteten sich Seli und ich den Berg nach oben, während sich Kristin-the-Machine und Work-out-Girl Sonja bereits am Gipfel winkend und freudestrahlend befanden und sich bis zu unserer Ankunft mit Liegestützen und Sit-Ups beschäftigen (so schien es zumindest von unten auszusehen). Tine bewegte sich im Mittelfeld, spürte jedoch ebenfalls die Nachwirkungen des Trainingslagers, sowie Gerüstarbeiten in den Knochen. Als wir endlich die Bergwand erklommen hatten, führte der Weg weiter bergauf, bis wir nach 2,5 Stunden die Fiderepasshütte erreichten. Seli hatte bis dato bereits beschlossen, dass Wandern nicht ihr neues Hobby wird und ich hatte gedanklich die Extraroute „Gipfelbesteigung“ gestrichen, nach der sich die beiden Maschinen Kristin und Sonja direkt nach Ankunft erkundigten. Wir erkundeten derweil die Hütte, welche ein hochmodernes Matratzenlager offerierte, sowie einen Trockenraum aufweisen konnte, in dem wir unsere mit Rei-in-der-Tube gewaschenen Kleidungsstücke fachgerecht aufhängen konnten. Während Kristin-the-Machine und Sonja also die Extraroute Gipfelerklimmung anvisierten und dabei den dezenten Hinweis von Tine „Es handelt sich dabei um einen Klettersteig, das wisst ihr?!“ überhörten, lernte der Rest von uns wie man mit einer Minute Warmwasserdusche zurechtkommt, in der der Einseifeprozess bereits mit eingerechnet ist. Grenzerfahrungen.
„Alles richtig gemacht.“ stellten Tine, Seli und ich fest, als wir frisch geduscht mit einem 0,5 Liter Radler anstießen und das Bergpanorama auf uns einwirken ließen. „Wann wollten die eigentlich wieder kommen?“ „Kann man die schon am Gipfel sehen?“ fragten wir uns als der Uhrzeiger weiter voran schritt, von den beiden Maschinen jedoch noch nichts zu sehen war. Nach knapp 3 Stunden traten die beiden endlich wieder in die Hütte ein und warfen aufgeregt aufgewühlte Sätze in den Raum: „Wir haben überlebt!“ „Ich hatte noch nie so Angst um mein Leben!“ Offensichtlich hatte es sich tatsächlich um einen ungesicherten Klettersteig gehandelt, anstatt jedoch umzukehren hatten sich die beiden bis es nicht mehr ging eine Felswand ungesichert hinaufgehangelt und erst durch einen hinunterstürzenden Felsbrocken, der Sonjas Knopf nur knapp verfehlte, zur Rückkehr bewogen. Man darf die beiden einfach nicht alleine lassen.
Am Abend stärkten wir uns zu deftigen Hüttenpreisen mit einer Maultaschensuppe, Spaghetti Bolognese und einem Apfelstrudel zum Nachtisch und kehrten nach Verarbeitung aller Gesprächsthemen und einer Partie "Wizzard" (fast wie Metho-Skat) in unsere Katakomben alias Matratzenlager ein.
Die Nacht war unruhig. Rascheln, Geflüster, ständige Bewegung im Raum. Wenn es hoch kommt, kam ich vielleicht auf 2 Stunden Schlaf. Den anderen erging es nicht besser. Und um 6 Uhr klingelte bereits der Wecker.
Frühstück für 8€. Zwei harte Scheiben Brot, Wurst, Käse, Marmelade und ein Kaffee. Um 8 Uhr dann wieder auf die Piste.
Die von Kristin als „Hiking-Barbie“ titulierte Seli, musste bereits um 9:30 Uhr feststellen, dass ihre Fitnessuhr auf 100% ausschlug, da hatten wir nicht einmal 1/4 der Strecke bewältigt. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt auf dem Krumbacher Höhenweg und auf 2.200 Meter Höhe, mussten jedoch auf einen Berg auf der gegenüberliegenden Seite überwechseln. Der einzige Weg hierfür führte durchs Tal. 1.000 Höhenmeter nach unten. Wir kamen uns vor wie im südamerikanischen Dschungel, als wir uns den steilen Weg nach unten durch subtropisches Gefilde, entlang grüner Sumpfpflanzen, - vielleicht war es auch Rhabarber -, bewegten und uns starke Knieschmerzen, trotz unterstützender Wanderstöcke, plagten. Erste Blasen machten sich bei Tine und mir im Zehbereich bemerkbar, während Kristin ihre Zehen gar nicht mehr spürte. Auch Fitness-Girl Sonja machte der Weg nach unten sehr zu schaffen, nur Seli hatte ihre neue Disziplin entdeckt und schritt im Stechschritt voran.
Nach einem unendlich erscheinenden Weg nach unten kehrten wir in der „Schwarzen Hütte“ ein, die uns eine Brotzeit und ein erfrischendes Kaltgetränk bot. Zwischen Schmalzbrot und Wurstel referierte Sonja über Elektrolythaushalte, während wir allesamt notdürftig unsere Fußwunden versorgten. Uns stand ein Aufstieg von weiteren 1.200 Höhenmetern bevor und wenn das nicht genug sein sollte führte der Weg auch noch treppenstufenartig nach oben. Keine geschlängelten Serpentinen. Einfach strack nuff! Kristin-the-Machine galoppierte wie eine Bergziege mit Leichtigkeit voran, dicht gefolgt von Sonja. Wir anderen schnauften hinterher und konnten uns lediglich mit dem Motto „Sicherheit vor Schnelligkeit“ bei der Stange halten. Der Elefant war zäh und das Ohr schmeckte widerlich. Seli strich derweilen das Wort „Wandern“ gänzlich aus ihrem Vokabular und fragte sich wie man diese Aktivität überhaupt als Urlaub bezeichnen konnte. Erst das Läuten vieler scheppernder Glocken versetzte uns wieder in einen annehmbaren Zustand. Eine Kuhweide eröffnete sich vor uns, die es zu durchschreiten galt. Während die Power-up-Girls schon weit über alle Berge waren, machten Seli und ich die Entdeckung des Tages: einen, - nein, zwei Esel. Die beiden trabten auf uns zu und ließen sich für ein Selfie mit uns hinreißen. Der Tag war gerettet! Mit neuer Motivation schritten wir wieder voran und arbeiteten unser weiter nach oben. Auf unserem Weg begegneten uns Murmeltiere und eine weitere Wandergruppe, die mindestens genauso erschöpft aussah wie wir, jedoch einen dynamischen Tourguide namens Lukas mit sich führten, der uns ein baldiges Erreichen der Hütte versprach. "Warum er einen Eispickel mit sich trug?", wollten wir wissen. "Na, man weiß ja nie, ihr werdets morgen schon sehen." Und wir alle überlegten bei schweißtreibenden 26 Grad und knallendem Sonnenschein, ob wir den Teil mit der Skiausrüstung für Juli wohl überlesen hatten. Kurz erinnerte ich mich auch an ein sepiagefärbtes Foto aus Uropa Karls Fotoalbum, wo er einen Schneeabhang herunterschlitterte. Nein, das musste eine Fotomontage sein.
Ein weiterer, steil bergauf führender Hügel eröffnete sich vor uns und wir bissen uns durch den Elefanten. Drei Schritte vor, verschnaufen und wieder weiter. Immer, immer weiter. Voller Erschöpfung schmissen sich Tine und Seli ins Gras - es ging nichts mehr. Die zwei Hardcore-Mountain-Girls waren völlig außer Reichweite geraten und man konnte mit dem Handyzoom nur noch konturenhafte Silhouetten von Sonja und Kristin erkennen. "Es hilft alles nicht, wir müssen weiter!" rief ich Seli und Tine zu und lief Richtung Hügelrand. Was danach kam, konnten meine Augen kaum glauben "Seli, schnell! Hier ist das schönste was du je gesehen hast!!" Seli, völlig motiviert und in Erwartung einer wunderschönen Landschaft oder alternativ einer Eselherde, setzte noch einmal zum letzten Turbospurt an. Ich präsentierte ihr das Gebäude vor uns. Die Rappenseehütte. Endstation für die heutige Etappe. "Leute, wollten wir noch zum See über die drei Hügel da hinten?" rief uns Sonja, aufgeregt wie ein Kind zu. "Nein." stimmten Seli, Tine und ich im Chor ein.
Die hiesige Dusche offerierte uns 3 Minuten Warmwasser am Stück, mit der Möglichkeit den Pause-Button zu betätigen. Wir waren unendlich dankbar. Die Haarwäsche war heute gesichert. Sonja und Seli schlugen einem Hüttengefährten sogar noch einen Föhn aus den Rippen, sodass auch die Trocknung der Haare ermöglicht wurde. Die Rappenseehütte war deutlich größer, was jedoch nicht die Bedienzeit beeinträchtigte. In Windes Eile erhielten wir unser Kaltgetränk, sowie ein Schnitzel Wiener Art mit Pommes Frites. Die Organisation in diesen Hütten ist einfach unschlagbar gut.
In dieser Nacht wurde unserer 5er-Trupp zwar räumlich getrennt, da wir in zwei unterschiedlichen Hochbettenlagern unterkamen, jedoch teilten wir alle dieselbe Erfahrung. Schnarcher. Zwei Kreissägen in unserem Raum und eine Turbomaschine, die noch durch drei weitere Wände zu hören war, bei Sonja und Kristin. Schlaf? Eher weniger. Kopfschmerzen? Oh ja.
Am darauffolgenden Morgen wurden zwei Brotscheiben, Wurst, Käse, Marmelade und Tee zu 7,50 € gereicht. Abfahrt um 8:00 Uhr. Ein Frischetief hatte uns zu angezippter Kleidung, Jacke und Buff gezwungen. Um 8:15 Uhr zippten wir wieder ab. Schweißperlen kullerten hinunter. Eine Felswand hatte sich uns erneut in den Weg gestellt.
Die vorletzte Etappe, sollte gleichzeitig die attraktivste werden. Der Heilbronner Höhenweg. "Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Bergerfahrung sind unerlässlich." so stand es im Kleingedruckten. Wie gut, dass wir davon so viel aufzuweisen hatten. Doch zunächst galt es erst einmal hinaufzukommen. Dies sollte zunächst an einer ganz banalen Sache scheitern. Ein Teil der Truppe forderte weniger Selfies und eine schnellere Gehzeit, während ein anderer Teil unseres Trupps eine gezügelte Gangart und mehr Landschaftsgenuss einforderte. Nach einer kurzen, aber deutlichen Aussprache fand man einen Kompromiss und unser Team bewegte sich von nun an geschlossen im Gleichschritt, jedoch mit weniger Bildmaterial, voran. An stahlseilgesicherten Feldwänden erklommen wir den Berg und durchschritten die Helbronner Törle, das Tor zum Klettersteig. Durch unsere einheitlichen, blauen Fleisbach Pullis, die wir zu jedem Abendessen, sowie Frühstück auf der Hütte trugen, hatten wir uns mittlerweile einen Namen gemacht und marschierten nicht mehr unerkannt durch die Berge. "Macht den alpinen-erfahrenen Mädels mal Platz, die sind schneller." Wir drehten uns alle um, suchten wir nach einer durchtrainierten Frauenbergwandertruppe- doch da war niemand. "Was, wir? Wir kennen nur Hügel im Mittelgebirge und spielen Fußball". "Egal, ihr seht sportlich aus und könnt 90 Minuten auf dem Platz stehen. Geht voran!" Es galt mal wieder "Hauptsache gut aussehen!" - bei völliger alpinen Unerfahrenheit.
Als sich der Klettersteig näherte und immer wieder die "Leiter" eingeworfen wurde, schlug mein Puls höher. Der Abgrund war tief, jedoch schräg geröllhaltig. Würde ich es schaffen? Tine hatte vorsichtshalber ein Seil mitgenommen, was sie schon seit Fellhornbahn mit sich am Rucksack trug. "Wir seilen dich an, wenn du nicht drüber kommst." Wie beruhigend. Einige Gedenktafeln erfahrener Bergsteiger weiter, erreichten wir die Leiterpassage. Aufgrund erhöhten Stauaufkommens an dieser prägnanten Stelle, blieb mir gar nichts übrig als schnellst möglich über die Lamellen zu spurten. Höhenangst war gestern,- vielmehr beunruhigte uns die Tatsache, dass andere Wanderer Helme mit sich und später auch auf dem Kopf trugen. Als wir den Kamm des Berges überquerten und das schier unendliche Bergpanorama erblickten, dass sich zur linken auf Deutschlands Seite und rechten auf Österreichs Seite eröffnete, kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Das ist so schön." wiederholte sich Tine mehrmals. "So schön." stimmten wir alle im Chor ein. Nachdem wir die höchste Stelle des Höhenweges von 2.600 Metern überquert hatten, legten wir eine Mittagspause auf dem Kamm ein und ließen die pralle Sonne auf uns scheinen. Großer Fehler. Trotz Apothekensonnencreme und Kappe sollte ich später eine Retourkutsche erhalten. Diese wurde außerdem durch eine leichte Gehirnerschütterung, die ich mir bereits beim Aufstieg zugezogen hatte, als ich mit Stirn und Nase gegen eine Felsplatte donnerte, gefördert.
"Seli, den brauchst du net!" entgegnete Tine, als Seli den Apfelrest im Müllbeutel entsorgen wollte, Tine ihr diesen aber entriss und in 2.500 Meter Tiefe warf. Und dadurch womöglich einen Butterfly Effect auslöste, wir werden es nie erfahren. Merke: Es wird nichts runtergeworfen, man könnte womöglich eine Lawine auslösen. Wir arbeiteten uns die serpentinenförmigen Geröllpfade weiter hinunter und hangelten uns entlang stahlseilgesicherter Felswände, bis wir ein meterlanges Schneefeld vor uns erblickten. Mitte Juli, in kurzen Hosen und Top durstreiften wir vorsichtig und Schritt für Schritt die Altschneefelder, die kein Ende zu nehmen schienen. "Wenn am Ende eine Eisbude steht, bin ich schwer zufrieden!" Doch es folgte keine Eisdiele, sondern weitere weiße Passagen, die zu Rutschpartien wurden und sich einer nach dem anderen auf den Hintern legte. "Schade, dass wir die Langlaufski im Tal gelassen haben!"
Nachdem sich der Boden wieder unter unseren Boden festigte und wir nach dem Schnee entlang einer wunderschönen grünen, saftigen Blumenwiese schritten, eröffnete sich vor uns ein kleiner See. "Dürfen wir da hin?" bettelten Sonja und ich, bis Kristin endlich nachgab. Wir hatten uns zuvor bei Wanderführer Nummer zwei "Hans" versichert, ob das Zeitfenster noch groß genug war einen Abstecher zum See zu vollziehen. Den Tourguide „Hans“ hatten wir mit seiner Stimmungstruppe am Kamm kennengelernt und er hatte uns mit dem Hinweis entlassen, dass wir uns beim Hüttenwart auf ihn berufen sollten, wenn wir einen Föhn benötigen würden.
Der See erwies sich als sehr erfrischend und bot eine gelungene Abkühlung und Erholung für die Druckstellen und Blasen behafteten Füße.
Die letzte Etappe führte entlang von Schiefergestein und Hobbitwiesen, man konnte sich kaum satt sehen. Als uns beim Abstieg zur Kemptner Hütte eine, lediglich in Bikini bekleidete, Frau mit Mountainbike auf den Schultern begegnete, fragten wir verwundert: "Sie wollen jetzt nicht ernsthaft, diesen felsig, abschüssigen Weg, den wir kaum zu Fuß und mit Wanderstöcken bewältigen können, herunterfahren?!" "Doch, genau das habe ich vor. Wir suchen uns die schwierigsten Passagen raus und steuern diese dann mit gezielter Technik an." "Nur noch Verrückte hier." bemerkte Seli, als die Frau außer Reichweite war. Zuvor waren uns bereits einige Trailrunner begegnet, die an uns vorbeidüsten, während wir unter dem Motto "Sicherheit vor Schnelligkeit" den Berg zu bewältigten versuchten.
"Es gibt kein warmes Wasser mehr!" eröffnete uns der Angestellte der Kemptner Hütte und händigte uns lediglich die Zimmerschlüssel aus. "Na bravo! 8 Stunden Wanderung und dann keine Dusche. Es döff net wahr sein." Wir begruben unseren Missmut mit einem reichhaltigen Menü, bevor auch noch die Küche um 19:30 Uhr schloss. 4 Mordspellkartoffeln mit Kräuterquark und eine Flädlesuppe machten einiges wieder wett. Jedoch kamen wir nicht drum rum uns mit eisigem Quellwasser einer intensiven Wäsche zu unterziehen. Zum Glück hatte Seli die 12er-Packung Duschhandschuhe eingepackt, die sie nun großzügig verteilte. Derweilen hatte sich mein Zustand von "Juhuu,-wir-sind-endlich-in-der-Hütte-angekommen!" zu "Ich-will-sofort-in-mein-Bett-und-morgen-von-der-Materialseilbahn-angeholt-werden" verschlechtert. Schüttelfrost, Schwindel und Übelkeit - vermutlich ein klassischer Sonnenstich mit leichter Gehirnerschütterung. Ich legte mich also frühzeitig in mein Bett und versuchte zu schlafen, während sich der Rest noch mal an den Tisch gesellte. Wir alle erlebten die beste Nacht auf unserer letzten Hütte, hatten wir endlich ein Zimmer zu fünft und ohne Schnarcher, - ja sogar die Stimmen von draußen hörten wir nicht mehr.
Es ging mir am nächsten Morgen überraschend gut und so entschied ich mit den Maschinen Kristin und Sonja noch dem Mutlerkopf zu besteigen, bevor wir uns gemeinsam an den Abstieg begaben. Wenn ich nun im Nachhinein darüber nachdenke, muss ich wohl doch noch Kopf-lädiert gewesen sein, mich für eine weitere Gipfelerklimmung mit diesen beiden Work-out-Girls entschieden zu haben. Zum Glück benötigten wir nur eine gute Stunde bis ans Gipfelkreuz und erblickten aus 2366m Höhe die überwältigende Landschaft. Auch uns konnte man wunderbar von unten betrachten, wie mir später Tine berichtete, da ich mit meinem T-Shirt wohl wie ein pinker Textmarker am Horizont leuchtete. Ein letztes Mal trafen wir auf Lukas und seine Wandertruppe, die sich zugleich nach den fehlenden Teilnehmerinnen Seli und Tine erkundigten. "Die trainieren unten für die dritte Halbzeit. Und die organisieren auf der Hütte noch ne Kirmes." Das Wort 'Kirmes' schallte in diesem Monat hinab runter ins Tal nach Oberstdorf, wo sich Menschenmassen auf den Weg begaben. Als wir uns schlussendlich gegen 12 Uhr zu fünft auf den panoramahaften Abstiegsweg Richtung Oberstdorf/Spielmannsau begaben, kamen uns die ersten Wandertruppen entgegen. Die Sonne prallte bei bestem Badewetter von 27 Grad auf den steil, bergrunter verlaufenden Trail und zwang uns selbst für den Abstieg in die Knie. Dies hielt weitere Truppen aus Köln und Hamburg nicht davon ab in Massen nach oben zu stürmen. Wir standen immer wieder Spalier, als schnaufende und erschöpfte Menschen hochzugs an uns vorbeizogen und wir inständig hofften, dass sie nicht zu sehr enttäuscht waren, dass oben weder eine Kirmes noch Freibier anzutreffen war.
Um die nachmittags Zeit erreichten wir Spielmannsau, ein Ort fast so groß wie Ahrdt, in dem wir unsere hochmoderne Pension bezogen, die uns vorzüglichen Komfort bescherte. Eine heiße Dusche, trockene Handtücher, einen Mülleimer und ein feudales Frühstückmenü mit frisch gebackenen Rühreiern. Man wird wieder so dankbar für die selbstverständlichen Dinge im Leben, die Uropa Karl zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch lange nicht kannte.
Der Heilbronner Höhenweg, sowie die Zusatzwege unserer Hüttenwanderung waren eine absolut bereichernde Erfahrung, bei der man mit einem Bergpanorama nicht sondergleichen belohnt wurde. Wir sind begeistert und traurig zu gleich, dass es schon vorbei ist. In diesem Moment zückten die Hüttenwander-Organisatoren Tine und Sonja das Bergweltenprospekt hervor und planten noch während der Rückfahrt die nächste Route. Alpenüberquerung. E5. Von Oberstdorf bis Meran.
Liebe Berge, wir sehen uns wieder!
Die 3 unnützesten Mitnahmen:
- zweites Paar Schuhe (Seli)
- Selfiestick (Juli)
- Baguette (wurde im Auto vergessen)
Die 3 wertvollsten Mitnahmen:
- Blasenpflaster und Magnesiumtabletten
- Rei in der Tube und Feuchttücher
- Armlinge, Beinlinge und Weste
Die 3 großen Lügen der Hüttenwanderung:
1. Gleich geht's nur noch geradeaus!
2. Hier schnarcht schon niemand.
3. Die letzten werden die ersten sein.
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juli
Kurzer Videotrailer zu unserer 3-tägigen Mountainbiketour entlang des Rothaarsteiges.
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juli
"Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!" Der Deutsche Bahn Angestellte wusste nicht welche Tragweite und Tiefgründigkeit seine Worte für die folgenden drei Tage erhalten sollte, als er becks auf die Frage nach dem recht kurzen Umstiegszeitfenster in Warburg beruhigte und sie dabei halb tröstend in den Arm nahm. Doch wie waren wir überhaupt nach Kassel Wilhelmshöhe um 21:02 Uhr geraten, wo wir uns doch schon längst in Brilon-Stadt, sattelfest Richtung Unterkunft befinden sollten?
Unser Vorhaben, den Fernwanderweg "Rothaarsteig" innerhalb von 3 Tagen mit dem Mountainbike abzufahren, begann genau genommen in Herborn-City, als wir uns um 16:20 Uhr in den Regionalexpress "Deutsche Bahn" mit je 7-Kilo Handgepäck und unserem Mountainbike begaben. 7-Kilo Handgepäck - das galt eigentlich nur für Rebecca Dittmar, die sich weder von ihrem 8-teiligen Hygieneset noch von einer dezenten Kleidungsauswahl trennen konnte. "Leute, Hauptsache gut aussehen - auch auf dem Rothaarsteig!" Den ersten Streckenabschnitt bis zur Universitätsstadt Gießen meisterte unser aller Freund, die Deutsche Bahn, noch mit Bravour. Doch schon bei nachfolgendem Umstieg, sollte unser Transportmittel ihrem Ruf mehr als gerecht werden und bis Oberkante-Unterlippe völlig überfüllt sein. Auf dem Gleis nach Cölbe, unserer nächsten Destination, tummelten sich traubenförmige Menschenmassen, die sich mit Pilgerausrüstung, Umzugskartons und 5-Monatsgepäckstücken in den Zug zwängen wollten, der bereits aus allen Nähten zu platzen drohte. Willkommen Wochenende. Oh, Überraschung: Pfingstferien. Ach, wer hätte denn nur gedacht, dass Menschen verreisen wollen?! Das unflexible Management der DB ließ uns unseren Traum vom Rothaarsteig beinahe schon in Gießen platzen, als der Zug nach Cölbe ohne uns, in komplett entgegen gesetzter Richtung Brilons, kaltblütig auf Gleis 1 stehen ließ. Missmutig stellte sich Löön auf ein langweiliges Wochenende in Fleisbach ein, während sich Daniel und Kristin auf die Suche nach einem Großraumtaxi begaben und ich schon mal nach einer Alternativ-Mountainbikeroute in der Gießener Berglandschaft recherchierte. Lediglich becks, die sich bis dato dezent aus der Vorbereitung und Planung des Trips zurückgehalten hatte, machte sich bereit für ihren großen Gala-Auftritt am Gießener Gleis 1. Geschwind zückte sie ihren wichtigsten Wegbegleiter und untrennbaren Gefährten, das liebe kleine iPhone, und klickte sich galant durch das Bahnnetzwerk Mitteldeutschlands, um innerhalb von Sekundenbruchteilen eine 3-stufige Routenverbindung nach Brilon-Wald zu finden. Unsere geplante Ankunft um 19:58 Uhr in Brilon-Stadt war zwar damit Geschichte und musste um 3 Stunden nach oben korrigiert und um eine Schleife durch halb Deutschland verändert werden, doch sofern sich alle weiteren Anschlussverbindungen ebenfalls verspäten sollten, und in jedem der 3 Anschlusszüge Platz für 5 Mountainbikes war, konnte der neugeborene Plan aufgehen.
Nun gab es einen kleinen Haken bei der Geschichte. Neben dem Unsicherheitsfaktor "Deutsche Bahn", hatte sich nun auch die Ankunftszeit auf späte 22:20 Uhr und somit auf fehlendes Tageslicht abgeändert. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz erwähnen, dass ich meine 600-Watt Fahrradlampe zu Hause liegen lassen musste und meine, zur Sicherheit mitgeführte Kopfstirnlampe, noch am Herborner Hauptbahnhof dezent belächelt wurde. Jedoch hatte mittlerweile die Hauptreiseorganisatorin Löön wieder Feuer und Flamme gefasst und bereits die Nummer des Bauernhofes in Altenbüren gewählt, in der wir übernachten wollten. Nach einem kurzen Dialog war unser nächtlicher Transport ab Brilon-Wald gesichert: Ein Viehzuchtwagen sollte bereit stehen! Ein Hoch auf den Bauernhof!
Wir nahmen also den nächst möglichen Zug nach Cölbe, einem Ort so unattraktiv wie Edingen, der uns jedoch einen Aufenthalt von 1,5 Stunden bescherte. Schon während der Fahrt hatte mich mein knurrender Magen dazu gezwungen, die beste und einzige Pizzeria in diesem überschaubaren Ort ausfindig zu machen, in der wir an der idyllischen Hauptstraße sitzend, einkehrten und unser vorzeitiges Abendessen vollzogen. "Na dann schmeiß schon mal den Ofen an, Kollegah!" rief becks, noch in Hörweite, während der Kellner der Pizzeria "Da Carlo" flucks in die Küche eilte. "Hat jemand die Uhr im Blick?" "Und die Fahrräder auch?", zwischen Rucola, Pizza Hawai und Vorderschinken nahmen wir den nächsten Streckenabschnitt nach Kassel Wilhelmshöhe in Augenschein. "Das Zeitfenster ist knapp, wir müssen von Gleis 3 noch auf die 9 spurten." "Da ist kein weiterer Verzug mehr drin!" Wir warfen dem Kellner der Pizzeria "Da Carlo" noch ein großzügiges Trinkgeld auf den Tisch und radelten wieder Richtung Cölbe Hauptbahnhof, wo uns bereits die gute alte Bahndurchsage auf eine 5-minütige Verspätung unseres Zuges aufmerksam machte. "Na super, dann haben wir in Kassel nur noch 6 Minuten Umstiegszeit!" Eine gute Stunde irrten wir durch den Schwalm-Eder-Kreis bis wir Kassel-Wilhelmshöhe erreichten, uns auf die Räder schwangen und bis Gleis 9 rollten. Gerade rechtzeitig bremsten wir vor unserem korrekten Steig ab, als eine weitere Bahndurchsage verkündete "Ihr Zug nach Hamm hat 7 Minuten Verspätung!" 5 Minuten Umstiegszeit minus 7 Minuten Verspätung - man muss kein Mathe-Ass sein um sich auszurechnen, dass wir den letzten Anschlusszug verpassen würden. In diesem Moment fing die neu promovierte Bahnmasterin Rebecca Dittmar den Schaffner ab und erfragte, halb verzweifelt, halb aufgeregt und außer Atem, ob wir den Zug nach Brillon-Wald noch ergattern würden. Mit beruhigendem Gesichtsausdruck und einer besänftigten Stimme, schaute der Schaffner sie lange an und sprach "Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das." Die herzzerreißende und zu tränenrührende Szene, wurde durch das laut, ratternde Einfahren der Lokomotive unterbrochen und ehe wir uns versehen konnten, saßen wir auch schon im Zug nach Hamm. Um 21:38 Uhr rissen wir die Türen auf und sprangen in das gegenüberliegende Gefährt auf Gleis 3, um um 21:38:24 Uhr die letzte Etappe nach Brilon-Wald zu nehmen. Am stockfinsteren, völlig verlassenen und verkommenen Bahngelände, stiegen wir als einzig Reisende aus dem Zug aus und manövrierten unsere Räder bis zu einem unbeleuchteten Straßenabschnitt. Ein Pferdetransporter leuchtete uns auf und wir sahen unseren Herbergsvater aus dem Wagen steigen. Als hätte er nie etwas anderes getan, führte er die Mountainbikes sorgfältig über die Rampe in den Wagen hinein und kettete jedes Modell behutsam an. Wir hatten es tatsächlich geschafft! Die erste Etappe, vermutlich schweißtreibender und abenteuerlicher als alles was da noch kommen würde, war überwunden. Gegen 24 Uhr fielen wir in unsere Betten. Der Wecker war bereits auf 7 Uhr gestellt.
"Juli, ich brauch deine Wimpertusche! Meine habe ich zu Hause vergessen." ich entsann mich kurz an den Nachrichtentext am Tage zuvor "Nein, wir können uns keine Wimperntusche teilen, davon gibt es Augenentzündung.", verwarf den Gedanken aber dann wieder und reichte den Pinsel an becks weiter, den ich eigentlich zu Hause liegen lassen wollte. "Was ist denn das hier für ein weißes Pulver in dem 3-Liter IKEA-Plastik-Zip-Beutel?" wollte Kristin wissen, die schon seit einer halben Stunden geputzt, gestriegelt und abfahrbereit auf dem Bett saß und endlich los wollte. "Moment, das ist mein Kraftpulver, das muss ich noch trinken bevor wir losfahren." sprach becks, während sie noch ihren halben Rucksack am Einsortieren war. Auch ich hatte mich mit 6-Kilo Handgepäck etwas übernommen und versuchte vergeblich das Wasserschlauchtrinksystem in den viel zu vollgestopften Rucksack zu manövrieren. Derweil scharrten auch Löön und Daniel mit Füßen, die Abfahrt um 9:30 Uhr stand in Gefahr. Um 9:45 Uhr hatten wir endlich alle aufgesattelt und verließen den Bauernhof in Altenbüren, um unsere lang ersehnte Route zu starten. 170 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter lagen für die nächsten 3 Tage vor uns. In Brilon Marktplatzmitte war der offizielle Startpunkt des Rothaarsteigs, den wir noch mit einem Selfie beglückten. Danach ging es bergauf und nach 750 Metern Waldstich, liefen bereits die ersten Schweißperlen. Die nächsten 12 Kilometer wurden etwas entspannter und becks ließ sich zu der Aussage hinreißen "Na wenn das so weiter geht, ist der Rothaarsteig kein Hindernis." 350 Meter später fingen wir an das Rad zu schieben.
Der Rothaarsteig wurde auf der ersten Etappe zur reinsten Qual. 50 Meter gerades Stück vorwärts, bedeuteten als nächstes einen Kilometer strack bergauf. Verschärft wurden solche sogenannten Rothaarwände durch Wurzelwege, umgefallene Bäume und verstreutes Zweigwerk. Teilweise schoben und trugen wir unser Bike mehr, als dass wir darauf saßen. "Hier sind wenig Genusspassagen dabei." bemerkte ich, während becks gedanklich schon 5 Mal die Abholnummer gewählt hatte. "Das stand so nicht im Programmheft. Storno!" Währenddessen fuhr die Elite, bestehend aus Löön und Daniel und mit hängender Spitze (Kristin) in einem sportlichen Tempo voran. Ich konnte zwar krafttechnisch mithalten, jedoch versagten meine Atemzufuhrorgane auf ganzer Linie. Wie eine alte Dampflock keuchte ich den Berg hoch und rang nach Luft. "Als ob ich das erste Mal in meinem Leben Sport gemacht hätte!". Unterdessen gestand sich becks ein, dass die ein oder andere vorherige Trainingseinheit nicht verkehrt gewesen wäre und dass es ein 30-Liter anstatt 45-Liter Rucksack auch getan hätte. Kurz vor der Etappenhälfte drohte das Stimmungsbarometer von dunkelrot zu rostbraun-schwarz überzuschwenken und wir konnten allesamt dankbar sein, dass becks zwar ein Handy dabei, jedoch in dem dicht benadeltem Wald, kein Netz hatte. Auch versagte Dank Schwächeanfälle die Konzentration bei Rebecca Dittmar, wodurch sie vergeblich die Notrufnummer von Mama Jutta zu keiner Zeit korrekt aufgesagt bekam. Erst kurz vor Ansteuerung der ersten Hütte zur Mittagszeit, legten sich die Gesichtszüge bei becks etwas, wofür man dem geradlinig verlaufendem Hochheidtrail des Sauerlandes sehr dankbar sein kann. Frisch gestärkt durch ein alkoholfreies Russ und einem Blaubeerkuchen führte die Route weiter Richtung Ruhrquelle, bei der wir einige spritzige Trailabfahrten durchquerten, die besonders bei unseren Mountainbike-Gurus Löön und Daniel für viel Freude sorgten. Nach ca. 48 Kilometern erreichten wir Winterberg, welches uns noch mal komplett ins Tal und wieder hinauf zu unserem Hostel "Big Mountain" schickte. Alle waren irgendwie am Ende, jedoch auch glücklich und zufrieden über das erreichte Ziel. Nur becks murmelte diverse Schimpfausrufe vor sich her. Mein aufmunterndes "Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!" trug schon während der Fahrt nicht zur Erheiterung bei und wirkte auch im Zimmer für wenig Erfolg. Erst die wunderbar, heiße Dusche - ein absolut unbezahlbares und hochwertiges Gut - sorgte für allgemeine positive Stimmung. Getoppt wurde der Tag durch einen unfassbar schmackhaften Burger und dem 3:1 Pokalfinal-Sieg der glorreichen Eintracht, den wir jedoch nur noch mit halb-offenen Augen im Live-Ticker verfolgen konnten. Die letzte Amtshandlung an diesem Abend war die Einnahme einer aufgelösten Magnesiumtablette, die unser aller Leben rettete. Um 21:30 Uhr gingen die Lichter aus - Boarding Time.
Kristin wachte am nächsten Morgen mit Magenbeschwerden auf, becks beklagte ihren Gesamtzustand und auch ich warf mir eine Schmerztablette ein. Nur Daniel und Löön schien es mal wieder bestens zu gehen. Das Frühstück, welches wir jeden Tag um 8 Uhr einnahmen, war diesmal sehr umfangreich und offerierte zu gewohnten Materialien auch Pancakes und Lachsstückchen. Becks hatte sich derweil gefangen und reagierte, so etwas ähnlich wie motiviert, bei Ansprache des kommenden 50-Kilometer Abschnitts. Nach 3,5 Kilometern hatte sich diese Phantommotivation wieder versandet, hatten wir eine unnötige, jedoch tatsächlich gut ausgeschilderte Schleife genommen, die man auch mit 500 Meter Asphalt-Geradeausfahrt verkürzen hätte können. Beim folgenden Bergaufabschnitt schlug sich Kristin die Pedale ins rechte Knie und verursachte ein Blutrinnsal noch bevor wir die ersten 30 Minuten auf dem Rad saßen. Dies forderte Daniel das Erste-Hilfe-Set in Betrieb zu nehmen, welches keine Pflaster, dafür aber einen völlig überdimensionierten Mullverband zu offerieren hatte. "Weniger ist oft mehr." Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, überquerten wir den "Kahlen Asten" und legten weites gehend angenehme Strecken bis zur Hoheleyer Hütte zurück. Wir hatten bis dato 14,5 Kilometer hingelegt, was Daniel und becks jedoch nicht davon abhielt um 11:30 Uhr je eine Portion Pommes mit Currywurst zu ordern. Nach ein paar Russ sattelten wir wieder auf und navigierten bis Rhein-Weser-Turm, wo sich 4 Personen mit einem Kraftriegel stärkten und sich eine Person über nicht vorhandenes Mobilfunknetz beschwerte. Bei Kilometer 43,6 erlangte das Stimmungsbarometer bei becks einen erneuten Tiefpunkt. "Ich lass mich jetzt gleich abholen!", "Ich hab keine Lust mehr!" "Was für eine bescheuerte Route!" und dabei verwies sie nochmals auf die abermals unnötige Schleife, die wir bei der Ortschaft "Jagdhaus" gedreht hatten, welche bereits 15 Kilometer hinter uns lag. Ich hatte Mühe und Not das Barometer wieder in gleichmäßige Bahnen zu führen. Tatsächlich gelang es erst, als auch Kristin in ein Motivationsdefizit abrutschte und wir zu dritt, weit abgeschlagen von der Elite, die letzten Kilometer in die Pedale traten.
Gegen 18 Uhr erreichten wir an einem unscheinbaren Waldrand, fernab von Zivilisation, das "Landhaus zum Rothaarsteig", bewirtet von Christel und Friedhelm Weiß. Friedhelm begrüßte uns mit einem "Da habt ihr aber Glück gehabt, wir sind gerade erst von einem Geburtstag gekommen." Und das war der Beginn seines zweistündigen, wortgewandten Vortrages, den er uns bei Empfang, Schlüsselübergabe, Zimmerbesichtigung und während der Brotzeit hielt. "Kennse Mensch ärger dich? Da gib ich Ihnen mal nen Rat. Spielen se das mal rückwärts." und als wir noch mal Brot und Wurst nachorderten, "Ich geh jetzt noch mal kurz raus und dann überlegen se sich das noch mal, bis ich zurück bin. Das mit dem Mensch ärger dich nicht rückwärts." Wir spielten gar nichts mehr, sondern lösten uns nur noch eine Magnesiumtablette auf, rieben den Rücken und die Knie mit Voltaren ein und fielen um 21 Uhr todmüde in unsere Betten.
Um 8 Uhr nahmen wir das letzte Frühstück ein und bereiteten uns auf die letzte und längste Etappe bis Dillenburg vor. "70 Kilometer, das geht fast nur noch bergab." motivierte Daniel "Ja, ja, so wie die letzten Tage." bemerkte becks zynisch, die noch vor dem ersten Pedaltritt ihre Knie nicht mehr spürte. Kristin wägte unterdessen ab, ob sie nicht doch schon kurz vor Ewersbach nach Hause abbiegen sollte, während Löön sehr bedauerte, dass die Tour nun schon bald vorbei und nicht noch länger sei. "Zum Glück fahren wir ja noch durch bis nach Fleisbach!" freute sie sich und ich rechnete kurz aus, ob mein Geld für eine Bahnfahrkarte Dillenburg - Herborn reichen würde. Bis Lahnhof, in dem wir noch einmal ein fulminantes Mahl zu Mittag einnahmen, blieb die Strecke höhentechnisch recht ausgegelichen. In den Haubergen ging es abermals steil bergauf bis steil hinab. Und als wir schon Fellerdilln unter uns sahen, strahlten bereits unsere Siegeraugen. Frisch und munter jagten wir den Weg Richtung Rodenbach runter und sahen das gold-gelbe Weizen im Dillenburger Hofgarten schon vor uns stehen. Nur noch ganz wenige Meter und Orte zwischen uns und dem Ziel. Ein Katzensprung quasi. Und dann kam sie. Völlig aus dem Nichts. Heimtückisch und unberechenbar.
Die Wand. Die Rodenbacher Wand. Mit dem Namen: Manderbacher Straße. Ernüchterung machte sich breit. Ein radikaler Weg strackaus nach oben. Kein Ende in Sicht. Mindestens 2 Kilometer schoben und fluchten wir den Pfad hinauf. Was für eine unsägliche Ohrfeige, die uns der Rothaarsteig kurz vor Schluss hier noch einmal verpasst hatte. Auch der Wald- und Wiesenweg durch Manderbach sorgte für Unruhe und Missmutigkeit. Manch einer war kurz davor bei Läderach abzubiegen und alles hinzuschmeißen. Am Ende nahmen wir uns noch einmal zusammen, motivierten uns und sprachen sie noch einmal aus, die Worte, die uns bis hierher geführt hatten:
"Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!"
Um 18 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, fuhren wir in die hellerleuchtete Dillenburger Hofgartenstraße ein. 5 Russ lächelten uns an und wir konnten es nicht fassen. Wir hatten es tatsächlich geschafft. 170 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter lagen hinter uns. War das ein Traum? Ich stieß mir ein letztes Mal die Pedale in meine Waden und wusste dass es keiner war. Kettenöl, blaue Flecken und rote Schrammen bildeteten bei jedem von uns ein individuelles Rothaarsteigtattoo an Knien und Waden. Eine Erfahrung und Kernerinnerung, die sich sicherlich tief abspeichern wird. Genauso wie Mama Juttas Nummer, die becks nun endlich ohne Fehler aufsagen konnte.
5 Gefährten - ein Ziel - keine Verletzen - kein platter Reifen - himmelblauer Sonnenschein - und keine Abholung.
Rothaarsteig 2018 - we did it! :)
Die 3 unnützesten Mitnahmen:
- zweites Paar Schuhe
- mehr als ein Top
- Jeans
Die 3 wertvollsten Mitnahmen:
- Selfiestab und GoPro
- Magnesiumtabletten und Voltaren
- Diverse Schmerztabletten
Die 3 großen Lügen des Rothaarsteigs:
1. Gleich geht's nur noch bergab.
2. Ich lass mich jetzt abholen!
3. Die letzten werden die ersten sein.
Unser Vorhaben, den Fernwanderweg "Rothaarsteig" innerhalb von 3 Tagen mit dem Mountainbike abzufahren, begann genau genommen in Herborn-City, als wir uns um 16:20 Uhr in den Regionalexpress "Deutsche Bahn" mit je 7-Kilo Handgepäck und unserem Mountainbike begaben. 7-Kilo Handgepäck - das galt eigentlich nur für Rebecca Dittmar, die sich weder von ihrem 8-teiligen Hygieneset noch von einer dezenten Kleidungsauswahl trennen konnte. "Leute, Hauptsache gut aussehen - auch auf dem Rothaarsteig!" Den ersten Streckenabschnitt bis zur Universitätsstadt Gießen meisterte unser aller Freund, die Deutsche Bahn, noch mit Bravour. Doch schon bei nachfolgendem Umstieg, sollte unser Transportmittel ihrem Ruf mehr als gerecht werden und bis Oberkante-Unterlippe völlig überfüllt sein. Auf dem Gleis nach Cölbe, unserer nächsten Destination, tummelten sich traubenförmige Menschenmassen, die sich mit Pilgerausrüstung, Umzugskartons und 5-Monatsgepäckstücken in den Zug zwängen wollten, der bereits aus allen Nähten zu platzen drohte. Willkommen Wochenende. Oh, Überraschung: Pfingstferien. Ach, wer hätte denn nur gedacht, dass Menschen verreisen wollen?! Das unflexible Management der DB ließ uns unseren Traum vom Rothaarsteig beinahe schon in Gießen platzen, als der Zug nach Cölbe ohne uns, in komplett entgegen gesetzter Richtung Brilons, kaltblütig auf Gleis 1 stehen ließ. Missmutig stellte sich Löön auf ein langweiliges Wochenende in Fleisbach ein, während sich Daniel und Kristin auf die Suche nach einem Großraumtaxi begaben und ich schon mal nach einer Alternativ-Mountainbikeroute in der Gießener Berglandschaft recherchierte. Lediglich becks, die sich bis dato dezent aus der Vorbereitung und Planung des Trips zurückgehalten hatte, machte sich bereit für ihren großen Gala-Auftritt am Gießener Gleis 1. Geschwind zückte sie ihren wichtigsten Wegbegleiter und untrennbaren Gefährten, das liebe kleine iPhone, und klickte sich galant durch das Bahnnetzwerk Mitteldeutschlands, um innerhalb von Sekundenbruchteilen eine 3-stufige Routenverbindung nach Brilon-Wald zu finden. Unsere geplante Ankunft um 19:58 Uhr in Brilon-Stadt war zwar damit Geschichte und musste um 3 Stunden nach oben korrigiert und um eine Schleife durch halb Deutschland verändert werden, doch sofern sich alle weiteren Anschlussverbindungen ebenfalls verspäten sollten, und in jedem der 3 Anschlusszüge Platz für 5 Mountainbikes war, konnte der neugeborene Plan aufgehen.
Nun gab es einen kleinen Haken bei der Geschichte. Neben dem Unsicherheitsfaktor "Deutsche Bahn", hatte sich nun auch die Ankunftszeit auf späte 22:20 Uhr und somit auf fehlendes Tageslicht abgeändert. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz erwähnen, dass ich meine 600-Watt Fahrradlampe zu Hause liegen lassen musste und meine, zur Sicherheit mitgeführte Kopfstirnlampe, noch am Herborner Hauptbahnhof dezent belächelt wurde. Jedoch hatte mittlerweile die Hauptreiseorganisatorin Löön wieder Feuer und Flamme gefasst und bereits die Nummer des Bauernhofes in Altenbüren gewählt, in der wir übernachten wollten. Nach einem kurzen Dialog war unser nächtlicher Transport ab Brilon-Wald gesichert: Ein Viehzuchtwagen sollte bereit stehen! Ein Hoch auf den Bauernhof!
Wir nahmen also den nächst möglichen Zug nach Cölbe, einem Ort so unattraktiv wie Edingen, der uns jedoch einen Aufenthalt von 1,5 Stunden bescherte. Schon während der Fahrt hatte mich mein knurrender Magen dazu gezwungen, die beste und einzige Pizzeria in diesem überschaubaren Ort ausfindig zu machen, in der wir an der idyllischen Hauptstraße sitzend, einkehrten und unser vorzeitiges Abendessen vollzogen. "Na dann schmeiß schon mal den Ofen an, Kollegah!" rief becks, noch in Hörweite, während der Kellner der Pizzeria "Da Carlo" flucks in die Küche eilte. "Hat jemand die Uhr im Blick?" "Und die Fahrräder auch?", zwischen Rucola, Pizza Hawai und Vorderschinken nahmen wir den nächsten Streckenabschnitt nach Kassel Wilhelmshöhe in Augenschein. "Das Zeitfenster ist knapp, wir müssen von Gleis 3 noch auf die 9 spurten." "Da ist kein weiterer Verzug mehr drin!" Wir warfen dem Kellner der Pizzeria "Da Carlo" noch ein großzügiges Trinkgeld auf den Tisch und radelten wieder Richtung Cölbe Hauptbahnhof, wo uns bereits die gute alte Bahndurchsage auf eine 5-minütige Verspätung unseres Zuges aufmerksam machte. "Na super, dann haben wir in Kassel nur noch 6 Minuten Umstiegszeit!" Eine gute Stunde irrten wir durch den Schwalm-Eder-Kreis bis wir Kassel-Wilhelmshöhe erreichten, uns auf die Räder schwangen und bis Gleis 9 rollten. Gerade rechtzeitig bremsten wir vor unserem korrekten Steig ab, als eine weitere Bahndurchsage verkündete "Ihr Zug nach Hamm hat 7 Minuten Verspätung!" 5 Minuten Umstiegszeit minus 7 Minuten Verspätung - man muss kein Mathe-Ass sein um sich auszurechnen, dass wir den letzten Anschlusszug verpassen würden. In diesem Moment fing die neu promovierte Bahnmasterin Rebecca Dittmar den Schaffner ab und erfragte, halb verzweifelt, halb aufgeregt und außer Atem, ob wir den Zug nach Brillon-Wald noch ergattern würden. Mit beruhigendem Gesichtsausdruck und einer besänftigten Stimme, schaute der Schaffner sie lange an und sprach "Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das." Die herzzerreißende und zu tränenrührende Szene, wurde durch das laut, ratternde Einfahren der Lokomotive unterbrochen und ehe wir uns versehen konnten, saßen wir auch schon im Zug nach Hamm. Um 21:38 Uhr rissen wir die Türen auf und sprangen in das gegenüberliegende Gefährt auf Gleis 3, um um 21:38:24 Uhr die letzte Etappe nach Brilon-Wald zu nehmen. Am stockfinsteren, völlig verlassenen und verkommenen Bahngelände, stiegen wir als einzig Reisende aus dem Zug aus und manövrierten unsere Räder bis zu einem unbeleuchteten Straßenabschnitt. Ein Pferdetransporter leuchtete uns auf und wir sahen unseren Herbergsvater aus dem Wagen steigen. Als hätte er nie etwas anderes getan, führte er die Mountainbikes sorgfältig über die Rampe in den Wagen hinein und kettete jedes Modell behutsam an. Wir hatten es tatsächlich geschafft! Die erste Etappe, vermutlich schweißtreibender und abenteuerlicher als alles was da noch kommen würde, war überwunden. Gegen 24 Uhr fielen wir in unsere Betten. Der Wecker war bereits auf 7 Uhr gestellt.
"Juli, ich brauch deine Wimpertusche! Meine habe ich zu Hause vergessen." ich entsann mich kurz an den Nachrichtentext am Tage zuvor "Nein, wir können uns keine Wimperntusche teilen, davon gibt es Augenentzündung.", verwarf den Gedanken aber dann wieder und reichte den Pinsel an becks weiter, den ich eigentlich zu Hause liegen lassen wollte. "Was ist denn das hier für ein weißes Pulver in dem 3-Liter IKEA-Plastik-Zip-Beutel?" wollte Kristin wissen, die schon seit einer halben Stunden geputzt, gestriegelt und abfahrbereit auf dem Bett saß und endlich los wollte. "Moment, das ist mein Kraftpulver, das muss ich noch trinken bevor wir losfahren." sprach becks, während sie noch ihren halben Rucksack am Einsortieren war. Auch ich hatte mich mit 6-Kilo Handgepäck etwas übernommen und versuchte vergeblich das Wasserschlauchtrinksystem in den viel zu vollgestopften Rucksack zu manövrieren. Derweil scharrten auch Löön und Daniel mit Füßen, die Abfahrt um 9:30 Uhr stand in Gefahr. Um 9:45 Uhr hatten wir endlich alle aufgesattelt und verließen den Bauernhof in Altenbüren, um unsere lang ersehnte Route zu starten. 170 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter lagen für die nächsten 3 Tage vor uns. In Brilon Marktplatzmitte war der offizielle Startpunkt des Rothaarsteigs, den wir noch mit einem Selfie beglückten. Danach ging es bergauf und nach 750 Metern Waldstich, liefen bereits die ersten Schweißperlen. Die nächsten 12 Kilometer wurden etwas entspannter und becks ließ sich zu der Aussage hinreißen "Na wenn das so weiter geht, ist der Rothaarsteig kein Hindernis." 350 Meter später fingen wir an das Rad zu schieben.
Der Rothaarsteig wurde auf der ersten Etappe zur reinsten Qual. 50 Meter gerades Stück vorwärts, bedeuteten als nächstes einen Kilometer strack bergauf. Verschärft wurden solche sogenannten Rothaarwände durch Wurzelwege, umgefallene Bäume und verstreutes Zweigwerk. Teilweise schoben und trugen wir unser Bike mehr, als dass wir darauf saßen. "Hier sind wenig Genusspassagen dabei." bemerkte ich, während becks gedanklich schon 5 Mal die Abholnummer gewählt hatte. "Das stand so nicht im Programmheft. Storno!" Währenddessen fuhr die Elite, bestehend aus Löön und Daniel und mit hängender Spitze (Kristin) in einem sportlichen Tempo voran. Ich konnte zwar krafttechnisch mithalten, jedoch versagten meine Atemzufuhrorgane auf ganzer Linie. Wie eine alte Dampflock keuchte ich den Berg hoch und rang nach Luft. "Als ob ich das erste Mal in meinem Leben Sport gemacht hätte!". Unterdessen gestand sich becks ein, dass die ein oder andere vorherige Trainingseinheit nicht verkehrt gewesen wäre und dass es ein 30-Liter anstatt 45-Liter Rucksack auch getan hätte. Kurz vor der Etappenhälfte drohte das Stimmungsbarometer von dunkelrot zu rostbraun-schwarz überzuschwenken und wir konnten allesamt dankbar sein, dass becks zwar ein Handy dabei, jedoch in dem dicht benadeltem Wald, kein Netz hatte. Auch versagte Dank Schwächeanfälle die Konzentration bei Rebecca Dittmar, wodurch sie vergeblich die Notrufnummer von Mama Jutta zu keiner Zeit korrekt aufgesagt bekam. Erst kurz vor Ansteuerung der ersten Hütte zur Mittagszeit, legten sich die Gesichtszüge bei becks etwas, wofür man dem geradlinig verlaufendem Hochheidtrail des Sauerlandes sehr dankbar sein kann. Frisch gestärkt durch ein alkoholfreies Russ und einem Blaubeerkuchen führte die Route weiter Richtung Ruhrquelle, bei der wir einige spritzige Trailabfahrten durchquerten, die besonders bei unseren Mountainbike-Gurus Löön und Daniel für viel Freude sorgten. Nach ca. 48 Kilometern erreichten wir Winterberg, welches uns noch mal komplett ins Tal und wieder hinauf zu unserem Hostel "Big Mountain" schickte. Alle waren irgendwie am Ende, jedoch auch glücklich und zufrieden über das erreichte Ziel. Nur becks murmelte diverse Schimpfausrufe vor sich her. Mein aufmunterndes "Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!" trug schon während der Fahrt nicht zur Erheiterung bei und wirkte auch im Zimmer für wenig Erfolg. Erst die wunderbar, heiße Dusche - ein absolut unbezahlbares und hochwertiges Gut - sorgte für allgemeine positive Stimmung. Getoppt wurde der Tag durch einen unfassbar schmackhaften Burger und dem 3:1 Pokalfinal-Sieg der glorreichen Eintracht, den wir jedoch nur noch mit halb-offenen Augen im Live-Ticker verfolgen konnten. Die letzte Amtshandlung an diesem Abend war die Einnahme einer aufgelösten Magnesiumtablette, die unser aller Leben rettete. Um 21:30 Uhr gingen die Lichter aus - Boarding Time.
Kristin wachte am nächsten Morgen mit Magenbeschwerden auf, becks beklagte ihren Gesamtzustand und auch ich warf mir eine Schmerztablette ein. Nur Daniel und Löön schien es mal wieder bestens zu gehen. Das Frühstück, welches wir jeden Tag um 8 Uhr einnahmen, war diesmal sehr umfangreich und offerierte zu gewohnten Materialien auch Pancakes und Lachsstückchen. Becks hatte sich derweil gefangen und reagierte, so etwas ähnlich wie motiviert, bei Ansprache des kommenden 50-Kilometer Abschnitts. Nach 3,5 Kilometern hatte sich diese Phantommotivation wieder versandet, hatten wir eine unnötige, jedoch tatsächlich gut ausgeschilderte Schleife genommen, die man auch mit 500 Meter Asphalt-Geradeausfahrt verkürzen hätte können. Beim folgenden Bergaufabschnitt schlug sich Kristin die Pedale ins rechte Knie und verursachte ein Blutrinnsal noch bevor wir die ersten 30 Minuten auf dem Rad saßen. Dies forderte Daniel das Erste-Hilfe-Set in Betrieb zu nehmen, welches keine Pflaster, dafür aber einen völlig überdimensionierten Mullverband zu offerieren hatte. "Weniger ist oft mehr." Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, überquerten wir den "Kahlen Asten" und legten weites gehend angenehme Strecken bis zur Hoheleyer Hütte zurück. Wir hatten bis dato 14,5 Kilometer hingelegt, was Daniel und becks jedoch nicht davon abhielt um 11:30 Uhr je eine Portion Pommes mit Currywurst zu ordern. Nach ein paar Russ sattelten wir wieder auf und navigierten bis Rhein-Weser-Turm, wo sich 4 Personen mit einem Kraftriegel stärkten und sich eine Person über nicht vorhandenes Mobilfunknetz beschwerte. Bei Kilometer 43,6 erlangte das Stimmungsbarometer bei becks einen erneuten Tiefpunkt. "Ich lass mich jetzt gleich abholen!", "Ich hab keine Lust mehr!" "Was für eine bescheuerte Route!" und dabei verwies sie nochmals auf die abermals unnötige Schleife, die wir bei der Ortschaft "Jagdhaus" gedreht hatten, welche bereits 15 Kilometer hinter uns lag. Ich hatte Mühe und Not das Barometer wieder in gleichmäßige Bahnen zu führen. Tatsächlich gelang es erst, als auch Kristin in ein Motivationsdefizit abrutschte und wir zu dritt, weit abgeschlagen von der Elite, die letzten Kilometer in die Pedale traten.
Gegen 18 Uhr erreichten wir an einem unscheinbaren Waldrand, fernab von Zivilisation, das "Landhaus zum Rothaarsteig", bewirtet von Christel und Friedhelm Weiß. Friedhelm begrüßte uns mit einem "Da habt ihr aber Glück gehabt, wir sind gerade erst von einem Geburtstag gekommen." Und das war der Beginn seines zweistündigen, wortgewandten Vortrages, den er uns bei Empfang, Schlüsselübergabe, Zimmerbesichtigung und während der Brotzeit hielt. "Kennse Mensch ärger dich? Da gib ich Ihnen mal nen Rat. Spielen se das mal rückwärts." und als wir noch mal Brot und Wurst nachorderten, "Ich geh jetzt noch mal kurz raus und dann überlegen se sich das noch mal, bis ich zurück bin. Das mit dem Mensch ärger dich nicht rückwärts." Wir spielten gar nichts mehr, sondern lösten uns nur noch eine Magnesiumtablette auf, rieben den Rücken und die Knie mit Voltaren ein und fielen um 21 Uhr todmüde in unsere Betten.
Um 8 Uhr nahmen wir das letzte Frühstück ein und bereiteten uns auf die letzte und längste Etappe bis Dillenburg vor. "70 Kilometer, das geht fast nur noch bergab." motivierte Daniel "Ja, ja, so wie die letzten Tage." bemerkte becks zynisch, die noch vor dem ersten Pedaltritt ihre Knie nicht mehr spürte. Kristin wägte unterdessen ab, ob sie nicht doch schon kurz vor Ewersbach nach Hause abbiegen sollte, während Löön sehr bedauerte, dass die Tour nun schon bald vorbei und nicht noch länger sei. "Zum Glück fahren wir ja noch durch bis nach Fleisbach!" freute sie sich und ich rechnete kurz aus, ob mein Geld für eine Bahnfahrkarte Dillenburg - Herborn reichen würde. Bis Lahnhof, in dem wir noch einmal ein fulminantes Mahl zu Mittag einnahmen, blieb die Strecke höhentechnisch recht ausgegelichen. In den Haubergen ging es abermals steil bergauf bis steil hinab. Und als wir schon Fellerdilln unter uns sahen, strahlten bereits unsere Siegeraugen. Frisch und munter jagten wir den Weg Richtung Rodenbach runter und sahen das gold-gelbe Weizen im Dillenburger Hofgarten schon vor uns stehen. Nur noch ganz wenige Meter und Orte zwischen uns und dem Ziel. Ein Katzensprung quasi. Und dann kam sie. Völlig aus dem Nichts. Heimtückisch und unberechenbar.
Die Wand. Die Rodenbacher Wand. Mit dem Namen: Manderbacher Straße. Ernüchterung machte sich breit. Ein radikaler Weg strackaus nach oben. Kein Ende in Sicht. Mindestens 2 Kilometer schoben und fluchten wir den Pfad hinauf. Was für eine unsägliche Ohrfeige, die uns der Rothaarsteig kurz vor Schluss hier noch einmal verpasst hatte. Auch der Wald- und Wiesenweg durch Manderbach sorgte für Unruhe und Missmutigkeit. Manch einer war kurz davor bei Läderach abzubiegen und alles hinzuschmeißen. Am Ende nahmen wir uns noch einmal zusammen, motivierten uns und sprachen sie noch einmal aus, die Worte, die uns bis hierher geführt hatten:
"Mach dir keine Gedanken, wir schaffen das schon!"
Um 18 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, fuhren wir in die hellerleuchtete Dillenburger Hofgartenstraße ein. 5 Russ lächelten uns an und wir konnten es nicht fassen. Wir hatten es tatsächlich geschafft. 170 Kilometer und knapp 4.000 Höhenmeter lagen hinter uns. War das ein Traum? Ich stieß mir ein letztes Mal die Pedale in meine Waden und wusste dass es keiner war. Kettenöl, blaue Flecken und rote Schrammen bildeteten bei jedem von uns ein individuelles Rothaarsteigtattoo an Knien und Waden. Eine Erfahrung und Kernerinnerung, die sich sicherlich tief abspeichern wird. Genauso wie Mama Juttas Nummer, die becks nun endlich ohne Fehler aufsagen konnte.
5 Gefährten - ein Ziel - keine Verletzen - kein platter Reifen - himmelblauer Sonnenschein - und keine Abholung.
Rothaarsteig 2018 - we did it! :)
Die 3 unnützesten Mitnahmen:
- zweites Paar Schuhe
- mehr als ein Top
- Jeans
Die 3 wertvollsten Mitnahmen:
- Selfiestab und GoPro
- Magnesiumtabletten und Voltaren
- Diverse Schmerztabletten
Die 3 großen Lügen des Rothaarsteigs:
1. Gleich geht's nur noch bergab.
2. Ich lass mich jetzt abholen!
3. Die letzten werden die ersten sein.
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juli
„Sun of Jamaica, the dreams of Malaika
Your love is my sweet memory. “
Die Wettervorhersage für das bevorstehende Himmelfahrtwochenende klang vernichtend, um nicht zu sagen ganz nach Weltuntergangsstimmung. Doch auch die Dauerregen- und Gewitterwarnmeldungen hielten uns am frühen Morgen nicht davon ab, unser Automobil randvoll bis unters Dach zu beladen und unseren 3 1/2-tägigen Trip ins urdeutsche Mittenwald zu starten. „Hab ich Knitter im Gesicht?“ wollte becks um 6 Uhr morgens von mir erfahren, während ich ihr, noch im Halbschlaf befindlich, mit „Nee, nur die üblichen Falten.“ antwortete und schnell die für 10€ neu erworbene Tchibo Musikbox aktivierte um meine unüberlegte Aussage mit einer unangreifbareren Playlist zu übertünchen. „Was isn‘ das für nen Blechsound?!“ verschmähte Fahrerin Resi mein Soundausgabe-Produkt und forderte die sofortige Abschaltung des Gerätes. Die folgenden 7 Stunden durften wir uns somit mit dem Einheitsbrei von Antenne Bayern vergnügen, da zusätzlich die Hörbuchreihe Harry Potter 1-8 in CD-Form vergessen wurde. Unterdessen hatte sich Eileen Bornhütter bereits Pfefferbeißer Nummer 3 zurechtgelegt und den Blick in Richtung Obst- und Gemüsekorb gerichtet, welcher diverse Früchte, Rohkost und den bunten Mix Paprika Tri-Color beinhaltete. „Die hat die Mettwurst noch im Zahn, da schreit die schon nach der Melone“, bemerkte becks, während sie ihr Pflegeproduktesortiment für den Morgen akribisch auftrug.
Wir wählten die Alternativroute über Österreich, mit der wir den Feiertagsstau rund um München umfahren konnten und ohne größere Zwangspausen unser Ziel, das Gästehaus Döring, bei schönstem Sonnenstrahl bereits um 14 Uhr erreichten. „Ihr wollt den Klettersteig machen? Na da seids ihr aber 2 Monate zu früh dran, da oben liegt noch meterweise Schnee!“ eröffnete uns unsere Herbergsmutter, in Richtung Karwendel zeigend. Na toll, somit war Programmpunkt Nummer 1 schon mal gestrichen, wodurch die Erdinger Therme weiter in den Fokus rückte. „Es soll ja eh das ganze Wochenende schlechtes Wetter geben...!“
Für den Anreisetag wählten wir eine kleine Wandereinstiegsroute zum Ferchensee, die getrieben durch Hunger und der Vorstellung eines warmen, mit Sahne überdeckten und in Vanillesoße getränkten Apfelstrudels, zugleich im City-Walk von becks angesteuert wurde. 2 Sekunden vor Platzregen- und Gewittereinbruch erreichten wir um 16:13 Uhr die Gastronomiestätte . Das zweite Mal als die Kellnerin mit grünem Strickjackengewand auf die Uhr blickte, rückte der Zeiger auf 16:25 Uhr vor und die soeben servierten Backwaren an Tisch 4 waren Geschichte. becks hatte sich das Gedeck „Zweierlei“ (Apfelstrudel und ein Kampfstück Streusel-Kirsch) geordert und in einer Mordsgeschwindigkeit vertilgt. Ein Strohballen huschte noch an der Kellnerin vorbei, deren verdutzte Augen hinter uns herschauten, als wir bereits wieder um 16:30 Uhr das Etablissement verließen. Hintergrund war die letzte Abfahrgelegenheit mit dem Bus, um trockenen Fußes nach Mittenwald zu gelangen. Just in diesem Moment hörte es auf zu regnen und die anderen Wanderer gaben uns zu verstehen, dass uns so ein bisschen Gewitter nicht vom Zurückwandern abhalten sollte. Das ließ sich becks nicht zweimal sagen und streifte, mit leuchtenden Augen, ihr neu erworbenes und farblich abgestimmtes Outdoorequipment über und marschierte stilsicher durch den Regen. „Hauptsache gut aussehen.“ - auch in den Bergen, immer präsent.
Zum Abendmahl kehrten wir im Lokal „Alpenrose“ ein, welches uns mit seiner kulinarischen Auswahl förmlich umhaute. Umrandet wurde das traditionsbewusste und elegant rustikal eingerichtete Lokal, mit einer live gespielten Zittereinlage und einem, in Lederhosen gekleideten Kellner, der sein Handwerk verstand und sich optisch in den echt bayrischen Flair nahtlos einfügte. Auf ein grandioses Mahl und einen langen Anreisetag, folgte eine aufgewühlte Nacht, in der Wespentallien und Massen verarbeitet wurden, bis der Wecker um 7:15 Uhr klingelte.
Gut gestärkt reisten wir am Freitag nach Kochel, um uns dort Mountainbikes für eine mittelschwere Tour mit Singletrails zu leihen. Die ansprechende Tour hatte ich zuvor auf der App "Komot" gesichtet und ausgiebig studiert. 700 Höhenmeter, 25 Kilometer, Fahrzeit 2,5 Stunden, das klang alles sehr bewältigbar. Zudem sollte die Route Kochelsee und Walchensee beinhalten, was wiederum dazu führte, dass sich Resi und becks schon am Strand, im Bikini liegend, sahen. Für preisgünstige 3,49€ lud ich die Offlinekartenversion herunter und startete die Navigation. Die stimmlichen Richtungsanweisungen führten uns zunächst kreuz und quer durch Kochel und beinhalte Routen, die es offensichtlich seit Jahren nicht mehr gab, versperrten ganze Wohngebiete die Anweisung „bitte demnächst links abbiegen und der Nebenstraße folgen.“ Bereits in den ersten 15 Minuten verfluchten wir die viel zu gut bewertete Wander-App und navigierten manuell aus dem Ort und in Richtung Walchensee. Als das Endgerät sich wieder gefangen hatte, befanden wir uns bereits auf einer Schotterpiste, die mit 10%iger Steigung durch dicht bewaldetes Gefilde bergauf führte. Man hatte längst abgezippt und Armlinge, Beinlinge und Jacken in den Rucksack verfrachtet, als die nächste große Steigung kam. Im Hintergrund vernahm ich Fluche und Rügen, während ich selbst mit der „Wand“ zu kämpfen hatte. Selbst Löön, unser Hardcore Bikinggirl, kämpfte auf ungewohnter Hardtail-Maschine und rang mit Schweißperlen. Darf ich noch mal erwähnen, dass wir keinen E-Motor einsetzten? In Kurve 8 und bei Höhenmeter 987 kapitulierten wir dann schlussendlich. Im Schiebemodus beförderten wir das Rad weiter nach oben und fanden nur noch wenig befahrbare Passagen, die nicht gleich strack bergauf führten. An einem Wartungsarbeitensegment breiteten wir unsere imaginäre Picknickdecke aus und brachten Paprika Tri-Color, die restliche Kortingwurst und Bauernbrot zum Vorschein. Während Resi und Becks an Löön und mich weitere spitze Bemerkungen zum Routenverlauf richteten und sich das Stimmungsbarometer bei dunkelrot einpendelte, passierte uns ein einheimischer Mountainbiker, der den kurz bevorstehenden Kriegszustand gerade so verhindern konnte. „Gleich seids ihr oben. Da kommt noch emal ein fieser Stich und dann habt ihrs geschafft. Die Kochelalm ist quasi um die Ecke.“ Das Wort „Alm“ löste bei allen Beteiligten unverzüglich Elan zur Weiterreise aus, sah man das helle Endgetränk, sowie einen Germknödel bereits vor sich stehen.
Als wir nach 2,5 Stunden endlich den Peak des Berges erreichten (man bemerke noch mal, dass die Gesamtstrecke 2,5 Stunden dauern sollte), hielten wir vergebens Ausschau nach unserer Alm, bis uns passierende Mountainbikefahrer jeglicher Illusion beraubten. „Die Alm? Ja da seids ihr aber noch zu früh, jetzt ist doch noch Nebensaison. Im Juni machen die wieder auf.“ Strafende Blicke ereilten mich und ich regte zur Weiterfahrt an. „Kommt, jetzt geht es doch nur noch bergab.“ Nach einer weiteren guten Stunde, die nicht bergab sondern auch bergauf Segmente enthielt, sichteten wir endlich türkisblaues Wasser. Im schönsten Sonnenschein und unter blauem Himmel eröffnete sich der Walchensee vor uns und schenkte uns einen Panoramablick auf kristallklares Wasser. „Da hätten wir im Bikini liegen können, schon seit Stunden!“ „Immer diese Gewalttouren!“ bemängelnde Stimmen rissen mich aus meiner Faszination. Wenigstens war Löön auf ihre Kosten gekommen und nach einem weiteren Essensstopp, inklusive Pfirsich-Sahnekuchen, einem alkoholfreien Russ und einem klaren Eiscafegetränk, besänftigten sich auch endlich die restlichen Gemüter. Wir radelten weiter entlang des kilometerlangen Sees, bis wir wieder die Heimkehr über den serpentinenförmigen Pass antraten, auf dem uns unzählige motorisierte Objekte begleiteten und begegneten. „Gar nicht so ungefährlich hier.“ Und als wir gerade unsere Bikes im Fahrradverleih zurückgeben und ein kühles Getränk in Augenschein genommen hatten, hörten wir auch schon die Sirenen. Feuerwehrautos, Krankenwagen und Notarzt schnellten an uns lautstark vorbei und ein Helikopter war von weitem zu sehen. Wie wir später durch die Zeitung erfuhren, waren zwei Motorräder, je von oben und unten kommend, miteinander kollidiert. Dieses Geschehnis trübte ein wenig den Abschluss des Tages, unsere Herbergsmutter bestätigte jedoch später, dass es auf dieser Route Alltag sei und sich fast täglich ein Unfall dieser Art ereignen würde. Noch einmal dankbar dafür, dass wir unbeschadet heruntergekommen waren und ignorierend, dass wir für eine 2,5-stündige angesetzte Route 5,5 Stunden benötigt, dafür aber den roten Kreis auf becks Fitness-App geschlossen und tatsächlich 1068 anstatt 700 Höhenmeter zurückgelegt hatten, kehrten wir abends völlig erschöpft in der Pizzeria „Mamma Lucia“ ein und belohnten uns mit einem umfangreichen Mahl in Form von Steinofen Pizza und selbstgemachter Taligatelle. „Hauptsache die Mini Maus ist zufrieden!“ und wir betrachteten noch einmal die Zeichenfigur auf becks Apple Watch, die lobend und Pluspunkte verteilend zurückschaute und uns mitteilte „Es ist 21:30 Uhr. Boarding Time.“
"So kann ich net auf den Berg!" stellte becks am Frühstückstisch zwischen Semmeln und Schwarzwälder Schinken fest, als sie sich in der Fensterspiegelung betrachtete. "Die Zopfrisur muss unbedingt noch mal mit der Bürste bearbeitet werden!" Auch an diesem Morgen hatten die Wetterprognosedienste vollends versagt und offerierten anstatt Platzregen und dunkler Gewitterwolken, Sonnenschein und Plusgrade im 20er Bereich. "Für was habe ich mir denn jetzt eine lange Travellerhose zugelegt, wenn wir nun doch nur reinstes Sommerwetter haben?", beklagte becks, während sie ihre modischen Highlights aus finnischer Herstellung präsentierte. "Wo ist denn da die Zip-Funktion?" fragte Löön, die zugleich die restlichen Paprika Tri-Colors und Überreste von Pizza in Tupper verpackte, währenddessen mir Resi noch vor Wanderbeginn zu verstehen gab, dass ein Aufstieg bis hoch zum Gipfelkreuz keine Option ist. "Spätestens heute Mittag setzt das Gewitter ein und dann sind wir verloren auf dem Berg! Es geht nur bis zur Brunnsteinhütte!" Enttäuscht gab ich nach, nahm mir aber vor den Gipfel noch das ein oder andere Mal während des Aufstiegs willkürlich einzuwerfen und zu bewerben. Die idyllische Route am Fuße Mittenwalds führte die Südseite des Karwendels hinauf und zur derzeit einzig bewirteten Hütte. Dass wir uns in der absoluten Nebensaison befanden, bemerkten wir insbesondere durch Fotostopps ohne jegliche Wanderzivilisation im Vor- oder Hintergrund. Ein vereinzeltes asiatisches Pärchen, das wir bereits am Einstiegspunkt passierten, waren die einzigen Mitläufer auf dem Weg nach oben. Die großzügigen Zeitangaben auf den Wegschildern zur Brunnsteinhütte ließen mich weiter auf eine Gipfelerklimmung hoffen. Auch durch den nicht steil, sondern serpentinenverlaufenden Aufstieg, mit viel Wurzelwerk und einer Hängebrücke, versetzte meine Gefährten in einen Gemütszustand, der deutlich positiver als noch am Tage zuvor erschien. Außerdem hatte ich becks Fitness-App auf meiner Seite, die nach einer Schließung des roten Kreises verlangte. Doch so sehr ich auch den Gipfel vermarktete, grau aufziehende Wolken in nordwestlicher Richtung ließen meine Hoffnungen stets weniger werden. Nach 2,5 Stunden erreichten wir die Hütte, die uns mit Kaiserschmarren, Russ und Almdudler versorgte und uns einen grandiosen Ausblick auf die Alpenwelt offerierte. Noch einmal versuchte ich den Gipfel schmackhaft zu machen und in Szene zu setzen, doch einzelne Regentropfen und eine böse schwarze Wolke machten all meine Bemühungen zunichte. "Wir gehen wieder runter Julia Hecker! Gleich gewitterst und dann sind wir verratzt!" Im Moment des Abstiegs, als alle ihre Regenkleidung aus den Rucksäcken gearbeitet und die Rucksäcke mit entsprechender Schutzvorrichtung versehen hatten, klarte der Himmel wieder auf. Nur fürs Protokoll: es gewitterte an diesem Tag nie.
Für den Abstieg hatten wir außerdem ein paar nützliche Tools auf den Berg geschleppt, die größtenteils aus dem Outdoor-Repertoire von Mama Gabi und Mama Gisela stammten: Wanderstöcke. In die Funktion wies uns Resi fachmännisch ein und verdeutlichte noch mal detailliert das Konfigurieren der Länge des Korkgriffstabes, nachdem ich bemängelt hatte, dass mein Stöcke viel zu kurz seien. Argwöhnisch musterten wir das neue Werkzeug, was unterstützend und Knie-entlastend den Abstieg erleichtern sollte. Löön, becks und ich benötigten eine ganz Weile bis wir die korrekte Justierung gefunden hatten und uns mittlerweile Tränenflüsse vor Lachen im Gesicht standen. Im Nordic-Walking Modus von Gerlinde. S.* (*Name von der Redaktion geändert) bewegten wir uns galant und trittsicher den Berglauf hinunter und stimmten gemeinsam in unseren neuen Ohrwurm "Sun of Jamaica" ein. Um dem 2-stündlich einsetzenden Hungergefühl gerecht zu werden, legten wir auf halber Strecke einen weiteren Essenstopp ein, bei dem Pizza vom Vortag, Paprika Tri-Color vom Vor-vor-Tag und frisch gebackener Erdbeer-Rhabarberkuchen aus vergangenen Zeiten serviert wurde. "Leute, die vergänglichen Produkte müssen als erstes verwertet werden. Und das Plastik kommt in den recyclebaren Beutel!" ermahnte Ozeankind Löön, die unerfreut Resis frisch geöffnete Haribotüte und becks unzählbaren Taschentuchverbrauch beäugte. Unterdessen blickte ich noch einmal sehnsüchtig Richtung Gipfel, der mittlerweile in unerreichbare Ferne gerückt war. Zu Schade aber auch. Am frühen Nachmittag erreichten wir wieder das Tal und machten eine überraschende Entdeckung, als wir einem kleinen türkisblauen Gewässer folgten, der uns zu einem Kieselsandstrand und erfrischendem Flussbett, mit dem Namen Isar, führte. Die Begeisterung war riesig, hatten wir den kompletten Fluss-und Strandabschnitt für uns, keine Menschenseele weit und breit. Der erholsame und fast wellnessfähige Spontanausflug wurde zur Entspannungseinheit, inklusive ausgiebiger Bildersession. Hierbei konnte sich Lööns Tchibo Universaltop als echter Eycatcher etablieren, welches sich nahtlos in Flora und Fauna einfügte und für diverse Modelierungsfotos diente.
Schon bald zog jedoch das nächste Hungergefühl auf und der knurrende Magen dirigierte Richtung Ferienresidenz. Nach einer kurzen Dusche wurde just der Tisch von 20 auf 18 Uhr umgeordert und der zweite Besuch in der köstlichen Alpenrose mit Pfannkuchensuppe, Jägerschnitzel, Spätzle, Spargel und Rumpsteak vollendet. Mit den Worten "Für Dessert gibt es immer einen ganz besonderen Platz im Magen.", machten wir anschließend an dem unfreundlich, bewirtschafteten Eiscafe "Costa" halt, welches uns für Eis-to-go nur das Sünderbänkchen, trotz 25 freier Tischplätze, anzubieten hatte. Auch wurden wir von Löön nochmals für unsere nicht wieder verwertbaren Plastikbecher gerügt, die wir als neue Recycle-Helden gegen essbare Eiswaffeln hätten eintauschen müssen. Zum Abschluss eines sportlich, aktiven und viel zu kalorienhaltigem Wochenende, kehrten wir ins altersgerechte Bar-Etablissement "Alt-Mittenwald" ein, wo mit hochprofessioneller Live-Musik dem Publikum voll eingeheizt wurde und wir Sascha und Rebecca antrafen, die uns Tage und Wochen zuvor mit allen Informationen rund um Mittenwald versorgt hatten und zugleich die frohe Botschaft überbrachten, dass wir mit unserer Gästehauskarte natürlich nicht, wie gedacht, kostenfrei die Karwendelbahn rauf und runter fahren konnten. "Womit sollen die denn hier Geld verdienen, wenn die allen Touristen die Gondelfahrt hinter her schmeißen", lachte mein Bruder. "Na, vielleicht indem die die Souvenirläden auch samstags bis 20 Uhr und sonntags wenigstens vormittags geöffnet ließen!" An den Erwerb eines Muttertagsgeschenkes in der beschaulichen Fußgängerzone war somit nicht mehr zu denken. Wir beschlossen also den Abend nur noch mit der Randveranstaltung "Germany - 0 Points" zu beenden, auf die - genau wie auf das Wetter - wieder mal kein Verlass war und Deutschland so gut wie seit "Wadde hadde dudde da" nicht mehr abschnitt.
"Denkt dran, man muss schnell essen bevor das Sättigungsgefühl einsetzt." läutete becks noch mal die letzte Runde Frühstück im Gästehaus Döring ein, bevor wir ein himmelblaues Mittenwald (es war Regen gemeldet) verließen und mit kaum Stau Richtung Heimat chauffierten. Nur wenige Essenspause (5-6 an der Zahl) wurden während der 8-stündigen Rückreise eingelegt, bei der auch endlich die lang gehorteten Currywurst-Chips und Mini-Muffins ihren herbeigesehnten Auftritt bekamen. Ob die Mini Maus, trotz vieler aktiver und schweißtreibender Aktivitäten, am Ende wirklich mit unserer Leistung zufrieden war, lässt sich bezweifeln. Mit ihren olivengroßen Augen, hatte sie uns trotz häufig verdeckter Sicht stets im Auge behalten und bemerkte spätestens nach Chipsanwendung, den fettigen und nicht übertünschbaren Abdruck am Uhrdisplay. Der künstlichen Intelligenz können wir schon jetzt nichts mehr vormachen. Es sei denn Ortungsdienste und mobile Daten führen mal wieder zum Totalabsturz der Technik. In diesem Sinne ein Hoch auf die Natur und Charlotte Roches netten Dreizeiler, der uns durch Mittenwald begleitete:
"Im Wald triffst du keine anderen Menschen, die dir voll auf den Sack gehen, und du bist nicht gezwungen, Plakate zu lesen, Werbung in deinen Kopf zu lassen und anschließend bei Amazon einzukaufen. Die Natur will dir nichts verkaufen. Du sollst nur sein, im Hier und Jetzt. Glücklich."
Your love is my sweet memory. “
Die Wettervorhersage für das bevorstehende Himmelfahrtwochenende klang vernichtend, um nicht zu sagen ganz nach Weltuntergangsstimmung. Doch auch die Dauerregen- und Gewitterwarnmeldungen hielten uns am frühen Morgen nicht davon ab, unser Automobil randvoll bis unters Dach zu beladen und unseren 3 1/2-tägigen Trip ins urdeutsche Mittenwald zu starten. „Hab ich Knitter im Gesicht?“ wollte becks um 6 Uhr morgens von mir erfahren, während ich ihr, noch im Halbschlaf befindlich, mit „Nee, nur die üblichen Falten.“ antwortete und schnell die für 10€ neu erworbene Tchibo Musikbox aktivierte um meine unüberlegte Aussage mit einer unangreifbareren Playlist zu übertünchen. „Was isn‘ das für nen Blechsound?!“ verschmähte Fahrerin Resi mein Soundausgabe-Produkt und forderte die sofortige Abschaltung des Gerätes. Die folgenden 7 Stunden durften wir uns somit mit dem Einheitsbrei von Antenne Bayern vergnügen, da zusätzlich die Hörbuchreihe Harry Potter 1-8 in CD-Form vergessen wurde. Unterdessen hatte sich Eileen Bornhütter bereits Pfefferbeißer Nummer 3 zurechtgelegt und den Blick in Richtung Obst- und Gemüsekorb gerichtet, welcher diverse Früchte, Rohkost und den bunten Mix Paprika Tri-Color beinhaltete. „Die hat die Mettwurst noch im Zahn, da schreit die schon nach der Melone“, bemerkte becks, während sie ihr Pflegeproduktesortiment für den Morgen akribisch auftrug.
Wir wählten die Alternativroute über Österreich, mit der wir den Feiertagsstau rund um München umfahren konnten und ohne größere Zwangspausen unser Ziel, das Gästehaus Döring, bei schönstem Sonnenstrahl bereits um 14 Uhr erreichten. „Ihr wollt den Klettersteig machen? Na da seids ihr aber 2 Monate zu früh dran, da oben liegt noch meterweise Schnee!“ eröffnete uns unsere Herbergsmutter, in Richtung Karwendel zeigend. Na toll, somit war Programmpunkt Nummer 1 schon mal gestrichen, wodurch die Erdinger Therme weiter in den Fokus rückte. „Es soll ja eh das ganze Wochenende schlechtes Wetter geben...!“
Für den Anreisetag wählten wir eine kleine Wandereinstiegsroute zum Ferchensee, die getrieben durch Hunger und der Vorstellung eines warmen, mit Sahne überdeckten und in Vanillesoße getränkten Apfelstrudels, zugleich im City-Walk von becks angesteuert wurde. 2 Sekunden vor Platzregen- und Gewittereinbruch erreichten wir um 16:13 Uhr die Gastronomiestätte . Das zweite Mal als die Kellnerin mit grünem Strickjackengewand auf die Uhr blickte, rückte der Zeiger auf 16:25 Uhr vor und die soeben servierten Backwaren an Tisch 4 waren Geschichte. becks hatte sich das Gedeck „Zweierlei“ (Apfelstrudel und ein Kampfstück Streusel-Kirsch) geordert und in einer Mordsgeschwindigkeit vertilgt. Ein Strohballen huschte noch an der Kellnerin vorbei, deren verdutzte Augen hinter uns herschauten, als wir bereits wieder um 16:30 Uhr das Etablissement verließen. Hintergrund war die letzte Abfahrgelegenheit mit dem Bus, um trockenen Fußes nach Mittenwald zu gelangen. Just in diesem Moment hörte es auf zu regnen und die anderen Wanderer gaben uns zu verstehen, dass uns so ein bisschen Gewitter nicht vom Zurückwandern abhalten sollte. Das ließ sich becks nicht zweimal sagen und streifte, mit leuchtenden Augen, ihr neu erworbenes und farblich abgestimmtes Outdoorequipment über und marschierte stilsicher durch den Regen. „Hauptsache gut aussehen.“ - auch in den Bergen, immer präsent.
Zum Abendmahl kehrten wir im Lokal „Alpenrose“ ein, welches uns mit seiner kulinarischen Auswahl förmlich umhaute. Umrandet wurde das traditionsbewusste und elegant rustikal eingerichtete Lokal, mit einer live gespielten Zittereinlage und einem, in Lederhosen gekleideten Kellner, der sein Handwerk verstand und sich optisch in den echt bayrischen Flair nahtlos einfügte. Auf ein grandioses Mahl und einen langen Anreisetag, folgte eine aufgewühlte Nacht, in der Wespentallien und Massen verarbeitet wurden, bis der Wecker um 7:15 Uhr klingelte.
Gut gestärkt reisten wir am Freitag nach Kochel, um uns dort Mountainbikes für eine mittelschwere Tour mit Singletrails zu leihen. Die ansprechende Tour hatte ich zuvor auf der App "Komot" gesichtet und ausgiebig studiert. 700 Höhenmeter, 25 Kilometer, Fahrzeit 2,5 Stunden, das klang alles sehr bewältigbar. Zudem sollte die Route Kochelsee und Walchensee beinhalten, was wiederum dazu führte, dass sich Resi und becks schon am Strand, im Bikini liegend, sahen. Für preisgünstige 3,49€ lud ich die Offlinekartenversion herunter und startete die Navigation. Die stimmlichen Richtungsanweisungen führten uns zunächst kreuz und quer durch Kochel und beinhalte Routen, die es offensichtlich seit Jahren nicht mehr gab, versperrten ganze Wohngebiete die Anweisung „bitte demnächst links abbiegen und der Nebenstraße folgen.“ Bereits in den ersten 15 Minuten verfluchten wir die viel zu gut bewertete Wander-App und navigierten manuell aus dem Ort und in Richtung Walchensee. Als das Endgerät sich wieder gefangen hatte, befanden wir uns bereits auf einer Schotterpiste, die mit 10%iger Steigung durch dicht bewaldetes Gefilde bergauf führte. Man hatte längst abgezippt und Armlinge, Beinlinge und Jacken in den Rucksack verfrachtet, als die nächste große Steigung kam. Im Hintergrund vernahm ich Fluche und Rügen, während ich selbst mit der „Wand“ zu kämpfen hatte. Selbst Löön, unser Hardcore Bikinggirl, kämpfte auf ungewohnter Hardtail-Maschine und rang mit Schweißperlen. Darf ich noch mal erwähnen, dass wir keinen E-Motor einsetzten? In Kurve 8 und bei Höhenmeter 987 kapitulierten wir dann schlussendlich. Im Schiebemodus beförderten wir das Rad weiter nach oben und fanden nur noch wenig befahrbare Passagen, die nicht gleich strack bergauf führten. An einem Wartungsarbeitensegment breiteten wir unsere imaginäre Picknickdecke aus und brachten Paprika Tri-Color, die restliche Kortingwurst und Bauernbrot zum Vorschein. Während Resi und Becks an Löön und mich weitere spitze Bemerkungen zum Routenverlauf richteten und sich das Stimmungsbarometer bei dunkelrot einpendelte, passierte uns ein einheimischer Mountainbiker, der den kurz bevorstehenden Kriegszustand gerade so verhindern konnte. „Gleich seids ihr oben. Da kommt noch emal ein fieser Stich und dann habt ihrs geschafft. Die Kochelalm ist quasi um die Ecke.“ Das Wort „Alm“ löste bei allen Beteiligten unverzüglich Elan zur Weiterreise aus, sah man das helle Endgetränk, sowie einen Germknödel bereits vor sich stehen.
Als wir nach 2,5 Stunden endlich den Peak des Berges erreichten (man bemerke noch mal, dass die Gesamtstrecke 2,5 Stunden dauern sollte), hielten wir vergebens Ausschau nach unserer Alm, bis uns passierende Mountainbikefahrer jeglicher Illusion beraubten. „Die Alm? Ja da seids ihr aber noch zu früh, jetzt ist doch noch Nebensaison. Im Juni machen die wieder auf.“ Strafende Blicke ereilten mich und ich regte zur Weiterfahrt an. „Kommt, jetzt geht es doch nur noch bergab.“ Nach einer weiteren guten Stunde, die nicht bergab sondern auch bergauf Segmente enthielt, sichteten wir endlich türkisblaues Wasser. Im schönsten Sonnenschein und unter blauem Himmel eröffnete sich der Walchensee vor uns und schenkte uns einen Panoramablick auf kristallklares Wasser. „Da hätten wir im Bikini liegen können, schon seit Stunden!“ „Immer diese Gewalttouren!“ bemängelnde Stimmen rissen mich aus meiner Faszination. Wenigstens war Löön auf ihre Kosten gekommen und nach einem weiteren Essensstopp, inklusive Pfirsich-Sahnekuchen, einem alkoholfreien Russ und einem klaren Eiscafegetränk, besänftigten sich auch endlich die restlichen Gemüter. Wir radelten weiter entlang des kilometerlangen Sees, bis wir wieder die Heimkehr über den serpentinenförmigen Pass antraten, auf dem uns unzählige motorisierte Objekte begleiteten und begegneten. „Gar nicht so ungefährlich hier.“ Und als wir gerade unsere Bikes im Fahrradverleih zurückgeben und ein kühles Getränk in Augenschein genommen hatten, hörten wir auch schon die Sirenen. Feuerwehrautos, Krankenwagen und Notarzt schnellten an uns lautstark vorbei und ein Helikopter war von weitem zu sehen. Wie wir später durch die Zeitung erfuhren, waren zwei Motorräder, je von oben und unten kommend, miteinander kollidiert. Dieses Geschehnis trübte ein wenig den Abschluss des Tages, unsere Herbergsmutter bestätigte jedoch später, dass es auf dieser Route Alltag sei und sich fast täglich ein Unfall dieser Art ereignen würde. Noch einmal dankbar dafür, dass wir unbeschadet heruntergekommen waren und ignorierend, dass wir für eine 2,5-stündige angesetzte Route 5,5 Stunden benötigt, dafür aber den roten Kreis auf becks Fitness-App geschlossen und tatsächlich 1068 anstatt 700 Höhenmeter zurückgelegt hatten, kehrten wir abends völlig erschöpft in der Pizzeria „Mamma Lucia“ ein und belohnten uns mit einem umfangreichen Mahl in Form von Steinofen Pizza und selbstgemachter Taligatelle. „Hauptsache die Mini Maus ist zufrieden!“ und wir betrachteten noch einmal die Zeichenfigur auf becks Apple Watch, die lobend und Pluspunkte verteilend zurückschaute und uns mitteilte „Es ist 21:30 Uhr. Boarding Time.“
"So kann ich net auf den Berg!" stellte becks am Frühstückstisch zwischen Semmeln und Schwarzwälder Schinken fest, als sie sich in der Fensterspiegelung betrachtete. "Die Zopfrisur muss unbedingt noch mal mit der Bürste bearbeitet werden!" Auch an diesem Morgen hatten die Wetterprognosedienste vollends versagt und offerierten anstatt Platzregen und dunkler Gewitterwolken, Sonnenschein und Plusgrade im 20er Bereich. "Für was habe ich mir denn jetzt eine lange Travellerhose zugelegt, wenn wir nun doch nur reinstes Sommerwetter haben?", beklagte becks, während sie ihre modischen Highlights aus finnischer Herstellung präsentierte. "Wo ist denn da die Zip-Funktion?" fragte Löön, die zugleich die restlichen Paprika Tri-Colors und Überreste von Pizza in Tupper verpackte, währenddessen mir Resi noch vor Wanderbeginn zu verstehen gab, dass ein Aufstieg bis hoch zum Gipfelkreuz keine Option ist. "Spätestens heute Mittag setzt das Gewitter ein und dann sind wir verloren auf dem Berg! Es geht nur bis zur Brunnsteinhütte!" Enttäuscht gab ich nach, nahm mir aber vor den Gipfel noch das ein oder andere Mal während des Aufstiegs willkürlich einzuwerfen und zu bewerben. Die idyllische Route am Fuße Mittenwalds führte die Südseite des Karwendels hinauf und zur derzeit einzig bewirteten Hütte. Dass wir uns in der absoluten Nebensaison befanden, bemerkten wir insbesondere durch Fotostopps ohne jegliche Wanderzivilisation im Vor- oder Hintergrund. Ein vereinzeltes asiatisches Pärchen, das wir bereits am Einstiegspunkt passierten, waren die einzigen Mitläufer auf dem Weg nach oben. Die großzügigen Zeitangaben auf den Wegschildern zur Brunnsteinhütte ließen mich weiter auf eine Gipfelerklimmung hoffen. Auch durch den nicht steil, sondern serpentinenverlaufenden Aufstieg, mit viel Wurzelwerk und einer Hängebrücke, versetzte meine Gefährten in einen Gemütszustand, der deutlich positiver als noch am Tage zuvor erschien. Außerdem hatte ich becks Fitness-App auf meiner Seite, die nach einer Schließung des roten Kreises verlangte. Doch so sehr ich auch den Gipfel vermarktete, grau aufziehende Wolken in nordwestlicher Richtung ließen meine Hoffnungen stets weniger werden. Nach 2,5 Stunden erreichten wir die Hütte, die uns mit Kaiserschmarren, Russ und Almdudler versorgte und uns einen grandiosen Ausblick auf die Alpenwelt offerierte. Noch einmal versuchte ich den Gipfel schmackhaft zu machen und in Szene zu setzen, doch einzelne Regentropfen und eine böse schwarze Wolke machten all meine Bemühungen zunichte. "Wir gehen wieder runter Julia Hecker! Gleich gewitterst und dann sind wir verratzt!" Im Moment des Abstiegs, als alle ihre Regenkleidung aus den Rucksäcken gearbeitet und die Rucksäcke mit entsprechender Schutzvorrichtung versehen hatten, klarte der Himmel wieder auf. Nur fürs Protokoll: es gewitterte an diesem Tag nie.
Für den Abstieg hatten wir außerdem ein paar nützliche Tools auf den Berg geschleppt, die größtenteils aus dem Outdoor-Repertoire von Mama Gabi und Mama Gisela stammten: Wanderstöcke. In die Funktion wies uns Resi fachmännisch ein und verdeutlichte noch mal detailliert das Konfigurieren der Länge des Korkgriffstabes, nachdem ich bemängelt hatte, dass mein Stöcke viel zu kurz seien. Argwöhnisch musterten wir das neue Werkzeug, was unterstützend und Knie-entlastend den Abstieg erleichtern sollte. Löön, becks und ich benötigten eine ganz Weile bis wir die korrekte Justierung gefunden hatten und uns mittlerweile Tränenflüsse vor Lachen im Gesicht standen. Im Nordic-Walking Modus von Gerlinde. S.* (*Name von der Redaktion geändert) bewegten wir uns galant und trittsicher den Berglauf hinunter und stimmten gemeinsam in unseren neuen Ohrwurm "Sun of Jamaica" ein. Um dem 2-stündlich einsetzenden Hungergefühl gerecht zu werden, legten wir auf halber Strecke einen weiteren Essenstopp ein, bei dem Pizza vom Vortag, Paprika Tri-Color vom Vor-vor-Tag und frisch gebackener Erdbeer-Rhabarberkuchen aus vergangenen Zeiten serviert wurde. "Leute, die vergänglichen Produkte müssen als erstes verwertet werden. Und das Plastik kommt in den recyclebaren Beutel!" ermahnte Ozeankind Löön, die unerfreut Resis frisch geöffnete Haribotüte und becks unzählbaren Taschentuchverbrauch beäugte. Unterdessen blickte ich noch einmal sehnsüchtig Richtung Gipfel, der mittlerweile in unerreichbare Ferne gerückt war. Zu Schade aber auch. Am frühen Nachmittag erreichten wir wieder das Tal und machten eine überraschende Entdeckung, als wir einem kleinen türkisblauen Gewässer folgten, der uns zu einem Kieselsandstrand und erfrischendem Flussbett, mit dem Namen Isar, führte. Die Begeisterung war riesig, hatten wir den kompletten Fluss-und Strandabschnitt für uns, keine Menschenseele weit und breit. Der erholsame und fast wellnessfähige Spontanausflug wurde zur Entspannungseinheit, inklusive ausgiebiger Bildersession. Hierbei konnte sich Lööns Tchibo Universaltop als echter Eycatcher etablieren, welches sich nahtlos in Flora und Fauna einfügte und für diverse Modelierungsfotos diente.
Schon bald zog jedoch das nächste Hungergefühl auf und der knurrende Magen dirigierte Richtung Ferienresidenz. Nach einer kurzen Dusche wurde just der Tisch von 20 auf 18 Uhr umgeordert und der zweite Besuch in der köstlichen Alpenrose mit Pfannkuchensuppe, Jägerschnitzel, Spätzle, Spargel und Rumpsteak vollendet. Mit den Worten "Für Dessert gibt es immer einen ganz besonderen Platz im Magen.", machten wir anschließend an dem unfreundlich, bewirtschafteten Eiscafe "Costa" halt, welches uns für Eis-to-go nur das Sünderbänkchen, trotz 25 freier Tischplätze, anzubieten hatte. Auch wurden wir von Löön nochmals für unsere nicht wieder verwertbaren Plastikbecher gerügt, die wir als neue Recycle-Helden gegen essbare Eiswaffeln hätten eintauschen müssen. Zum Abschluss eines sportlich, aktiven und viel zu kalorienhaltigem Wochenende, kehrten wir ins altersgerechte Bar-Etablissement "Alt-Mittenwald" ein, wo mit hochprofessioneller Live-Musik dem Publikum voll eingeheizt wurde und wir Sascha und Rebecca antrafen, die uns Tage und Wochen zuvor mit allen Informationen rund um Mittenwald versorgt hatten und zugleich die frohe Botschaft überbrachten, dass wir mit unserer Gästehauskarte natürlich nicht, wie gedacht, kostenfrei die Karwendelbahn rauf und runter fahren konnten. "Womit sollen die denn hier Geld verdienen, wenn die allen Touristen die Gondelfahrt hinter her schmeißen", lachte mein Bruder. "Na, vielleicht indem die die Souvenirläden auch samstags bis 20 Uhr und sonntags wenigstens vormittags geöffnet ließen!" An den Erwerb eines Muttertagsgeschenkes in der beschaulichen Fußgängerzone war somit nicht mehr zu denken. Wir beschlossen also den Abend nur noch mit der Randveranstaltung "Germany - 0 Points" zu beenden, auf die - genau wie auf das Wetter - wieder mal kein Verlass war und Deutschland so gut wie seit "Wadde hadde dudde da" nicht mehr abschnitt.
"Denkt dran, man muss schnell essen bevor das Sättigungsgefühl einsetzt." läutete becks noch mal die letzte Runde Frühstück im Gästehaus Döring ein, bevor wir ein himmelblaues Mittenwald (es war Regen gemeldet) verließen und mit kaum Stau Richtung Heimat chauffierten. Nur wenige Essenspause (5-6 an der Zahl) wurden während der 8-stündigen Rückreise eingelegt, bei der auch endlich die lang gehorteten Currywurst-Chips und Mini-Muffins ihren herbeigesehnten Auftritt bekamen. Ob die Mini Maus, trotz vieler aktiver und schweißtreibender Aktivitäten, am Ende wirklich mit unserer Leistung zufrieden war, lässt sich bezweifeln. Mit ihren olivengroßen Augen, hatte sie uns trotz häufig verdeckter Sicht stets im Auge behalten und bemerkte spätestens nach Chipsanwendung, den fettigen und nicht übertünschbaren Abdruck am Uhrdisplay. Der künstlichen Intelligenz können wir schon jetzt nichts mehr vormachen. Es sei denn Ortungsdienste und mobile Daten führen mal wieder zum Totalabsturz der Technik. In diesem Sinne ein Hoch auf die Natur und Charlotte Roches netten Dreizeiler, der uns durch Mittenwald begleitete:
"Im Wald triffst du keine anderen Menschen, die dir voll auf den Sack gehen, und du bist nicht gezwungen, Plakate zu lesen, Werbung in deinen Kopf zu lassen und anschließend bei Amazon einzukaufen. Die Natur will dir nichts verkaufen. Du sollst nur sein, im Hier und Jetzt. Glücklich."
Top 3 – Unnütze Mitnahmen
* Bikini
* Kletterausrüstung
* Tchibo Musikbox
Top 3 – sinnvollste Mitnahmen
* Magnesiumtabletten
* Taschentuchsortiment
* Traveller Outfits
Top 3 – Verbrauchsmaterialien
* Taschentücher (davon mind. 12 Packungen von becks verbraucht)
* Kortingwurst
* Paprika Tri-Color
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