Costa Rica...Yeeeehaaaawww!

"I had the itch to fly,
and I flew."


Costa Rica wird nicht umsonst seit neuestem in Discounter-Blättchen der Häuser Aldi, Lidl & Co. angeboten. Das Land hat was. Nicht nur, dass es touristisch gut ausgebaut ist und durch seine Amerikanisierung auch alle Annehmlichkeiten und Essenstandards für Industriestaat verwöhnte Reisende bietet, Costa Rica verspricht auch noch mal den ganz besonderen Kick!

Zip-Lining hieß der erste Programmpunkt in Monteverde, den nahezu alle Gruppenmitglieder als Einstiegs-Adrenalin-Rush mitnahmen. In weiß-der-Himmel-welche-Höhen zippten wir uns durch Dschungelkletterwald und steuerten mit einem Affenzahn von Plattform zu Plattform. Bestens abgesichert und eingehakt an den Seilbahnen zunächst im Standard-Normalmodus. Nach der letzten Plattform dann Hiking in höhere Gefilde. Und oben angekommen, DAS Highlight: Im Supermanstyle wurden wir an der Seilbahn angebracht und zischten mit einer rasenden Geschwindigkeit entlang der längsten lateinamerikanischen Seilbahn und unter Vogelperspektive zum gegenüberliegenden Waldstück. Was eine Aussicht! Um nur ein klein wenig Eindruck davon zu gewinnen wie sich ein Vogel in den unendlichen Lüften fühlen muss, war dieser Rush schon all seine Überwindungen und Moneten wert. Absolute Freiheit und Blick auf eine beeindruckende Landschaft. Costa Rica lässt sich auch von oben sehr schön betrachten! Nach einem weiteren Superman-Flug, folgte der Tarzan-Swing. Noch völlig geflasht und Adrenalin gepumpt von den Freiflügen, spurtete ich unbedarft über die wacklige Hängebrücke bis zum Ende der Plattform und... machte postwendend kehrt. Nein, nein, man muss das Nervenkostüm nicht unnötig überstrapazieren. Der freie Fall in himmelweite Tiefen ohne erkennbaren Untergrund war dann doch eine Nummer zu extrem für mich. Man muss sein Glück auch nicht heraus fordern.

Während ein paar Waghalsige das Adrenalin-Theme-Paket inkl. Hanging Bridges und Bungeejump in Anspruch nahmen, entschieden sich die Schwedin und ich für die Wellness Option Pferdereiten und Petiküre. Im Ernst Leute, die Massageeinheit war längst überfällig und hatte mein Backpack geschädigter Rücken bitter nötig. So ließ ich mich mit Panflöten unterlegten Chill-Out-Klängen 30 Minuten verwöhnen, während die Schwedin ihre Füße bearbeiten ließ. Reicher wurden wir durch diese Treatments zwar auch nicht, doch gefühlt habe ich mich wie ein neuer Mensch. Auch die Australierin ließ sich ein Wellnesspaket aufschwatzen und wir machten uns unterdessen mit einer Quesedillas to-go auf zur Pferderanch. Die beiden Prachtpferde "Tequila" und "Emperial" standen schon sattelbereit in den Startlöchern, so dass wir uns innerhalb kürzester Zeit im Sattel einfanden. Nun denn, mein naiver Gedanke "ab da an weiß das Pferd schon gewiss, was zu tun ist", sollte sich ganz schnell in Luft auflösen. Nach dem ich die Lenkung und Steuerung dieses neuen Fortbewegungsmittels einigermaßen im Griff hatte, durchritten wir den Wilden Westen Costa Ricas und ließen uns von der fantastischen Natur beeindrucken. Auch wenn ich die Lenkung des braunen Hengstes nach wenigen Minuten ganz gut raus hatte, so wollte mir der Tempomat nicht immer gehorchen. Tequila bot mir den einen oder anderen Salsa-Tanz und galoppierte auch schon mal aus dem Nichts drauf los. Doch die perfekt trainierten Tiere erwiesen sich ansonsten als friedliche und gehorsame Weggefährten und durchschritten mit uns die Costa Ricanische Prärie wie Winnetou und Old Shatterhand es in Jugoslawien nicht besser bestreiten hätten können. Unterwegs, gefolgt von zwei netten Hunden, besuchten wir die zwei kleinen Ferkelchen 'Piggeldi & Frederick" und hielten noch auf einen kurzen Tratsch mit Wildfang 'Dr. Nielson" an, bis wir nach 2 Stunden durch Berg, Feld und Fluss wieder an der Ranch ankamen. Ein Ausritt wie aus dem Bilderbuch!

Noch einmal schwitzen hieß es in der Soccerhalle, die Tourguide Alonzo gemietet hatte. 5 gegen 5 unter überdachtem Kunstrasen bestritten wir das 1-stündige Match in dem Laura (England) im Tor, Sohny (England) in der Defensive, Alonzo (Costa Rica) und ich (Germany) im Mittelfeld hantierten und Gabbie (Kanada) im Sturm das Team 'Verde' vertraten. Die gegnerische Mannschaft setzte sich aus Michael (Australien), Stef (Kanada), Camilla (Norwegen), Darren (England) und einer dazu gestoßenen Costa Ricanerin zusammen. In einem ansehnlichen Match lieferten wir uns unter der Referee-Leitung Sonams (England) ein hart umkämpftes Spiel, welches mit einem gerechten Unentschieden endete. Was ein Tag!

Gekrönt wurde dieser vom letzten Abendmahl in Monteverde, welches uns mit Köstlichkeiten wie Thai-Curry-Kokos-Chicken-Wrap, Schrimps und einem grandiosen Ingwer-Martini den Abend versüßten und uns mit Salsa-Klängen austanzen ließ. Buonos Noches! 



Vamos!

Mittlerweile sollte ich meine Passnummer im Traum aufsagen können. Gefühlte 100 Formulare zur Ein- und Ausreise, Aufenthalt und Bankzugriff galt es an jeder Grenze auszufüllen. Haben die schon mal was von Copy & Paste gehört? Oder einfach Einscannen? Vermutlich nicht, denn im Hintergrund der Bordercontrolle huschte ein Windows DOS über den Bildschirm.

Nach unserem gestrigen Vulkanabenteuer, führte uns ein immens länger Fußmarsch durch Lavageröll, entlang von Plantagen und Farmen zurück Richtung Inselkern. Geschwächt von der mittlerweile stechenden Mittagssonne trabte und stolperte unsere Gruppe aus 4 Vulkanjägern nur so über steppenartige Felder. An einer "Kuhweide", inmitten eines Waldes, hielten wir inne und kramten unser zweites Chicken-Sandwich aus dem geröllgeschädigtem Rucksack um dieses wortlos und erschöpft einzunehmen. Eidechsen und neugierige Kälber beobachtenden unser Lunch, während wir blessiert und schwitzend daran dachten weitere 40 Minuten Wanderung in der prallen Sonne durchzustehen. Ich schaute rüber zu Luiz und brachte meinen besten Dackelblick zu Gesicht, der mir unter den gegeben Umständen möglich war. Luiz verschwand. Wenige Minuten später pfiff er uns zu "Get on the Jeep!" und ohne groß zu überlegen sprangen wir drei auf die hintere Truckbelade, wo wir uns neben diversen Tonnen Platz verschafften und die weitere Reise im Safaristyle fortsetzten. Mit einem "Muchos Gracias est Adíos" verabschiedeten wir uns dankbar bei unserer Mitfahrgelegenheit und fanden uns nach einer ausgiebigen Dusche mit dem Rest der Gruppe und einem 'Coco Loco' im Thermalbad ein.

Am Abend wurde noch einmal mit der Gastfamilie gespeist, deren Küche karg bestückt und mit kaum Wanddekoration auskam. Fließendes Wasser anstatt Spül- und Waschmaschine. Ein höchstens 15" schneeflimmernder Röhrenfernseher im Wohnzimmer. Schaukelstuhl. 2 Bilder an der Wand. Dahinter Schlafzimmer und Bad. Ein kleines Puppenhaus mit Wellblechdecke. Draußen Tisch, Waschbrett und Brunnen. Das Grundstück abgetrennt mit Maschendrahtzaun. Manni, der Hund, liegt zufrieden davor. Ein glückliches Ehepaar. Herzlich. Strahlend. Dankbar.

Die Schwedin hatte keine Gelegenheit mehr sich von den zwei Hausschweinen Bonita und Chiquita und dem Ferkelchen Rapida zu verabschieden, als wir zu einer unsäglichen Uhrzeit von 6:30 Uhr unsere neuen Familien und die Süßwasserinsel verließen. Diesmal auf keinem Frachter, sondern schon Flüchtlingsboot beschreibend. Keine Sitzplätze, sondern auf unseren Backpacks hockend und liegend ging es rüber aufs Festland. Ich war begeistert. So viel Authentizität hätte ich mir nicht träumen lassen können. Mit "Du hast nicht viel Gepäck, nur ein paar Träume" und einem bemerkenswerten Buchklassiker schipperten wir leinenlos zurück zum Festland um von dort aus weiter an die Grenze Nicaraguas zu holpern.

Costa Rica empfing uns mit leichtem Regenschauer und einer Wandereinheit entlang des Grenzübergangs. Die Amigos haben uns mal schön alles Gepäck von Nicaragua rüber schleppen lassen, zwischendurch Formblätter ausfüllen, Währung umtauschen und Borderhändlern ausweichen. Den Bettlern habe ich meine letzten cortopanischen Münzen zu geworfen um dann festzustellen, dass ich doch eigentlich eine zur Erinnerung behalten wollte. Mist. Aber egal. Irgendwie Erleichterung. Nicaragua ist trotz seiner Schönheit kein kaltes Pflaster.

Costa Rica erschien da doch gleich ein wenig weiter entwickelter. Die Malls haben die Amerikanisierung mit Bravour abgeschlossen und auch im Leistungsfach Tourismus konnte fast volle Punktzahl erzielt werden. Wir befinden uns jetzt in 1600 Meter Höhe in Monteverde und werden in einer Eco Lodge mit allen Annehmlichkeiten beherbergt. Mein erster Checklistenpunkt 'Laundry' ist bereits abgehakt, die Dusche war ein Traum und der nachfolgende Punkt 'Verköstigung' ein Gaumenschmaus. In super internationaler Runde (der Engländer, die Australierin, die Schwedin und ich) tauchten wir in in DAS Sushi Erlebnis. Selten habe ich so hervorragend gespeist. Sushi ist mein neues Top-Gericht!

PS: Aufgepasst beim unbedachten Eiscafé-Kauf. Meine Bestellung schlug als 2-Millionen-Kalorien-Getränk voll ein!!


Chicken Trip & Vulkanjäger

"Would you like an adventure now,
or shall we have our tea first?"
-Peter Pan


Wenn mein Rücken bis dato noch intakt gewesen war, so ist dies spätestens seit heute nicht mehr der Fall. 6 Blocks - so lautete die Anweisung von Alonzo, als wir unsere Backpacks aufschnallten und Richtung Busbahnhof stiefelten. Sage und schreibe 20 Minuten marschierten wir als billiger Abklatsch einer Armeetruppe querfeldein durch nicaraguanisches Markttreiben und brutzelnde Hinterhöfe. Gefühlt habe ich mich wie bei Hinter den Kulissen von Nicaragua. Herabhängendes Gemüse, offene Feuerstellen, lagernde Hühnchen, Bananenstauden, Schlammpfützen. Feilschende Händler und Unterhändler. Die Realität präsentiert sich in den Nebengassen und abseits der heraus geputzten Mainstreet.

Völlig durchgeschwitzt und mit massagebedürftigen Rücken- und Nackenmuskeln erreichten wir den staubigen Halteplatz des auf uns wartenden 'Chicken-Bus', der in seinem Inneren wie ein ausgebombter Schulbus aussah. Stickerbeklebte Frontscheibe. Abgerissene Sitzplätze. Notdürftig angebrachter Rückspiegel. Im Gang klebriges Allerlei und augenscheinlich verdorbene Speisen verkaufende Señoritas und Niños. Wir reisen neuerdings mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Authentisch. Gewöhnungsbedürftig.

Wir hielten wirklich an jeder sich anbahnenden Gruppenschar von mind. 2 Personen an, um diese noch irgendwo in diesem kriegsbeschädigten Fahrzeug unter zu bekommen. Gleichermaßen entließ der Busfahrer an jeder kreativ zusammen geschusterten Unterhaltstelle mitreisende Fahrtabschnittsgefährten und fand indes Zeit den ein oder anderen Tratsch mit bereits auf Neuigkeiten wartenden Rentnern zu halten. On-the-fly nennt sich übrigens die aktuelle Streetworkerscheinung, bei der man ohne Anhalten und Bezahlen des Busses aufspringen kann. Gern gesehen sind auch die On-and-off-Hopper, die sich ohne ökonomischen Hintergedanken zur Zentralisierung, alle in 10m Sichtweite aufstellen und den Busfahrer zu 3 Stopps innerhalb von 30 Sekunden zwingen.

Mein Blick richtete sich noch einmal auf die strukturiert beklebte Busfront, auf der sich die gesamte Actioncollection 'Dragon Z' nebst der Stickerreihe 'Heilige Maria - alle Portraits' und dem FC Barcelona Wappen diverser Größen erstreckte. Phänomenal. Doch scheinbar die Standardtapezierung mittelamerikanischer Vehikels. Denn auch im Mini-Chicken-Van, in dem wir nach 2 Stunden umstiegen und uns dicht aneinander gedrängt zusammenpferchen mussten, konnten wir die Bibelgeschichte verknüpft mit Super Mario Car World noch einmal in Stickerform nachvollziehen. Zu viert, im Schweiße unseres Angesichtes auf zwei Sitze gequetscht, bestritten wir die nachfolgende 15-minütige Fahrt um anschließend auf das Chicken-Boat umzusatteln, mit dem wir den letzten Routenabschnitt, inkl. Schiffsgeschaukel ganz großen Formates, bestritten.

Am Ufer der größten, im Süßwasser liegenden, Vulkaninsel der Welt 'Ometepe', wurden wir zugleich zum Strand aller Sonnenuntergangsträume chauffiert, wo die lokale Community bereits mit dem Kochen unseres Abendmahls begonnen hatte. Während es noch um die Ecke brutzelte und vor sich her kochte, erhielten wir eine 1-stündige Einweisung in die 'Optionals' auf dieser lächelnden Vulkaninsel. Neben Pferdereiten am Strand und diversen Wanderhikes, strahlte mich die Tageswanderung hoch zum herausforderndsten Vulkan Nicaraguas an. Völlig irrational entschied ich den 1600m hohen 'Conception' zu erklimmen. Ernüchterung erst, als sich heraus stellte, dass nur zwei weitere Personen mit mir diesen Weg bestreiten würden. Ein australischer Armee-Mann und der Deutsche. Huch, hatte ich da vielleicht doch ein paar Nebeninformationen und Hinweise verpasst? Die Mehrheit unserer Gruppe entschied sich für Pferd und Beach, während Team Kanada + Friends die Halbtagestour zum Vulkan ins Auge fassten. An dieser Stelle hätte ich vielleicht die 40$ Vulkangebühren zurück halten und meine Auswahl noch mal überdenken sollen. Tat ich aber nicht.

Mittlerweile entfaltete sich der Geruch der Ometepischen Spezialitäten, doch an ein baldiges Essen war noch nicht zu denken. Schnellkochtopf gibt's hier nicht. Unsere Gastfamilie stellte sich dafür schon mal vor und gab uns Einblick in die Räumlichkeiten. Walt-Disney-Prinzessinnen-Raum mit Feentouch unter Wellblechdach würde es genau beschreiben. Jenny, die Engländerin und ich waren begeistert! Schnell wurde um die drei rosa, pink und lila bezogenen Betten gefeilscht, zu denen wir zusätzlich zwei Standventilatoren erhielten. Bitter nötig. Das Bad (außerhalb gelegen) erwies sich als 'Basic' und beherbergte zudem ein paar neu kennen zu lernende Insektenspezies. Gerne hätten wir noch über das eine oder andere Thema mit unserer temporären Familie geplaudert, doch dies ließen unserer katastrophalen Spanischkenntnisse nicht zu.
Nach ausgiebigen Abendverzehr begaben wir uns zu Bett und lauschten der Stille. Stille? 3 Millionen Vögel stimmten sich im Kanon ein, ein Sturm blies die Palmenblätter scheppernd über unser Wellblechdach, die nicht-geölten Ventilatoren quietschten durch die Nacht und ein weiteres tippelndes Geräusch machte sich auf unserem Dach bemerkbar. Kleine Füßchen. Auf und ab. Ratten.

Zum Frühstück präsentierte sich vor mir eine Portion Rühreier, Reis, Bohnen und Tortillagebäck. Um 5 Uhr morgens. Na dann mal auf. Als ich den bis zum Rand gefüllten Teller zu 3/4 ausgelöffelt hatte, läutete der Bus zur Abfahrt. Einen Vulkan galt es zu erklimmen. Mir zitterten die Knie. Was hatte ich mir da schon wieder eingebrockt? Von allen Sinnen verlassen musste ich mir ja ausgerechnet den schwierigsten Vulkanaufstieg auswählen. Manchmal zweifele ich an mir selbst. Sinnigerweise hatte ich die Schwedin am Vorabend informiert die Bergwacht nach einem aggressiv roten T-Shirt Ausschau zu halten. Safety first!

Die ersten Meter erwiesen sich als guter Start. Der Weg, nur geradeaus führend, war geprägt von viel Gestein, riesigen Baumstämmen und einem Insektenorchester, das fast für Taubheit sorgte. Tropische Temperaturen, erste Schweißperlen, glücklicherweise keine Sonne weit und breit. Im Anschluss an den Einlaufpart, sollte der 'Medium Part' folgen. Schon nach wenigen Schritten stellte ich mir schweißüberlaufen die Frage: "Wenn das der Medium Part ist, wie soll denn erst der 'Hard Part', geschweige denn vom 'Killer Part', aussehen?" Es nützte alles nichts, das Wanderprogramm musste jetzt durchgezogen werden. Wir kraxelten das verdammt steile Vulkangebirge, umringt von Dschungelwald und kreischenden Affen, weiter nach oben und ignorierten die mittlerweile flussartigen Schweißströme. Ich möchte mir gar nicht ausmalen wie ein Hike unter sonnensichtbaren Umständen ausgesehen hätte. Undenkbar! Der Weg wurde steiler und Wasser + Wind meine zwei neuen besten Freunde. Auch den Wanderstick wollte ich nicht mehr missen. Das Tool ist wirklich Gold wert.

Nach 800 Höhenmetern erhielten wir so langsam ein Bild von dem was uns da oben erwarten sollte. Rauch. Wolke. Weiß. Es wurde windiger. Nach 900 Metern zog der Tourguide schon mal in Erwägung die Erklimmung abzubrechen. Zu starke Winde. Denn merke: ab der 1000 Meter Grenze geht es kraxelnd weiter. Handschuhe hatten wir bereits erhalten. Auf 950 Metern dann die nüchterne Erkenntnis: Das könnte windig werden. 1000 Meter: Um Haaresbreite hätte mich der Vulkan die mühselig erklommenen Meter wieder herunter gepustet. Windstärke 14 stürmte es hier oben und trotz meines reichhaltigen Frühstücks konnte ich mich kaum auf den Füßen halten. Die Wolken versperrten zudem die Aussicht auf die Insel. Missmut. Enttäuschung. Chicken-Sandwich. Während des Lunchs entschieden wir mit unserem Tourguide, das ein Weitergehen keinen Sinn machen würde und lebensbedrohlich enden könnte. Abbruch.

Doch als Alternativrückroute dachte sich der hier aufgewachsene Tourguide was ganz besonderes aus: Auf zu den Spuren des Lavacanyons, welcher sich in 1957 bei einem schweren Vulkausbruch formte und bildete. Ganz original Standard kann man es wohl nicht bezeichnen, als wir uns über den gut befestigten Maschendrahtzaun arbeiteten und in ein Adrenalinabenteuer abseits der Touristenwege starteten. Zunächst kämpften wir uns durch dicht bewachsenes Dickicht und Dschungelwald, blieben in Dornen hängen und traten in lose Stolperfallen. Dann erblickten wir den Canyon. Eine Felsformation vom allergeschliffensten! Was für Kräfte müssen hier gewirkt haben, als die Lava 1957 durch das Flussbett strömte! Ein Kraxelerlebnis ganz besonderer Art stand bevor, was all unsere Free-Climbingkünste erforderte. Von Ast zu Ast hangelnd, entlang gebröckeltem Gestein und Lianen. Ein falscher Schritt und das Rutscherlebnis nimmt seinen Lauf. Und so geschah es dann auch. Als ich schon festen Boden unter mir spürte, hörte ich hinter mir nur noch bröckelndes Gestein abwärts rutschen. Michael, der Australier hinterher. Rasend schnell huschte er und mit sich ziehende Pflanzen und Felsgestein den Berg hinunter, bevor er kurz vor Aufschlag in aller letzter Sekunde von Luiz, dem Tourguide, gegriffen wurde. Geschockt und geflasht von den vor mir ablaufenden Ereignissen, konnte ich dem Backsteingroßen Felsbrocken nur hinter her sehen, als dieser im freien Fall um Haaresbreite an Michaels Kopf vorbei streifte. Shit...that was close! Einatmen. Ausatmen. Volcanoe: 0 Michael: 2. Schon beim Vulkanboarden konnte der Australier einer größeren Katastrophe ausweichen. "You were the first tourists I took to this place by the way." erwähnte Luiz beim Verabschieden. - Ja, und beinahe die letzten. 



La cuenta, por favor!

Nicht nur, dass ich seit Antigua zum Frühaufsteher mutiert bin und meine durchschnittliche Aufstehzeit bei 5:30 Uhr liegt, seit Eintreffen in Mittelamerika beherrsche ich auch die deutsche Königsdisziplin namens Pünktlichkeit. Mit Bestnoten erscheine ich an jedem vereinbarten Treff- und Abfahrpunkt und kann sogar mit dem Bonus Überpünktlichkeit glänzen. Wie schade nur, dass der Rest der Nation in den zentralamerikanischen Modus "komm ich heut nicht komm ich morgen" gewechselt hat und ich auf die ewig zu späten warten muss. Zügig werde ich mir diese neuen Disziplinen wieder abgewöhnen, denn zu spät kommt man ja eh immer rechtzeitig!

In Granada, welches am Fuße des aktiven Vulkanes Mombacho liegt, gab es so einiges zu sehen. Neben riesigen Plazas und bunten, kolonialen Straßen, ist auch das gastronomische Gewerbe nicht zu verachten. In dem groß ausgelegten "Garden Café" begannen wir den ersten Morgen mit einem klassischen Rührei und kross gebratenem Speck und rollten anschließend Richtung Masaya Vulkan National Park weiter. Mit Hinweisen wie "Im Falle von Steinexplosionen, verschanzen sie sich bitte unter ihrem Auto" und "Akzeptieren Sie Risiken" erforschten wir ganz unerschrocken Flora und Fauna der Vulkanstein geprägten Umgebung und ließen uns auch nicht von Bildern einer Eruption des vorhergegangen Jahres beirren. Auf meine Frage nach einem Frühwarnsystem, erläuterte uns Alex, der Tourguide "Ja, das gibt es. Funktioniert hat es allerdings beim letzten Ausbruch nicht." Anhand dieser neuen Erkenntnisse ging es ganz unerschrocken weiter zum "brennenden Berg", wie ihn die indigenen Völker auch nannten und warfen einen Blick in den 635m tiefen Santiago-Krater, der sich uns umhüllt von viel Rauch präsentierte. Während der Wanderung am Höllenschlund, demolierte sich Jenny ihre Flip Flops, was uns unter anderem dazu bewog weiter zum nächsten gelegen Wochenmarkt zu kutschieren. Man bemerke an dieser Stelle, dass Nicaraguaner grundsätzlich ein kleineres Fußbett besitzen, weshalb die Auswahl des Schuhwerks begrenzt ist. So stellten wir die Händlerin vor eine ganz besondere Tagesaufgabe, als diese nach 10min immer noch keine Schuhgröße 39 in ihrem Sammelsurium ausfindig machen konnte und auch noch mit Neusortierung ihres Schuhwirrwarrs beschäftigt war, als wir den Markt verließen und zum nächsten Stopp unserer Reise aufbrachen. Töpfern in Nicaragua ist ein besonderes Handwerk, welches vorwiegend von männlichen Vertretern gerne ausgeführt wird. In einer Töpferwerkstatt wurde uns workshopmäßig die Kunst des Töpfern aufgezeigt und im Anschluss zum Kauf von selbst hergestellten Haushaltsgeräten geraten und beraten. Hier hätte man wirklich so manchen Schnick-Schnack für die moderne Küche erwerben können, doch mit der Klassiker-Ausrede "Sorry, we just have a Backpack", bei dem das handgemeisterte Gut doch nur zerbrechen würde, konnten wir uns noch einmal aus der Affäre ziehen und töpscherisches Allerlei im Regal belassen.

Nach diesen Anstrengungen ging es hoch zum Ausblick auf den Vulkansee und weiter in das danebenliegende Restaurant, welches uns wärmstens von unserem Tourguide empfohlen wurde. Erfreut über Meeresspeisen orderte ich die mich anlächelnde Fischsuppe, während uns Alex noch mal bestätigte, dass die Mehrwertsteuer auch ganz bestimmt schon im Preis enthalten ist. Genüsslich griff ich zum Löffel und nahm mir eine ordentliche Kelle aus dem "Teller", mit dem eine 6-köpfige Familie ernährt werden hätte können. Der leicht fade Geschmack wunderte mich zunächst schon ein wenig, während ich den Löffel an die Schwedin zum Probieren weiter reichte. "Uh...what kind of fish is this?" als sie das keulenartige Etwas mit dem Löffel an die Oberfläche der Suppe beförderte um dann festzustellen: "It's a Chicken!" Der Lacher des Tages war somit Programm und die Fischhühnchensuppe begleitete uns noch durch den ganzen Nachmittag. Leider auch die spätere Abrechnung im Restaurant, bei der wir alle mal wieder über den Tisch gezogen worden sind. Zum Preis auf der Speisekarte wurden uns zusätzliche Unkosten von Mehrwertsteuer und Service aufgerechnet, so dass wir am Ende einen fast doppelten Betrag zu Zahlen hatten. Diese gierigen Luchse!

Auf dem Weg zu unserem letzten Stop alias Bootstour, passierten wir eine Transvestiten-Parade, die uns im Stile von Kirmeszug und Gay-Pride zujubelte. Am Ablegeufer angekommen durchfuhren wir mit dem Boot noch einmal wunderschöne Wasserstraßen, besichtigten Monkey-Island und sichteten den magnikifanten Sonnenuntergang am Fuße des Mombachos.

Am späteren Abend ging es mit der ganzen Gruppe in nettes orientalisch geprägtes Etablissement, wo ich endlich meinen Gourmert-Fisch gerecht wurde und einen grandios leckeren Meerestieresalat gewürzt mit Chili und Ingwer verspeiste. Straßenbreakdance und ein einbeiniger Kriegsveteran begleiteten uns noch durch den restlichen Abend, wobei letzterer mit bösen Beschimpfungen und Verfluchungen in unsere Richtung für Unbehagen sorgte. Merkwürdige Stadt. Wirklich willkommen. Eher nicht.

Mit jeder Welle kam ein Traum...

"This is the going-fat-Tour" - die Australierin beim Betreten einer Fast-Food Kette in Tegucigalpa.

Ich habe festgestellt, dass mein Spanisch noch nicht einmal zum Ordern eines Frühstücksmenüs bei Burger King ausreicht. Gestikulierend stammelte ich der Auszubildenden ein "la menu numero dos est un aqua mineral" entgegen und hätte bei nicht Eingreifen der Supervisorin des Ladens glatt 2 Croissants und ein nicht definierbares Dosengetränk erhalten. Schlussendlich hielt ich das Überraschungsmenü mit hash-brownies und einem Frikadellencroissant in den Händen. Ich würde sagen: Hauptsache was Essbares!

Wie sind wir überhaupt nach Tegucigalpa gekommen, wo ich doch dachte wir würden diesen Brandherd von Kriminalität großräumig überfliegen?
Bereits um 4:00 Uhr klingelte der Wecker, da wir pünktlich um 5:30 Uhr die Insel der Träume verlassen mussten und auch dem Sonnenaufgang noch einmal gerecht werden wollten. Noch nicht richtig auf den Flugsitzen angeschnallt, landeten wir auch schon wieder. "Come on, you have to get out of here!" blökte es uns entgegen, als wir unseren 20-minütigen Flug kaum glauben und sich so mancher noch nicht einmal in die Sicherheitshinweise einlesen konnte. Innerhalb der Landebahn tauschten wir also das Propellermaschinchen und flogen weiter in die Hauptstadt Honduras: Tegucigalpa. Erschreckende Metropole. Mehr Armut als Reichtum. Dreckig und schäbig. Sicher - wohl kaum.

In windes Eile machten wir uns über alle Berge um zügig die Grenze nach Nicaragua zu erreichen. Was uns hier erwartete, wäre von keiner EU-Abgeordneten abgesegnet worden. Dutzende, dicht an dicht aneinander gereihte Großtransporter, welche gerade mal zweispurig und nicht geteerter Straße verbarrikadierten. Viel bewaffnetes Personal. Und ein Typ aus Ghostbusters. "Close the windows" rief er uns lauthals zu, als wir fluchtartig alle Öffnungen am Vehikel verbarrikadierten und der Gasmaskenmensch mit dem Desinfizieren unseres fahrbaren Untersatzes begann. Kulturschock. Den Einreisestempel für Nicaragua gab es auch nur für ein pyramidiales Schmiergeld. Abzocker. Korruption. Auch beim Währungsumtausch auf offener Straße wurden wir mal wieder nach Strich und und Faden übers Ohr gehauen und hätten sogar um ein Haar Blüten angedreht bekommen. Trotz all dieser korrupten Umstände vermehrte sich unser Kapital augenscheinlich dennoch, denn der 'Cortopas' ist noch weniger wert als die mittlerweile lieb gewonnene Lampire. Die holprige 3-stündige Weiterfahrt war geprägt von Regenschauern, Trockenheit und Buschfeuern. "They burn stuff everywhere." wusste die Norwegerin zu berichten, die sich schon seit Mexiko mit mittelamerikanischer Tradition und Verfahrensweisen auseinander setzen muss.

Isla Los Brasiles heißt der 10.000 Einwohner Ort in dem wir uns nach ewiger Fahrerei einfanden. Ein Ort wie man sich Nicaragua vorstellt. Abgerissene Reklame, bröselnde Hauswände, Wellblechfassaden, improvisierte Statik, herumstreunende Hunde. Menschen auf den Gassen. Lehmbodenartige Durchfahrwege. Neugierige Leute. Armut. Hollister Shirts. Strohdächer, Abflussdefizite, Kabelmassen, Straßenüberquerende Wäscheleinen.
Ich habe mich kaum getraut Fotos zu schießen. Aus Respekt. Ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut vor diesem Ort. Erschreckend beeindruckend.

Die nächste Überraschung lieferte uns der Strand, denn:
1. war unsere Reise hier noch nicht beendet
2. ein nicht vielmehr als Paddelboot zu bezeichnendes Etwas lag am Ufer bereit, welches uns zur Insel, bzw. Landzunge steuern sollte. Alle. 15 Tourmitglieder. Und Gepäck. Man braucht kein Mathematikgenie zu sein um zu erahnen, welches Gewicht bei 15 Backpacks á 13 Kilo und 17 Bootinsassen zusammen kommt. Vielleicht auch doch. Denn nach meinem Rechenensemble sah ich uns schon am Grund des Sees. Blubbernd. Und wahrscheinlich noch mit Kamera und iPhone in der Hand. Die Einwohner Los Islas Brasilas lachend und klatschend im Hintergrund. Doch in Nicaragua funktioniert Mathematik anders und so erreichten wir das gegenüberliegende Ufer ganz ohne Untergang der MS United. Ein Pferd mit alternativem Kutschfuhrwerk (bin ich im 17. Jhd angekommen?) lächelte uns zunächst, - als es unsere Backpacks erblickte nich mehr -, entgegen. In einem 10-minütigen Fußmarsch trabten wir barfuß und erschöpft, allen voran das zu bemitleidende Pferd, zu Turtle Lodge oder aber auch Surfer Paradies genannt. Strohhütten, Hängematten, Palmen, Reggae-Musik und 20 andere Backpacker aus aller Welt begrüßten uns mit erfrischenden Trinks und einem 'Relax your ass...slowly". Außer dem Blitzgewitter am Strand überlass ich den Rest des Abends eurer Imagination.

"Wenn du auf den richtigen Moment gewartet hast, das war er." - Captain Jack Sparrow

Der nächste Morgen. Moskitostiche. Thomapyrin. Backpacker Breakfast. Kaffee. Moment, seid wann trinke ich Kaffee?

Irgendwie musste wir ja in die Gänge kommen, denn die große schwarze Welle erwartete uns bereits. Mit Surfinstructions by Alonso, unserem Tourleader, überstanden wir die erste Hangoverphase und stimmten uns physisch und mental auf die brechende Wellengewalt ein. Der vulkangeschwärzte Strand bot uns zunächst Trockeneinheiten, bis wir zum Surfbrett griffen und uns in die Wellen stürzten. "Alles was du brauchst ist die perfekte Welle!" Ja, aber mein lieber Alonso, vielleicht auch noch ein bisschen Dynamik, Kraft, Balance und keine fußballgeschädigten Knochen. Der stand-up am Board wollte uns so gar nicht gelingen, da die Wellen nicht nur mit einer unvorstellbaren Gewalt als Massivwand auf uns einbrachen, sondern uns auch noch seitliche Welleneinheiten bekämpften.
Nach gefühlten 3-Litern Salzwasser änderte ich die Sportart: Sleep-Surfing oder aber auch: sich liegend auf dem Board von den Wellen tragen lassen. Wahnsinnig. Entspannend. Ich mag das Wasser und die Wellen solange ich mich nicht auf so einem unhandlichen Board erheben muss. Das überlass ich den Profis. Oder den Kanadierinnen. Die haben mit Yoga vorbereitenden Maßnahmen doch noch den ein oder anderen Stunt raus geholt. Cheater.

Die große Abschlagrechnung traf mich am Abreisenachmittag. Der pyramidialische (ich mag das Wort) Betrag schlug ein canyontiefes Loch in meine Portokasse. In einem wohltätigen Moment habe ich hinzukommend auch noch meine Restmünzen der Schildkröten-Caritas in den Rachen geworfen. Spendenquittung. Natürlich vergessen.

Léon wurde zum place-to-be, als wir die Landzunge Los Isla Brasilas mit einen letzten Toña to go verließen und uns wieder in die Zivilisation begaben. Sagte ich Zivilisation? Mit Léon ist an einem Sonntagnachmittag absolut nichts anzufangen. Noch nicht einmal die gut platzierten und unterirdisch verbundenen Kirchen konnten mit Gospelgesang oder Papstpreisungen aufweisen. So blieb uns nichts anderes übrig als den lokalen Supermarkt aufzusuchen und den Konsum anzutreiben. Den Rest des Tages verbrachten wir damit den Nachmittag im Hostel totzuschlagen, da unsere Volcanoe-Sandboarding-Gruppe noch irgendwo im Nirgendwo verschollen war und auf sich warten ließ.

Während wir neue Kartenspiele erlernten und die Geschichte des mittelamerikanischen Fußballs im TV verfolgten, mussten wir unentwegt einer Putzkolonne ausweichen, die mit einem zwanghaften Scheuerfimmel im Minutentakt das Foyer des Hostels entlang unserer Füße aufs gründlichste reinigte. Um 19:00 traf endlich unsere Restgruppe ein und wir machten uns auf den Weg nach Granada. Als wir um 22:00 Uhr die Stadt erreichten herrschte immer noch eine konstante Bullenhitze, die sich in der Nacht nicht legte. Regenzeit? Ist wahrscheinlich ein übrig gebliebener Begriff aus alten Tag und wird nur rein formhalber wie bei uns der sogenannte 'Sommer' verwendet.

Chill die Basis

Tipp des Tages: Eincremen, Eincremen, Eincremen. Ernsthaft. Leute.

In der Regenzeit zu reisen bietet so manchen Vorteil. Strandhandtücher müssen nicht in aller Hergottsfrüh reservierend auf der Liege platziert werden, der Badestrand ist brechend leer, Margaritas gibt's zum halben Preis und -oha- trotz alledem ist es kochend heiß! Ich hätte es besser wissen müssen, denn schon einmal habe ich mich auf selbigem Breitengrad befunden und mir ganz bitterlich den Rücken verbrannt. Deja-vu. Unter selben Vorraussetzungen. Sozusagen.

Doch fangen wir von vorne an. Der erste Morgen auf der 60km langen Insel Roatan begann mit einem French Toast und Blick auf tropisches Karibikmeer. Kaum hatten wir die ersten Happen verspeist, hatte uns auch schon einer der gierigen Touristenfuzzis eine Half-Day-Schnorchel-Tour für läppische 1.400 Lampire angedreht. Wie immer gilt: Keine Angst Leute, wir kriegen unserer Geld schon ganz schnell los! Da die Bootstour erst für den nächsten Tag vorgesehen war, mieteten wir uns für den Vormittag ein Kayak um die Insel wie die einstigen Ureinwohner im Stile von 'Conquest of the New World" zu erkunden. "Auf, wir stechen in See!" rief ich aus, als ich mich schon fast auf offenem Meer und Jenny noch am Strand mit Schwimmweste und Reiseproviant befand. Nachdem wir uns endlich korrekt adjustiert und im Boot eingefunden hatten, paddelten wir frohen Mutes los und lernten unterwegs türkisblaue Gewässer, schneeweiße Sandstrände, saftig-grüne Palmengewächse und stressige Speedboote kennen. Die Speedy Gonzales der Karibik machten uns desweiteren mit Wellengang vom Allerfeinsten bekannt, bei dem wir nicht nur einmal zu kentern drohten. Doch als neue Häuptlinge des Paddels und geschickten Ausweichmanövern hielten wir uns gut über Wasser und standen 3-Stunden Kayakfahrt ganz unversehrt durch. Das dachten wir zumindest. Bis dahin. Doch schon auf dem Fußmarsch zu unseren Reisekollegen zeichnete sich bei mir eine deutliche Farbveränderung am Fußrücken ab. Diese ignorierte ich zunächst erfolgreich und meldete mich für das nächste Karibikabenteuer an: Schnorcheln. Am Reef. War en Schnapper.

Auf offenem Meer schmiss man uns aus dem Schipperding von Boot und überließ uns mit Schnorchelmaske und Flossen unserem Schicksal. Völlig unorganisiert schnorchelten wir durch das Riff, welches sich für meine Begriffe viel zu dicht an der Wasseroberfläche befand und bei der Kanadierin für Schürfwunden sorgte. Auch ich streifte das ein oder andere Mal ans Reef und darf mich wohl jetzt in die Liste der Klimawandelverbrecher einreihen. Nach diesem zum-Fenster-heraus-geschmissenen Tauchgang brachte man uns zu einem sagenhaften Badestrand, an dem wir noch vor Betreten Liegestühle, Sonnenschirme und Margaritas offeriert bekamen. Nebensaison. Ganz offensichtlich.

Der Abend rückte näher und somit auch die unübersehbaren Auswirkungen des durchlebten Tages. Sonnenbrand. Ich fühlte mich wie in Twilight, nur dass ich mich vom Bleichgesicht in eine Rothaut verwandelte. Nein, die Sonne ist nichts für uns wintergeschädigte Nordhemnisphärler. Einzig die naturgebräunten Engländer konnten dem krebsroten Fluch entgehen. Dafür durften wir uns aber alle noch an den sogenannten "Sandkäfern"erfreuen, die es als Stichmuster on-top gab! Völlig erledigt, out-of-order und sonnenstichlediert begaben wir uns nach Fischbarbecue ins Bett.
This is the end, my friend.

Schon am nächsten Morgen fiel uns die gestrig gebuchte Schnorcheltour ein, für die wir dummerweise bereits eine Anzahlung geleistet hatten. Als Fußkrüppel humpelten wir zum Strand und stiegen missmutig in das bereitstehende Boot, welches noch 5 Amerikaner aus Oregon geladen hatte. Nach einer 20-minütigen Fahrt zur Mahagony Bay streifte ich mir unter Schmerzen die Flossen über und tauchte ein in kristklares Nass. Ab da an: Staunen. Faszination. Überwältigung. Unter uns eröffnete sich eine faszinierende neue Welt, die mit allen Farben der Natur von sich strahlte und uns Einblick in ein überwältigendes Terrain gab. Unglaubliche Riffformationen, Fische in allen Farben und Variationen, nie gesehene Pflanzen und unheimliche Tiefe. Stille und Vollkommenheit.

An einem weiteren Spot durchtauchten wir ein uraltes Schiffswrack und ich konnte DIE Entdeckung meines Mittelamerikatrips machen: Eine Schildkröte. Wir schlossen direkt Freundschaft und schwammen synchron entlang des Reefs, bevor wir uns an Flower Bay auf Wiedersehen winkten. Der Tag war gerettet und die Bootstour hat sich mehr als bezahlt gemacht. Schade nur, dass wir keine Unterwasserkamera in petto hatten und ihr mir die Schildkrötengeschichte in Gänze glauben müsst ;)

Wieder am Ufer angekommen trieb es uns bei mittäglichen Temperaturen entfernt von Gut und Böse in die "Stadt", wo wir ein paar Postkarten, aber keine Briefmarken, und sommerliche Kleidung erwerben konnten. Mehr war an diesem Tag nicht möglich. Ich fühlte mich wie ein gebratenes Hühnchen und durchlebte mein Coral-Bay Deja-vu in vollen Zügen (An dieser Stelle: Gruß an Raquel ;)).

Morgen gibt es eine kleine Planänderung: Wir fliegen an die Pazifikküste anstatt die 10-stündige Busfahrt nach Tegucigalpa auf uns zu nehmen. Nee Leute, selbst der Tourführer traut sich da nicht auf die Straße. Wir bleiben lieber am Strand, jetzt sind wir eh schon rot ;)

Randnotiz: Tee braucht hier grundsätzlich länger als Kaffee. Da dieser wohl in einem Topf nach Großmutters Geheimrezept aufgebrüht wird.

PS: Ich habe unseren 4. Kompagnon gefunden und Donatello getauft @ M. aus R.

La Isla Bonita

Erkenntnis des Tages: "Wenn man 100 Linkskurven fährt und 100 Rechtskurven, ist man umgerechnet doch nur gerade aus gefahren. Und es ist einem trotzdem schlecht." - ein Deutscher

In meiner gesamten Reiselaufbahn ist mir noch nie so schlecht gewesen. Kaum habe ich das Vehikel von Bus betreten, setzen mir auch schon Übelkeit und Kopfschmerzen zu. Ob es an der stehend heißen, trockenen Luft liegt, der kurvenreichen Berg und Tal Fahrt oder gar an den realitätsfremden Außenfassaden, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten.

Fakt ist, dass die 6-stündige Fahrt zum Karibikablegehafen so einiges zu bieten hatte. Da hätten wir z.B. den sogenannten Pinguin-Bus, welcher tatsächlich ein großer Truck ist und auf seiner hinteren Ladefläche ganze Großfamilien mit 3.-gradigem Anhang und deren Haustierrepertoire unterbringen kann. Oder aber auch am Straßenrand stationierte Armee-Quartetts, die bis unter die Zähne bewaffnet, kreuzende Rinderherden und Mango-Transporter obduzierten. Auch 3-5 Verkehrsunfälle, querliegende Tanklaster, ausgebrannte Busse und jede Menge Pepsi-Reklame, waren Teil unserer spektakulären Fahrt durch Honduras.
Im Economy-Share-Modus teilten wir Businsassen uns frisch ersteigerte Snacks und Leckereien um die Fahrt etwas zu beleben und das neu erlesene Tauschsystem zu testen.

Mit viel Tam-Tam, Sicherheitsgechecke und einer Anti-Seekrankheitstablette, legten wir um 16:30 Uhr am Hafen ab und schipperten mit kaum Übelkeitsempfinden über karibische Gewässer Richtung Rum-Eldorado "Roatan". Auf dem Weg dorthin machten die Schwedin und ich eine ganz besondere Bekanntschaft. Blauäugig wie wir waren, lehnten wir uns über Backboard und winkten, den unserem Empfinden nach Guantanamo-Laienschauspielern zu, die sich mit Handschellen bestückt, an der Reling positionierten. Ein späterer Dialog mit unseren Mitreisenden ergab allerdings, dass es sich um echte Gefangene hielt. - What??! Dabei waren wir doch drauf und dran noch ein Gruppenfoto mit den beiden Jamaikanern zu ergattern.

Im Angesicht des Sonnenuntergangs erreichten wir 'La Isla Bonita Roatan' und begaben uns unverzüglich in den "Chill-die-Basis"-Modus, um beschallt von texanischer Latinoschnulzenschlager in einem auf Holzpfählen stehendem Restaurant frische Fischspeisen aus der Karibik einzunehmen. Hummer, kokosgetränkte Shrimps und andere undefinierbare Herrlichkeiten zierten unseren Teller, welcher mit einem Piña Colada gekrönt wurde.

Tropical the island breeze
All of nature, wild and free
This is where I long to be
La isla bonita